Fliegenfischen – Feuchte Freiheit

Fliegenfischen. Der Flug der Leine, erklärt Jean-Pierre ­Vollrath, muss zum Gewässer passen, und zu den Insekten, die an ­seinen Ufern leben

Der Flug der Leine, erklärt Jean-Pierre ­Vollrath, muss zum Gewässer passen, und zu den Insekten, die an seinen Ufern leben © Foto: Florian Bachmeier

ANZEIGE
Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Wer zum Fliegenfischen ausrückt, tritt an zum geistigen Kräftemessen von Mensch und Fisch. Nur mit List, Wissen und der richtigen Wurftechnik gelingt es, dass Forelle oder Hecht am Haken zappeln. Einer, bei dem man all dies lernen kann, ist Jean-Pierre Vollrath. Er betreibt eine entsprechende Schule im oberbayerischen Bad Kohlgrub (ALPS Magazine #17 4/2013 Review)

Denkt jemand ans Fliegen­fischen, dann hat er meist ein Bild im Kopf: Den jungen Brad Pitt, wie er in der Gebirgswildnis von Montana die Leine tanzen lässt – im für diesen Sport zur Ikone gewordenen Film „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“. Auch wenn keine Hollywoodgrößen anwesend sind: Mit der Filmkulisse kann das oberbay­erische Bad Kohlgrub durch­aus mithalten. Im Umkreis von wenigen Kilometern plätschern oder rauschen hier sämtliche Gewässerarten vorbei, die für Fliegenfischer von Bedeutung sind: Wiesen- und Gebirgsbäche, naturbelassene Fluss­strecken, türkise Bergseen. Und es wimmelt von Forellen, Huchen, Hechten und schwer zu überlistenden Äschen.

Franz und Erich, zwei spitzbübische Pensionäre aus München, möchten sich hier in die Kunst des Fliegenfis­chens einweihen lassen. „Im Urlaub Karpfen fischen kön­nen wir schon“, lacht Erich. Ein charmantes Hollywoodlächeln gibt‘s vor Ort auch: Es gehört zu Jean-Pierre Vollrath, einem Vollprofi, der seit fünf Jah­ren eine Fliegenfischerschule betreibt; im Watanzug – so heißt die Hose mit den integ­rierten Stiefeln offiziell – ist er quasi auf die Welt gekommen. Seine Kindheit verbrachte er an einem Wildfluss nicht weit von hier. Bevor er seine Passion zum Beruf machte, arbeitete er als Fotojournalist und Kajakguide. Wo immer es ihn hin verschlug, Fliegenruten und Neugier waren mit im Gepäck.

Unschuldig gluckst die Lindach, ein sanfter Bach am Fuß des Bad Kohlgruber Haus­bergs „Hörnle“ vor sich hin. Für Franz und Erich ist sie noch ein harter Gegner: Wie fließt die Strömung? Wo ist der ideale Standort? Welche Rute passt zum Bach? Alles Fragen, die Vollrath von ihnen beant­wortet haben will. Doch das ist nicht so einfach. Denn das Grundlagenwissen, das der Profi im Theorieteil vermit­telte, ist noch nicht auf Knopf­druck abrufbar.

Deshalb das Wichtigste im Schnelldurch­lauf: Anders als beim Angeln ist nicht der Köder das Gewicht, sondern die Angelschnur. Sie nimmt die Bewegungsener­gie der Rute auf und überträgt sie auf den fast gewichtslosen Köder. Die Länge der Rute ist nur eine der Komponenten, die an das Gewässer angepasst werden müssen. „Ihr müsst lernen, ein Gewässer zu lesen. Dann könnt ihr überall auf der Welt fischen.“ Ein wichtiger Indika­tor, um genau dies zu tun, ist ein x-beliebiger Stein am Ufer: Welche Insekten verbergen sich darunter? In welchem Entwick­lungsstadium sind sie? Danach richtet sich die Auswahl des Köders – im Fachjargon: Imitat. Also eine Insekten­nachbildung, die den Fisch anlo­cken soll.

Der Speiseplan ist vielseitig: Ein­tagsfliegen, Zuckmücken, Bach­flohkrebse, Maikäfer oder, für größere Exemplaren wie Hecht und Karpfen, Beutefische oder Amphibien. Täuschend echte Imitate zu binden ist eine Kunst für sich und eine winterliche Beschäftigung für Fliegenfi­scher mit Fingerspitzengefühl und viel Geduld. Gefertigt wer­den sie aus Kunststoff, Vogel­federn, Fellen und Haaren, in denen Haken unterschiedli­cher Größen befestigt sind. „Für einen unaufgeregten Fliegenfischer reichen fünfzehn unterschiedliche Imitate aus“, erklärt Jean-Pierre Vollrath. Ausgeprägtes Wissen in Insektenkunde ist nicht erforderlich.

Wichtig für Anfänger ist lediglich, zwischen Trockenfliegen, Nassfliegen und Nymphen zu unterscheiden und die Bewegung des Köders den für die Tiere typischen Mustern anzupassen. Nassfliegen schweben rhythmisch durch das Wasser. Nymphen, also Wasserinsekten im Larvenstadium, stoßen sich eher ruckartig vorwärts; deshalb drückt ein Metallkopf am entsprechenden Köder das Imitat unter die Wasseroberfläche. Trockenfliegen dagegen schwimmen an der Oberfläche und passen sich treibend der Strömung an. Schon deshalb ist die Einführung in die Wurftechnik der Höhepunkt eines jeden Grundkurses.

Nach filmreifer Eleganz freilich sehen die Anläufe bei keinem Einsteiger aus. Die ersten Auswürfe des „Gebetsroither“, einer von einem österreichischen Experten entwickelten Wurftechnik, landen überall, nur nicht da, wo sie auftreffen sollen. Erich führt die Rute senkrecht über seinen Kopf, wirft oben mithilfe des Daumens aus, die Schnur rollt über die Rutenspitze und rast beim Rückschwung in die Höhe. „Für den Anfang nicht schlecht“, lobt Jean-Pierre und empfiehlt den Bewegungsablauf im heimischen Garten noch viele Male zu wiederholen. Jede einzelne Phase soll verinnerlicht werden. Erst wenn alles intuitiv geschieht, wird die Wurftechnik wirklich beherrscht.

Fliegenfischen. Detailarbeit Den richtigen Köder zu wählen, ist schon ein Teil des Erfolgs. Bei der Auswahl aus den 15 Insektenimitaten hilft ein Blick auf die Bewohner an der Unterseite eines Steins

Detailarbeit Den richtigen Köder zu wählen, ist schon ein Teil des Erfolgs. Bei der Auswahl aus den 15 Insektenimitaten hilft ein Blick auf die Bewohner an der Unterseite eines Steins © Foto: Florian Bachmeier

Kaum ein Fisch, der am Haken zappelt, landet abends in der Pfanne. Die meisten werden aus Respekt und wegen gesetzlicher Verordnungen wieder in die feuchte Freiheit entlassen. Was zählt, ist das Kräftemessen zwischen Mensch und Fisch. Fliegenfischen als Kopfarbeit, das schätzen viele von Vollraths Schülern. Auffallend viele Rechtsanwälte oder Ärzte finden sich darunter. Ganz billig ist der Spaß nicht: Für eine Ausrüstung mit Watanzug und Rute fallen etwa 1500 Euro an. Geld, das Erich und Franz gerne investieren wollen. Bereits am dritten Gewässer, einem Gebirgsbach, scheint der Lehrmeister fast überflüssig. Erich erklärt schlüssig, warum hier der vordere Teil der Leine kurz sein muss. Franz analysiert den Standort des Fischs. Jean-Pierre ist begeistert. „Franz, du denkst schon wie eine Forelle.“

Notizen
 
Jean-Pierre Vollrath betreibt in Bad Kohlgrub die Fliegenfischerschule Oberbayern. Infos unter www.fliegenfischerschule-oberbayern.de.
 
Als Sitz der Schule und als „Basislager“ fungiert das gemütliche Landhotel Sebaldus. Infos unter www.landhotel-sebaldus.de