Föhn – Durch den Wind

Föhn. Jeder trägt die Last der Luft auf seinen Schultern: 20.000 Kilogramm!
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Wenn der Föhn für strahlendes Wetter sorgt, dann sind für Wetter­fühli­ge mildernde Umstände angesagt

Schönheit kann so grausam sein. Wenn das bayerische Voralpenland sich von seiner besten Seite zeigt, der Himmel so blau wie die Rauten auf der Landesfahne, die Luft so lind und die Berge so nah, dass man meint, die Gipfelkreuze zu erkennen, dann stöhnen die Bayern. Dann schieben sie alles, was schief geht, auf ihn – den Föhn, den warmen Fallwind aus den Alpen, der seine Böen über die Ebene jagt und vielen Menschen Beschwerden bereitet, Kopfweh oder auch Gelenkschmerzen, Gereiztheit und Schlaflosigkeit.

Touristen oder „Zuagroaste“, Einwanderer also, haben selten Verständnis für die Klagen der Einheimischen. Sie genießen den strahlenden Sonnenschein und die ungewöhnlich warmen Temperaturen und können sich gar nicht vorstellen, was daran so schlimm sein soll. Dass die Föhnangst womöglich pure Hysterie ist, scheint zunächst eine Messung der Meteorologin Eva Wanka vom Institut und Poliklinik für Arbeits- und Umweltmedizin der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität zu bestätigen: Die Verkehrsunfälle während eines Jahres nahmen bei Südwind ab und nicht zu – auch wenn die gereizten Hupkonzerte eine andere Sprache sprechen. Aber, auch das zeigte sich: Die Zahl der Selbstmorde und der Einlieferungen in psychiatrische Abteilungen nahm zu bei Föhn.

Es ist also doch etwas dran, an dem „narrischen“ Wetter. Und die Empfindlichkeit dafür nimmt mit den Jahren zu – den Lebensjahren wie der Zeit, in der man diesem klimatischen Effekt ausgesetzt ist. Föhn ist ein Südwind, der von Afrika her kommend oft sogar Saharasand nach Europa trägt. Der aber regnet sich meist im Süden der Alpen ab, wenn sich die Luft beim Aufstieg über die Bergketten abkühlt. Im Norden erreicht die nun trockene und leichte Luft hohe Geschwindigkeiten und erwärmt sich rasch im Fall. Die Wirkung, die das hat, geht von den Druckschwankungen aus, die den normalen Luftdruck überlagern.

Wie auf einem See, über den der Wind bläst, entstehen dabei Wellen in der Atmosphäre, sogenannte Schwerewellen. Solche Wellen entstehen nicht nur bei Föhn, sondern auch beim Durchzug von Fronten. Statistiken zeigen, dass Wetterfühlige immer dann Beschwerden äußern, wenn sich in der Atmosphäre kleine, vier bis 20-minütige Druckänderungen bemerkbar machen. Jeder dritte Deutsche ist davon betroffen, auch wenn er weit von den Bergen entfernt auf dem flachen Land lebt. Der Föhn verstärkt dieses Phänomen nur – nicht zuletzt, weil er sich so massiv mit Böen und Wärme bemerkbar macht.

Eine Erklärung für Wetterfühligkeit ist unser Gefäßsystem. Immerhin 20.000 Kilogramm Luft lasten auf jedem von uns, ohne dass uns das bewusst wird, denn der Organismus hat sich im Laufe der Evolution daran angepasst. Zieht ein Tiefdruckgebiet vorbei, kann dieses Gewicht jedoch innerhalb weniger Stunden um einige Hundert Kilo ab- und dann wieder zunehmen. Vor allem Personen mit einem geschwächten Gefäßsystem, hohem Blutdruck oder verengten Adern können darauf besonders sensibel reagieren. Zumindest ergaben Studien des Helmholtz Zentrums München, dass Menschen nach einem Herzinfarkt dreimal so empfindlich für Wetteränderungen wie Gesunde sind.

Der Meteorologe Hans Richner, Experte für Klimaforschung an der ETH Zürich, zieht solche Daten in Zweifel. Zwar war er es, der den Medizinern immer wieder vorwarf, das Wetter als Auslöser von Symptomen nicht ernst zu nehmen. Doch zumindest ein direkter Zusammenhang, das ergaben seine eigenen Forschungen, lässt sich nicht nachweisen. Über fünf Jahre zeichnete er die Wetterlagen bei über 30.000 Herzinfarkten in der Schweiz auf und kam zu dem Ergebnis, dass bei bestimmten Wetterlagen das Risiko besonders groß war. „Allerdings“, betont Richner, „waren es in jedem Spital ganz andere meteorologische Daten, die mit dem Anstieg der Herzinfarktrate einhergingen.“ Kann es wirklich sein, dass in dem einen Kanton der pfeifende Westwind sich auf das Herz schlug und in einem anderen die lähmende Inversionswetterlage?

Ein typischer Fall von Fehlinterpretation von Daten, sagt er: „Wenn der Himbeereiskonsum steigt, steigt auch die Häufigkeit von Sonnenbrand. Aber niemand würde auf die Idee kommen, zu sagen, dass man jetzt durch das Himbeereisessen Sonnenbrand bekommt.“ Wenn es einen Zusammenhang zwischen Wetter und Gesundheit gibt, so Richner, so sei man diesem zumindest noch nicht auf die Spur gekommen. Ein anderes Erklärungsmodell für Wetterfühligkeit sind die „Spherics“, elektromagnetische Störungen in der Atmosphäre, die durch Turbulenzen in der Luft ausgelöst werden und häufig bei Gewittern oder Schlechtwetterfronten gemessen werden. Sie durchdringen Wände und haben Einfluss auf Hirnströme und Variabilität des Herzschlags. Doch der Einfluss der Spherics ist genauso wenig geklärt wie die Frage, warum ein empfindsamer Organismus Luftdruckveränderungen auch schon ein, zwei Tage vor ihrem Auftreten registriert.

Fest steht, dass sich unser Körper häufiger mit Wetterwechsel auseinandersetzen muss als früher, und dass die Temperaturen steigen. Das beansprucht die Regulationskreisläufe des Körpers, die über das Nerven- und Gefäßsystem gesteuert werden, denn der Organismus ist darauf programmiert, seine Temperatur von 37 Grad zu halten. Der Klimawandel beeinflusst auch andere Faktoren, die Einfluss auf die Gesundheit haben – er führt zu längeren Phasen des Pollenflugs zum Beispiel und zu mehr Ozon in der Luft. Während man diesen Effekten schwer ausweichen kann, lässt sich die Regulationsfähigkeit des Körpers trainieren: durch morgendliche kalte Güsse und Wechselduschen.