Eishockey im Chiemgau – Glatt gelaufen

Eishockey im Chiemgau – Glatt gelaufen

© Foto: Thomas Straub

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Sobald Väterchen Frost eine Kaltfront bis ins Chiemgau schickt, ist auf den zugefrorenen Seen die Hölle los: Jungs aller Altersklassen – vom Grundschüler bis zum sportlichen Rentner – bolzen Eishockey, was das Zeug hält. Jeder spielt mit jedem, ohne Regeln, ohne professionelle Eishockey-Ausrüstung, dafür aber mit viel Improvisationstalent. Was zählt, ist allein die Gaudi

Was müssen sie leiden, die bayerischen Hockeyspie­ler, wenn der Winteranfang mal wieder viel zu mild ist. Wo bleibt bloß die Kälte? Längst sit­zen alle Spieler in den Startlö­chern, die Kufen frisch geschlif­fen, die Schläger mit Klebeband geflickt. Aber so ist das nun mal: Wer auf Natureis spielen möch­te, muss Geduld mitbringen. Endlich naht von Sibirien her die Kaltfront. Als erstes frieren die kleinen Tümpel zu, dann die Weiher und schließlich der erste See. Per SMS, Facebook und Telefon informieren die Spieler einander über den Stand der Dinge. Und dann der große Tag: das Spiegeleis schimmert dun­kel, kein bisschen Schnee auf der Oberfläche. Pünktlich zum Wo­chenende herrschen Optimalbedingungen.

In ganz Oberbayern tum­meln sich die Menschen auf den gefrorenen Seen: Spaziergänger, Eisstockschützen, Schlittschuh­läufer. Überall stehen Schlitten mit warmen Decken und Thermoskannen, aus denen heißer Tee dampft. Und mittendrin die Ho­ckeyspieler, deren Kufen laut über das Eis fauchen. Wenn sie rasant bremsen, klingt das, als würde man eine Zeitung zerreißen. Eishockey ist Kult in Ober­bayern. Das Schlittschuhlaufen haben die Kinder oft mit dem Schläger in der Hand gelernt – ist ja auch viel einfacher, wenn man sich auf etwas stützen kann. Deshalb sausen auf vielen Seen des Voralpenlands an kalten Wo­chenenden die schwarzen Hartgummigeschosse nur so durch die Gegend. Ein Dutzend Felder sind über die Eisfläche verteilt. Kinder, Jugendliche, sogar ein paar ältere Herren spielen in ver­schiedensten Konstellationen.

Improvisationskunst ist dabei wichtiger als Profi-Equipment. Als Tor reichen zwei Schuhe. So schnell sie können, treiben die Spieler das schwarze Gummigeschoss über das Eis. Passen ein­ander zu. Weit kommen sie nicht, der Gegner ist fix. Hockey ist ein typischer Jungs-Sport, es wird gerempelt, geschubst und ge­schrien. Schläger verhaken sich. Ein, zwei Spieler landen auf dem Eis. Endlich kommt einer zum Schuss. Tooor! Die Spieler stehen unter Strom, sind hochkonzent­riert und glücklich. Regeln gibt es wenige, Vor­schriften gar keine. Hauptsache es macht Spaß. Spieldauer? An­zahl der Mitspieler? Egal! Und das ist das besondere am Ho­ckey auf Natureis. Es geht um die Gaudi. Am Schluss sind so­wieso alle müde und kaputt. Ho­ckey ist Auspowern pur.

Das fängt schon mit dem Schippen an. Spiegeleis ist sel­ten. Meistens muss das Feld erst einmal freigeschaufelt werden, eine perfekte Aufwärmübung. „Wenn Schnee liegt, ist das Feld abgegrenzt“, sagt Stefan Wein­berger, „das hat klare Vorteile. Sonst fliegt der Puck oft weit über den See“. Der 25jährige KFZ-Mechaniker spielt gerade mit seinem kleinen Bruder und dessen 15jährigen Mitschülern. Es ist Mittwochabend am Lang­bürgner See bei Bad Endorf. Auf minus 15 Grad schätzt Stefan die Temperaturen, die Sonne ist längst hinter den Hügeln ver­schwunden. Der Schnee schim­mert dunkelblau, die Bäume ste­hen als dunkle Silhouetten am violettfarbenen Himmel. Lang wird man den Puck nicht mehr erkennen können. Trotzdem flitzt Stefan mit seinen Freunden jeden Tag nach der Arbeit bis sechs übers Eis. „Die Saison ist so kurz, das muss man ausnut­zen.“ In zwei, drei Wochen ist erfahrungsgemäß alles vorbei. Dann wird das Eis zu holprig und rau.

Schoner und Helme sieht man auf den Seen selten. Blaue Flecken werden mit einem Schulterzucken in Kauf genom­men. Ein gerüttelt Maß an Sto­izismus gehört einfach dazu. Eine Hobby-Mannschaft, die Aschau Rangers, trainiert im Winter auf einem zugefrorenen Naturfreibad. Irgendwann be­ginnt das Eis zu knacken und an einer Stelle bildet sich eine Spalte. „Wenn die Pucks da rein­ fallen, versinken sie“, erzählt ein Rangers-Mitglied, der 18-jährige Benedikt Zacher. „Anfang April, wenn das Wasser noch eiskalt ist, tauchen wir dann die Pucks aus dem Pool.“ Schmerzhaft sind solche Rituale, Überwindung kosten sie, „aber im Endeffekt ist es eben eine Riesengaudi“.

Nicht ganz so robust geht es zu, wenn Rainer Teltscher mit „seinen Buben“ aufs Eis geht – der 55-jährige Grundschullehrer bringt in seiner Freizeit Kindern aus dem Rupertiwinkel auf dem Höglwörther See die Grundlagen des Eishockeys bei. „Unser Feld ist schön klein, da muss ich meine müden Knochen nicht mehr so weit bewegen.“ Hockey, erinnert sich Teltscher, habe er eigentlich schon immer gespielt, unter anderem gehörte er zwölf Jahre lang einem Hobby-Team in Traunstein an. Verletzungen? „Klar. Zweimal hab ich das Nasenbein gebrochen und einmal den Knöchel.“ Es gäbe noch viel zu erzählen, aber inzwischen schneit es kräftig. Teltscher und seine Buben machen sich auf den Nachhauseweg. Genug für heute. Zum Glück bleibt es auch an den kommenden Tag klirrend kalt. Lui, Nico und Max schlagen den Puck über ein Feld, das sie auf der zum Chiemsee gehörenden Schafwaschener Bucht freigeschaufelt haben, die ebenfalls komplett zugefroren ist.

Eine riesige verschneite Fläche, umgeben von einer Borte aus Schilf und Weiden. Über dem Rimstinger Kirchturm geht die Sonne unter. Milchiges Licht schluckt die Konturen der Landschaft. Nur noch ganz wenige Menschen sind auf dem Eis. „Hier draußen“, finden die Freunde, „haben wir unsere Ruhe.“ Da stört es auch nicht, wenn Maximilian Huff das Gleichgewicht der Mannschaften ziemlich durcheinander bringt, immerhin gehört der 25-jährige nicht nur zum Team der Star Bulls Rosenheim, sondern auch zur Elite-Nachwuchsliga des Deutschen Eishockey-Bundes. „Is’ doch wurscht“, sagt der bescheidene junge Mann in der zerrissenen Jeans: „Wir spielen hier auf dem See ganz lieb.“ Sonst würden die Laien wohl schnell schwindlig, und das Gemeinschaftserlebnis wäre futsch. Irgendwann demnächst will Max einen ganzen Haufen Schläger mit aufs Eis bringen. Dann können alle einfach mal probieren, Jungs wie Mädels – „schließlich ist Eishockey kein Machosport“, findet er. Aber vorsicht, die Gaudi auf dem Eis macht süchtig.