Haferlschuhe – So wird ein Schuh draus

Die Schuster Xaver und Markus Nöß fertigen Haferlschuhe in Handarbeit

DER ALTMEISTER Xaver Nöß in seiner Werkstatt © Fotos: Lisa Hörterer

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Die Schuster Xaver und Markus Nöß fertigen Haferlschuhe in Handarbeit

[1] In den Workshops erklärt Nöß, wie man welche Werkzeuge benutzt …

Die Schuster Xaver und Markus Nöß fertigen Haferlschuhe in Handarbeit

[2] … und nimmt sich viel Zeit für seine (oft unbeholfenen) Lehrlinge.

Die Schuster Xaver und Markus Nöß fertigen Haferlschuhe in Handarbeit

[3] Es lohnt sich: Wer am Ende den Leisten aus dem Schuh zieht,

Die Schuster Xaver und Markus Nöß fertigen Haferlschuhe in Handarbeit

[4] besitzt ein perfekt sitzendes Paar Haferlschuhe. © Fotos: Lisa Hörterer

Xaver und Markus Nöß zählen zu den letzten Schustern, die Haferlschuhe in Handarbeit anfertigen. Unser Autor durfte mitmachen – und bekam viel mehr als nur ein Paar Schuhe

Der erste Schritt zum eigenen Schuh beginnt mit einem Tritt, einem Tritt ins Blaue. Und also trete ich, steige mit meinem Fuß auf eine Art Stempelkissen, 35 mal 25 Zentimeter groß, und erfahre: Belastung auf dem ersten und fünften Mittelfußköpfchen und an der Basis des fünften Mittelfußkopfes. Diagnose: leichter Senkfuß. Kein Problem, beschwichtigt der Mann, alles im Normalbereich. Ein Blauabdruckkasten, erklärt der Mann. Funktioniert wie ein Stempel. Durch den Druck des Fußes wird Tinte auf ein Blatt Papier gepresst, sie macht sichtbar, wo und wie man auftritt, an welchen Punkten die Belastung groß ist, ob man einen Hohl- oder Spreiz- oder eben einen Senkfuß hat. Der Mann vermisst meinen Fuß, zeichnet mit einem Bleistift die Konturen nach, legt das Maßband an, notiert: Ballenmaß 22 Zentimeter, Fersenmaß 31,1 Zentimeter, Fußlänge 41,5 Stich. Er nickt, lächelt, die Ruhe in Person, Markus Nöß, 51, Schuhmacher in fünfter Generation.

Ein Freitagabend in Pfronten, Alpenidylle im Allgäu. Draußen spült der Regen den Frühling fort, drinnen, im Hinterzimmer seines Schuhgeschäfts, weiß Nöß nun, womit er es zu tun hat. Er hat Maß genommen, einen Blick geworfen auf meine Füße, mehr braucht er nicht. Heute Abend will er noch erste Arbeiten erledigen. Deshalb: bis morgen, halb acht in der Früh.

In den nächsten zwei Tagen werde ich durch Markus Nöß ein fast ausgestorbenes Handwerk kennenlernen, mit ihm machen, was dieser Zeiten kaum mehr gemacht wird, einen Haferlschuh in Handarbeit, zwiegenäht und maßgeschneidert. Nöß ist einer der letzten Schuhmacher, die diese Kunst beherrschen, und er zeigt sie jedem, der möchte.

Längst Massenware auch er, der Haferlschuh, einst Schuhwerk alpiner Schwerstarbeiter, heute bekannt vor allem als Teil der Wiesntracht, angeboten oft zu Ramschpreisen. Für Nöß ist er jedoch mehr, ist treuer Begleiter, unkaputtbarer Partner, seine Schuhe, sagt er, keine Arroganz in der Stimme, halten 30 Jahre, 40, ein Leben lang. Denn: kein Schritt, der nicht von Hand gemacht wurde, kein Tritt, bis Nöß nicht nahe der Perfektion ist.

Er ist, als ich am nächsten Morgen erscheine, bereits an der Arbeit. Empfängt, in Lederschürze überm gestreiften Hemd, vorne im Laden und bittet nach hinten in die Werkstatt. Zeigt, was er geschaffen hat in kurzer Zeit, den Leisten zugeschliffen, den Schaft genäht. Ein Mann in seinem Element. „Komm“, kurze Kopfbewegung, „wir schneiden zunächst mal aus dem Stück Blankleder hier die Brandsohle aus.“ Erster Arbeitsschritt, wichtiger Arbeitsschritt: Auf der Brandsohle steht später der Fuß. Mit einer Bodenlederschere drücke ich durchs Leder, weich und glatt, dann reicht Nöß mir eine Glasscherbe: „Damit glast du den oberen Lederbelag ab, um die Sohle offenporig zu machen.“ Die Schichten bröseln herunter, werden freier, leichter. Die Kunst ist es, lehrt Nöß, einen dichten Schuh, der kein Wasser durchlässt, nichts, atmungsaktiv zu halten. Kunst, dies alles, das Haferlschuhmachen nach althergebrachter Art, jedes Werk ein Unikat. Vielleicht 20 Schuster im ganzen Land, schätzt der Chef, beherrschen sie noch. Einer von ihnen betritt, wie jeden Tag, um halb zehn die Werkstatt, mit dem Fahrrad angeradelt, ein jugendliches Lächeln im Gesicht, Xaver Nöß, Vater und Lehrmeister, 89 Jahre alt: „Der Seniorchef.“

Gut zu Wissen
 
GESUNDE SCHUHE – MARKUS NÖSS
Tiroler Straße 62
87459 Pfronten
T. +49/(0) 83 63/16 34
 
Mehr Informationen unter www.gesunde-schuhe-noess.de
 
Die Schuster Xaver und Markus Nöß fertigen Haferlschuhe in Handarbeit
Die Schuster Xaver und Markus Nöß fertigen Haferlschuhe in Handarbeit

DER CHEF: Markus Nöß leitet das Geschäft in fünfter Generation // DER SCHUH: Die Form bleibt, die Farbe ändert sich // DAS WERKZEUG: Kein Fließband, dafür Hammer und Zange – Nöß arbeitet auf traditionelle Art // DER ANFÄNGER: Unser Autor beim Einnähen © Fotos: Lisa Hörterer

 

Seit 1865 geben die Väter der Familie Nöß die Geheimnisse des Schusterns weiter an ihre Söhne, begannen, indem sie über Berge stiegen, von einem Bauern zum anderen, die Materialien im Gepäck, um ihnen Fußwerk herzurichten für die nächsten Jahrzehnte. Sie überlebten Kriege und Flauten, blieben treu bei ihren Leisten, der Seniorchef lernte, als er noch Junior war, mit 13 Jahren das Handwerk, wurde 1944 eingezogen zum Arbeitsdienst, anschließend in die Wehrmacht, flüchtete zurück in die Heimat und fertigte 1946 seinen ersten Haferlschuh.

Es war ein zähes Geschäft all die Jahre, kein Urlaub, nur Arbeit. Den Betrieb wollte von den sechs Kindern nur Markus übernehmen, kaum rentabel die Schusterei, der Seniorchef sehr gut, aber auch sehr günstig. Er bot seine handgearbeiteten Haferlschuhe für 350 Mark an, Stundenlohn 5 Mark. „Dabei gilt er als bester Zwienäher im Allgäu“, erzählt Markus Nöß nicht ohne Stolz. „Vom ihm habe ich vor allem Genauigkeit gelernt, die Liebe zum Detail.“ Von seinen eigenen Meriten spricht er ungern, Deutscher Meister im Schuhmacherhandwerk, Ausbau des kleinen Familienbetriebs zum florierenden Geschäft, und das, obgleich sich das Handwerk verändert hat. 1968 gab es allein in Pfronten noch 13 Schuhmacher, einer nach dem anderen gab auf, nur Nöß hielt sich. Die Hektik unserer Zeit lässt sich ablesen am Niedergang dieser einst unverzichtbaren Zunft. Doch es hat sich etwas getan in der vergangenen Dekade. „Vor fünf Jahren habe ich gerade mal vier Paar Haferlschuhe im Jahr gefertigt, im letzten Jahr waren es 30.“ Die Menschen fangen wieder an, Tradition zu schätzen, Handarbeit, Qualität.

Apropos Qualität: Ohne Nöß’ Hilfe würde mein Schuh nie fertig werden. Die Arbeit ist viel komplizierter, als ich es mir je hätte denken können. Ich muss die Hinterköpfe für die Fersenkappe zuschneiden, wässern und glätten, Überstämme an den Seiten einarbeiten, damit die Schuhe ihre Form behalten. Nöß hilft, hämmert, schleift. „In Konfektionsware wird so was kaum noch verarbeitet, da beulen die Schuhe nach einem halben Jahr aus“, übertönt seine Stimme die Schleifmaschine. Nöß schnappt sich den Schaft, schwärmt ob des schwarzen Oberleders vom Rind, ob des darunter liegenden Futters vom Kalb, ein Traum zum Tragen, weich und saugfähig. Mit einer Zange zwickt er ihn auf den Leisten, sodass der Schaft die richtige Passform erhält, achtet darauf, keine Luft zu lassen zwischen Schaft und Leisten, um Beulen zu vermeiden, fixiert ihn schließlich mit Nägeln. Ein konzentrierter Blick, routinierte Fingerbewegungen. Ein Schuh entsteht.

Er muss, hebt Nöß an, eine schöne kantige Form haben und eine zurückgezogene Spitze und einen an Außen- und Innenknöchel stark ausgeschnittenen Schaft und eine unterschnittene Sohle; daran erkenne man einen guten Haferlschuh. Das Wichtigste, das Schwierigste auch, ist allerdings nun dies: das Einnähen.

Nöß nimmt seine Nadel, eine Stahlborste, stark genug, um durch die Lederschichten zu dringen, und seinen Faden, 16-facher Polyestergarn, mit Pech verstärkt, dann beginnt er zu nähen. Verbindet das Oberleder mit der Brandsohle, Erfahrung, Geschick und Gefühl braucht es zum Gelingen, und Zeit, drei bis vier Stunden. Das Leder wird zweifach vernäht, also zwiegenäht. Keine Maschine würde schaffen, was hier passiert, solche Präzision, solche Haltbarkeit. Pfronten dunkelt, als Nöß’ Nähte sitzen. Er legt die Schuhe über Nacht zum Trocknen auf die Heizung. Feierabend.

Am dritten und letzten Tag pressen wir die Laufsohle, drei Millimeter dick, bei drei Bar auf den Schuh und kleben die Absätze auf. Nöß, auch Orthopädieschuhmachermeister, setzt noch eine Polsterung im Mittelteil ein: „Das wirkt der Belastung auf dem ersten und fünften Mittelfußköpfchen entgegen.“ Der Fuß wird’s danken. Es läuft zum Mittag hin, und zum Ende. Ich pinsele die Sohlenkanten mit Ammoniak-Lösung ein, die Naht poliere ich mit farbloser Schuhcreme. Dann der finale Schritt: Nöß zieht den Leisten, ein Kraftakt, bis zu 45 Minuten kann es dauern, bis der Holzklotz herausgezwängt ist aus dem Schuh. „So“, Nöß holt tief Luft, „jetzt kommen wir also zur Anprobe.“ Er sei, gibt er zu, aufgeregt, jedes Mal aufs Neue. Er setzt sich vor mich, greift vorsichtig meinen Knöchel und führt den Fuß in den Schuh. Prüft, drückt, rüttelt. Ein Blick in sehnsüchtiger Erwartung. Und? Ein Traum. Nichts hat je besser gepasst an meinen Fuß, war angenehmer, sanfter als dieser Schuh, der, es stimmt, mehr ist als einfaches Fußwerk, der in den vergangenen Tagen zur Erfahrung wurde, zu Wissen, dem ich beim Wachsen zusah und also beim Werden. „Ja, ja“, schließt Nöß ohne jedes Pathos, „man baut schon eine Verbindung auf zu den Schuhen. Denn man hat so lange daran gearbeitet, geschwitzt und gewerkelt, dass sie einem nahe gekommen sind.“ Das werde ich merken beim Tragen, die nächsten 20, 30 Jahre, vielleicht ein Leben lang.

Die Schuster Xaver und Markus Nöß fertigen Haferlschuhe in Handarbeit

[1] Vier entscheidende Schritte zum perfekten Schuh: Zunächst wird der Fuß vermessen.

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[2] Um den Schuh atmungsaktiv zu halten, glast man die Ledersohle ab …

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[3] … und klopft sie auf den Leisten.

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[4] Der schwierigste Teil: das Einnähen.© Fotos: Lisa Hörterer