Über Stock und Stein

Im Almenparadies sind die Hänge nicht zu steil. Und der Nordstau sorgt für Regen, der Wiesen und Kräuter üppig wuchern lässt

Im Almenparadies sind die Hänge nicht zu steil. Und der Nordstau sorgt für Regen, der Wiesen und Kräuter üppig wuchern lässt © Foto: Florian Bachmeier

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Jenseits der Alpen-Nordkette wird’s im Salzburger Land noch einmal sanft. Statt Felsen wölben sich runde Grasberge 2000 Meter in den Himmel. Eine siebentägige Weitwanderung bietet die beste Möglichkeit, diese Landschaft zu erkunden (ALPS Magazine #11/2012 Review)

Wellness“ oder „Wagnis“ – wer in die Berge geht, sucht entweder das eine oder das andere. Davon jedenfalls ist der Hamburger Pädagogikprofessor Alfred K. Treml überzeugt, der sich in seinem Buch „Warum der Berg ruft“ gründlich mit dieser Frage beschäftigt hat. „Wellness“ umfasst dabei nicht nur das Spa allein, sondern alles, wofür sich der Gebirgstourist nicht selbst bewegen muss, vom Gourmetmenü bis zum perfekt getrimmten Golfrasen.

„Wagnis“ dagegen bezeichnet alle Unwägbarkeiten, auf die ich mich einlasse, wenn ich mich aus eigener Kraft und auf eigene Verantwortung in die Natur begebe. Ein großes Wagnis stellt demnach ein nur über Klettersteige erreichbarer Gipfel dar – eine Weitwanderung, wie ich sie plane, geht immer noch als kleines Wagnis durch: Über sieben Tage hinweg will ich vom Gasteiner Tal durchs Rauriser Tal zum Hochkönig, von dort ins Großarltal und zurück ins Gasteiner Tal.

Allerdings – ein bisschen Wellness möcht’ schon auch sein. Ich muss mich nicht abschleppen mit sämtlichen Siebensachen im Rucksack und mich nicht abfinden mit dem Matratzenlager auf der Hütte als krönendem Tagesabschluss, sondern werde verwöhnt mit Übernachtungen in familiengeführten Vier-Sterne-Wanderhotels, von denen es in Gegenden wie im Pinzgau und Pongau ein so dichtes Netz gibt, dass eine vier bis fünf Standorte umfassende Weitwanderung inklusive Gepäcktransport möglich ist.

Ständiger BEGLEITER bei der Wanderung durch vier Täler: Der Blick auf den landschaftlichen KONTRAST zwischen mild und wild

Dass ich mich trotz einschlägiger Vorliebe für die Dolomiten für diese auf den ersten Blick milde Gegend entschieden habe, deren von der Erosion rundgeschliffene Schieferkuppen, die „Grasberge“, sanft von den grauen Kalkriesen der Nordkette zu den Majestäten der Hohen Tauern wogen, ist auch dieser Infrastruktur geschuldet: Von den beim Wanderhotel-Verbund angebotenen Weitwanderungen ist dies die Tour mit den meisten Stationen. Schon der erste Weg allerdings führt mir mein Wagnis deutlich vor Augen: Die Tatsache, dass trotz der mehr als komfortablen Rahmenbedingungen das Wanderprogramm selbst ziemlich stramm ist und mir gleich zum Auftakt einen sechsstündigen Marsch mit 900 Höhenmetern Aufstieg abverlangt, hatte ich nicht wirklich erwartet. Und auch deren Ausgangspunkt entspricht nicht unbedingt meiner Vorstellung vom Eintauchen in unberührte Natur. Der Wanderbus, der uns vom Hotel Stern in Bad Hofgastein zum Startpunkt der Tour ins Angertal fährt, entlässt uns gleich hinter der Talstation eines Seilbahn-Knotenpunkts.

Den Umstand, dass mild gerundete Berge auch perfekte Skigebiete abgeben, hatte ich bei der Reiseplanung schlicht verdrängt. Gut zwei Stunden später aber sind alle Startschwierigkeiten vergessen. Oben auf der Stanz-Scharte zwischen Gasteiner und Rauriser Tal, wo die Sonne noch an letzten Schneefeldern leckt, zeigt sich zum ersten Mal, dass diese Landschaft wesentlich vielseitiger – und viel weniger harmlos – ist als vermutet.

Im Süden türmen sich die Schneegipfel der Hohen Tauern: Sonnblick, Großglockner, Kitzsteinhorn. Im Norden, Westen und Osten dagegen liegen Almen, satte Wiesen, dichte Wälder, dazwischen aber auch scharfkantige Gipfel: der Kern jener ungewöhnlichen, wirklich rundgeschliffenen Grasberge liegt weit im Norden, jenseits der Salzach, bei Dienten.

Jetzt geht es erst einmal hinunter ins Rauriser Tal, genauer in den Weiler Bucheben. Dort treffen wir Martin Mayr, den jungen Hotelier vom Rauriser Hof, der es sich nicht nehmen lässt, seine Weitwander-Gäste persönlich einzusammeln. Zum Service der Wanderhotels gehört nämlich nicht nur der Gepäcktransport allein, sondern auch das Verkürzen der Etappen, wenn sich landschaftlich nicht so ergiebige Strecken allzu lang ziehen. Mayr erwartet uns beim  Kirchenwirt, einem trutzigen Steinhaus aus dem 16. Jahrhundert.

Im ganzen Tal gibt es Bauten aus dieser Epoche, immer mit dem Relief eines Bischofshuts über der Tür. „Seit dem 15. Jahrhundert wurde im Tal nach Gold geschürft“, erklärt Martin Mayr. „Und bevor um 1600 in der Neuen Welt immense Goldvorkommen entdeckt wurden, die den Bergbau hier unrentabel machten, bezog das Erzbistum Salzburg einen nicht unerheblichen Teil seines Reichtums aus dem hiesigen Goldbergbau.“ Die Goldmine im Rauriser Tal liegt aber keineswegs in der Talsohle, sondern führt auf 2100 Metern in den Berg, erzählt Mayr weiter. Da erweist es sich als Glücksgriff, dass die Tour nicht in ihrer strikten Abfolge gebucht ist, sondern mit drei Extra-Tagen in Rauris, Dienten und Großarl, für weitere Abenteuer.

Bildergalerie Anklicken zum Vergrößern der Bilder // © Fotos: Florian Bachmeier

Als erstes fahren wir in den Talschluss des Rauriser Tals nach Kolm-Saigurn – benannt nach den Kolben eines längst verschwundenen Pochwerks, das hier das goldhaltige Erz zertrümmerte, nachdem es über einen atemberaubend steilen, hölzernen „Schrägaufzug“ ins Tal gedonnert war. Oben, nahe der Goldmine, sind noch heute Spuren des Bergbaus zu besichtigen: die Ruinen des Knappenhauses, in dem 40 Bergleute selbst in eisigsten Wintern ausharrten, sowie die zwölf Meter in die Höhe ragende Wand des „Radhauses“, die einst das elf Meter hohe Antriebsrad des „Schrägaufzugs“ verankerte. Jeden Sonntag marschierten die Mienenarbeiter zum Gottesdienst zweieinhalb Stunden hinunter nach Kolm-Saigurn und von dort noch einmal sieben Kilometer weiter zur Kirche nach Bucheben. Bergsteiger im modernen Sinne waren sie trotzdem nicht, denn – wie Alfred Treml in seiner Studie ausführt – der Akt des Bergsteigens ist immer ein freiwilliger, was bei den Knappen kaum der Fall gewesen sein dürfte.

Am nächsten Morgen, als es wieder heißt, die  Koffer zusammen zupacken und weiter nach Dienten zu ziehen, braucht diese Freiwilligkeit etwas Nachhilfe, denn die Beine sind schwer. Wie erfreulich, dass es die heutige Tagesetappe gut mit uns meint: In vier Stunden geht es von der Hoteltür hinauf zum 1270 Meter hohen Schrifling und weiter zur Wastelalm, von der aus sich eine völlig neue Perspektive auf die inzwischen vertraut geglaubte Landschaft bietet: Immer noch sind südlich die Hohen Tauern zu erkennen, westlich des Rauriser Tals schärfere Steingipfel, im Norden dagegen die „echten“ runden Grasberge und dahinter, wie eine dunkle Drohung, das Hochkönig-Massiv.

Wir steigen ab nach Embach, wo uns erneut Martin Mayr erwartet, um uns zum Vital Hotel Post der Familie Burgschwaiger nach Dienten zu bringen. Auch die Fahrt mit dem Wanderbus offenbart fein nuancierten, landschaftlichen Wandel: „Wie es für den hochalpinen Bereich gilt, dass man alle Klimazonen von den gemäßigten Breiten bis zur Arktis durchmisst, genauso kann man hier alle Landschafts- und Vegetationsformen kennenlernen“, erklärt der bewanderte Hotelier auf der Fahrt. „Es gibt Grasberge, Berge mit steinernen Gipfeln, aber auch felsiges Hochgebirge, es gibt Laubwald, Mischwald, Nadelwald, aber auch die karg bewachsenen Zonen jenseits der Baumgrenze…“

In Dienten sind wir mitten in den Grasbergen angekommen. Um sie zu erkunden, schließen wir uns tags darauf der hoteleigenen Wanderführerin Barbara Aigner an, der Schwester von Hotelier Thomas Burgschwaiger. Sie nimmt uns mit auf die Bürglalm, eine der ältesten Almen der Gegend. Seit 112 Jahren ist sie in Besitz der Familie Bürgler. „Die ganze Gegend ist für die Almwirtschaft ideal“, erklärt Wirtin Gabi Bürgler. „Weil es keine Steilhänge gibt, besteht für die Tiere keine Gefahr, dass sie abstürzen. Und dank des Nordstaus regnet es viel – dadurch sind die Wiesen besonders saftig.“

HEUTE ist das Großarltal berühmt für seine Almwirtschaft. Unvorstellbar, dass hier einst BERGBAU betrieben wurde

Der Nordstau ist, neben den milden Steigungen, auch ein Grund, warum die Region unterhalb des Hochkönigs zwei Gesichter hat, ein Sommer- und ein Winterantlitz: Im Sommer ist sie ein Wanderparadies, dessen Naturidyll nur gelegentlich von den Bauten der Liftanlagen unterbrochen wird; im Winter dagegen ist hier ein schneesicheres Skigebiet. Eine Tatsache, die auch an der Bürglalm nicht spurlos vorüber ging, sie liegt direkt bei der Gipfelstation eines Sechser-Sessellifts. Den Wiesen allerdings ist die winterliche Belastung nicht anzusehen. „Wir hatten das Glück, dass unser Skigebiet erst in den Achtzigerjahren gebaut worden ist, als man für Umweltfragen schon sehr sensibilisiert war. Wenige Jahre nach dem Bau der Pisten war die Flora wieder wie zuvor“, beobachtete Anton Bürgler. Um dem Winteransturm Herr zu werden, entschloss sich das Ehepaar zu einem Umbau. „Für uns wäre es undenkbar gewesen, das alte Haus einzureißen. Deshalb haben wir die Skihütte einfach angebaut.“ Heute wird jahreszeitlich gewechselt: Im Sommer werden die Gäste auf der Vorderseite in der ursprünglichen Stube der alten Alm bewirtet; im Winter findet der Wirtsbetrieb auf der Rückseite im größeren Gasthaus statt. Für alles, was bei den Bürglers auf den Tisch kommt, gilt allerdings winters wie sommers das gleiche Prinzip: „Fertigprodukte gibt es nicht. Wir machen alles selbst.“

Tags darauf wandern wir über den fast 2000 Meter hohen Schneeberg hinunter nach Weng, von wo uns der Wanderbus der Burgschwaigers ins Großarltal fährt. Auch hier haben wir einen Extratag eingeplant, was vor allem damit zu tun hat, dass Anton Knapp, unser Gastgeber in der Alten Post, höchstpersönlich seit 36 Jahren seinen Gästen das Tal zeigt und bis heute stets auf der Suche nach neuen Wegen und unbekannten Zielen ist. „Es gibt immer noch Ecken im Tal“, bekennt das Wander-Urgestein, „an denen ich noch nie gewesen bin.“ Sein Tipp für unseren „Zwischentag“: Ein Ausflug auf die Loosbühelalm – wegen des exzellenten Ziegenkäses, aber auch, weil sich von hier auf gut 1770 Metern Höhe nochmals ein ganz anderes Panorama ausbreitet: Die runden Grasberge sind nur noch eine ferne Ahnung; die Gipfel werden steiler und scharfkantiger, je weiter es gen Süden auf die Hohen Tauern zugeht. Und obwohl das Großarltal den Beinamen „Tal der Almen“ trägt, leuchten die Wiesen nicht ganz so grün wie in Dienten: Zwar liegen nur gut 20 Kilometer Luftlinie dazwischen, doch das Klima ist deutlich anders: In Großarl herrscht kein Nordstau, es regnet weniger.

Was Kühen recht, ist Ziegen billig: Sie weiden rund um die in einem Seitental gelegene Loosbühel-Alm und liefern die Milch für den in der ganzen Gegend begehrten Käse © Foto: Florian Bachmeier

Was Kühen recht, ist Ziegen billig: Sie weiden rund um die in einem Seitental gelegene Loosbühel-Alm und liefern die Milch für den in der ganzen Gegend begehrten Käse © Foto: Florian Bachmeier

Für unsere Wanderung über den Gamskarkogel ins Gasteinertal zurück zum Ausgangspunkt unserer Weitwanderung verrät uns Knapp einen Alternativweg, der uns mit der Geschichte und Geologie des Großarltals in Tuchfühlung bringt: Oberhalb von Hüttschlag verlaufen jahrhundertealte Erzzieh-Wege hinauf zur Harbachalm, wo Kupfer abgebaut wurde. Auf ihnen wurde das Gestein während der Wintermonate in langen, wurstartigen Säcken zu Tal gezerrt. Die Harbachalm selbst entstand aus einer Bergknappen-Hütte, die schon im 17. Jahrhundert als Gasthaus geführt wurde. Ein Kreis schließt sich: Der Bergbau verbindet die Stationen meiner Wanderung ebenso wie die Almwirtschaft.

Deshalb schiebe ich spontan am Abreisetag im Gasteinertal noch einen Pflichttermin ein: Im Örtchen Böckstein gibt es ein Montanmuseum, in dem die Plackerei, die Bergbau im Hochgebirge bedeutete, anschaulich verdeutlicht wird. Karl Treml hat in seiner Analyse viele Gründe zusammengetragen, warum es den Menschen drängt, auf die Berge zu steigen: Die Suche nach Gott, nach wissenschaftlicher Erkenntnis, nach Selbsterfahrung, ein seit der Steinzeit in uns eingepflanzter Trieb …

Darüber hinaus ist da aber noch ein ganz anderes Motiv: Es gibt keine bessere Möglichkeit, eine Landschaft inwendig zu begreifen als sie sich im Lauf mehrerer Tage zu erwandern.

Informationen:
Buchung von Weitwanderungen und Informationen über alle 71 zum Verbund gehörenden Wanderhotels über www.wanderhotels.com, Tel. 00 43/47 10/2780;
Rauriser Hof, Rauris, www.rauriserhof.at, Tel. 00 43/65 44/62 13;
Vital-Hotel Post, Dienten, www.vitalhotelpost.at, Tel. 00 43/64 61/203-0;
Hotel Alte Post Grossarl, www.altepost.cc, Tel. 00 43/64 14/207;
 
Buchtipp: Alfred K. Treml, Warum der Berg ruft, merus Verlag, 15,90 €, via AMAZON
Kategorie ALPENLUST

Die gebürtige Münchnerin, Mutter dreier Söhne und promovierte Kunsthistorikerin ist ALPS-Mitstreiterin der ersten Stunde und an Vielseitigkeit kaum zu überbieten: Ob Gastlichkeit oder Reise, Porträt oder das „Ausgraben“ eines Mythos wie den Dolomytos-Wein in Südtirol (#7) oder den symbolträchtigen Triglav in Slowenien (#9) – Claudia Teibler verdanken wir einige der journalistischen Höhepunkte in ALPS.