Wellenflug – Claudio Pedrazzini ­Mahagoniboote

Claudio Pedrazzini ­Mahagoniboote: Ein Porsche 911 des Wassers: das „Vivale“, die sportlichste unter den Motoryachten aus der Pedrazzini­-Werkstatt. Bei Tempo 30 hebt sich der Rumpf aus dem ­Wasser. Das Boot fängt an zu gleiten

Ein Porsche 911 des Wassers: das „Vivale“, die sportlichste unter den Motoryachten aus der Pedrazzini­-Werkstatt. Bei Tempo 30 hebt sich der Rumpf aus dem ­Wasser. Das Boot fängt an zu gleiten

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Am noblen Zürichsee baut Claudio Pedrazzini ­Mahagoniboote von einzigartiger Eleganz – nicht ­anders als sein aus Italien eingewanderter Großvater, der die Familienwerft vor bald hundert Jahren gründete (ALPS Magazine #17 4/2013 Review)

Die Liebe zum Wasser liegt im Detail. Im glänzenden Mahagoni, im schimmernden Chrom, im sanften Leder und in der hohen Handwerkskunst, die jedes einzelne der sportlichen Motorboote von Pedrazzini ausmachen. Wenn Firmenchef Claudio so ein Runabout über den Zürichsee lenkt, dann brummt der starke V8-Motor vertrauenerweckend. „Hören soll man ihn!“, findet er. „Einer Harley Davidson würde man ja auch nicht den Klang abdrehen.“ Beim Beschleunigen hebt sich der wie ein V geformte Bug kaum merklich aus dem Wasser. Mit 30 Stundenkilometern geht es in die Gleitphase; auf Tempo 80 bringt es der kleine Flitzer maximal. Geschwind im Wind. „Das ist zwar kein Fallschirmabsprung, aber man spürt die Power und die Leichtigkeit, über den See zu schweben.“

Am als „Pfnüselküste“ (zürich-deutsch für „Schnupfenküste“) beschimpften linken Ufer des Zürichsees steht Pedrazzinis Bootswerft im kühlen Aludesign. Auf der gegenüberliegenden Seeseite sieht man die so genannte Goldküste mit den teuren Grundstücken derer, auf die immerzu die Sonne scheint. Bäch, wo Pedrazzini sitzt, hat eine Bahnstation, liegt schon im Kanton Schwyz und ist doch nur eine halbe Autostunde von Zürich weg. Ein Straßendorf mit gerade mal 1000 Einwohnern. Die moderne Werft schmiegt sich an das Wohnhaus, das Claudio Pedrazzinis Großvater Augusto 1928 baute, und in dem heute das Büro des Unternehmens untergebracht ist. In der Eingangshalle unter der Decke hängt, in melancholischer Schönheit, ein Ein-Mann-Rennruder-Skiff als Design-Wegweiser. Der Firmengründer und Pionier baute es 1942.

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In der Werkstatt duftet es nach Holz. Durch das offene Tor weht eine frische Brise vom See herein. An den Wänden hängen Schablonen wie Schnittmuster. Spanten, Kiel und Steven liegen bereit für die Montage. Bevor der Ausbau beginnt, gleichen die Boote großen Gerippen. Man hört das Rascheln und Schaben von Schmirgelpapier und ein wenig Gemurmel. Die Handwerker sind konzentriert über ihre Arbeit gebeugt: Die Spritzlackierer und Motorenmechaniker, selbst die Lehrlinge sind mit Akribie und Liebe zum Detail bei der Sache. Verantwortlich sind die Bootsbauer, sie haben den Hut auf. Bis zu neun Monaten kann es dauern, bis ein Pedrazzini-Boot zu Wasser geht. Am Ende fährt Firmenchef Claudio Probe: „Es kann ja sein, dass ich noch irgendein Geräusch höre, vielleicht schabt was, ein Schloss hat noch Spiel …“

Alles ist hausgemacht in Bäch am See. Italienisches Formgefühl und Schweizer Präzision passen gut zusammen. Nur die Motoren kommen aus Amerika, und das Mahagoni wuchs im fernen Afrika. 18 Handwerker lassen übers Jahr sechs bis acht Boote entstehen. Je nach Typ kostet so ein Fahrzeug bis zu 650.000 Schweizer Franken. Die Kunden kommen aus aller Welt. Pedrazzini fertigt drei verschiedene Typen, alles Boote mit Glamour, in deren Mahagonischale man sich spiegeln kann. Bis zu 20 Schichten Lack schützen den Holzkörper. An Eleganz ist ein Pedrazzini kaum zu toppen. „Das Riva-Boot ist zwar der gleiche Typus, aber die Form ist anders“, sagt Claudio über seine italienischen Konkurrenz. Der Charme des Nachkriegsdesigns wohnt beiden inne. „Die 50er-Jahre brachten einfach einmalige Formen hervor.“ Auch der typische V-förmige Pedrazzini-Schiffsrumpf stammt aus dieser Zeit.

Claudio Pedrazzini ­Mahagoniboote: Im Sommer rauschen die ­Pedrazzinis über den Zürichsee. Später kehren die Boote zurück nach Bäch. Dorthin bringen ihre Besitzer sie zum Überwintern

Im Sommer rauschen die ­Pedrazzinis über den Zürichsee. Später kehren die Boote zurück nach Bäch. Dorthin bringen ihre Besitzer sie zum Überwintern

„Special“ ist mit 10,30 Metern der größte der Bootstypen, „Vivale“ der sportlichste. „Capri“ hat als einziger einen Bootskörper aus purem Mahagoni und ist eine Reminiszenz an die Pedrazzinis aus den 1950ern. Der heutige Firmenchef vergleicht das „Capri Super Deluxe“ gern mit einem Porsche 911: „Es ist und bleibt ­einzigartig.“ ­Natürlich wurde hinsichtlich des Materials vieles weiter entwickelt. Aber egal, welches Boot gefertigt wird: handwerklich bleibt alles beim Alten. Die Tradition hat sich bewährt. „Für mich gibt es nicht viel anderes“, sagt Claudio Pedrazzini stolz. „Die Form würden wir nie ändern.“ Selbst als Mitte der fünfziger Jahre viele Werften auf Kunststoff umschwenkten, blieb Pedrazzini beim Holz. Es ist weicher als Polyester, und bei höherer Geschwindigkeit dämpft es die Schläge auf dem Wasser besser.

Seit Großvaters Zeiten haben wohl 1500 Boote die Pedrazzini-Werft verlassen. Hin und wieder kommt sogar jemand vorbei, der noch ein Ruderboot von Großvater Augusto im Schuppen hat. Das wird dann in Bäch liebevoll restauriert. Seinen italienischen Nonno hat der 1962 geborene Claudio allerdings nicht mehr kennen gelernt. Augusto Pedrazzini starb 1951. Auf der Suche nach Arbeit war er wie viele Italiener Anfang des 20. Jahrhunderts aus Como kommend in die Schweiz eingewandert, wo er bald Anstellung bei einem Bootsbauer fand. Augusto blieb. 1914 schon gründete er seine eigene Werft, auf der er zuerst Ruder- und Fischerboote baute. „Noch mein Vater Ferruccio, der 1993 starb, war Italiener durch und durch“, erzählt Claudio.

Claudio Pedrazzini ­Mahagoniboote: Das Formgefühl des Großvaters prägt die Boote von Pedrazzini bis heute. Firmengrüner Augosto baute neben ­schnittigen Motor­yachten auch edle Ruderboote. Noch heute werden sie in der Werft liebevoll restauriert

Das Formgefühl des Großvaters prägt die Boote von Pedrazzini bis heute. Firmengrüner Augosto baute neben ­schnittigen Motor­yachten auch edle Ruderboote. Noch heute werden sie in der Werft liebevoll restauriert

Claudio selbst ist Schweizer, wie seine Mutter. Er verbrachte schon als Jugendlicher die meiste Zeit am See – in der Werkstatt oder auf dem Wasser. Er erinnert sich: „Wir hatten damals eine Bootstankstelle mit Bedienung. Meine Cousins und ich haben die Windschutzscheiben der Tankenden geputzt.“ Auch der heute 51-jährige lernte Bootsbauer und übernahm schließlich den Familienbetrieb. Sein inzwischen erwachsener Sohn hat ebenfalls eine Lehre als Bootsbauer abgeschlossen. Die Zukunft für Pedrazzinis feine Boote ist also gesichert. Die Werft ist ständig ausgebucht, sie könnte noch mehr Boote verkaufen. Doch Claudio Pedrazzini möchte lieber Qualität liefern. Auch mit dem Erfolg und dem Pfund einer hundert Jahre währenden Familientradition bleibt der Firmenchef bescheiden.

Die Beziehung zu einem Boot ist für Claudio Pedrazzini einzigartig. Wie schon in den fünfziger Jahren ist sie allerdings – auch wenn natürlich auch Frauen fahren dürfen – vor allem ein Männerspaß. Manchmal macht Pedrazzini mit seiner Familie eine Spritztour nach Zürich, oder alle drehen abends nach Betriebsschluss noch eine Runde um den See, das Picknick im Gepäck. Wenn die Saison sich dem Ende zuneigt, bringen die Bootseigner am Zürichsee ihre Runabouts nach Bäch, wo sie in der großen Halle überwintern und im Frühling gepflegt wieder zu Wasser gelassen werden. Claudio Pedrazzini fährt dann mit seiner Frau nach Florida. „Dort bin ich nur am und nicht auf dem Wasser“, schmunzelt er. Schließlich sei er den ganzen Sommer in Bäch. „Ich genieße unseren See wirklich. Aber in den Ferien muss das nicht auch noch sein.“

Notizen
 
C. Pedrazzini Yacht- und Bootswerft
Seestr. 59–61
CH-8806 Bäch
T. +41/44/786 90 90
 
Infos unter www.pedrazziniboat.com