Abenteuerliche Steige, idyllische Bergseen und ein wilder Felsengipfel – Über den Hohen Gang auf den „Vorderen Drachenkopf“

Abenteuerliche Steige, idyllische Bergseen und ein wilder Felsengipfel – Über den Hohen Gang auf den „Vorderen Drachenkopf“

© Fotos: Katrin Böckelen

Im Herzen des Mieminger Gebirges in Tirol steht die Coburger Hütte. Umragt von hohen Felstürmen und funkelnden Seen bietet diese kontrastreiche Tourengegend für Wanderer, Bergsteiger und Klettersteigfreunde lohnende Gipfelziele

Der Bergsommer steht in den Startlöchern und wir Bergsteiger, Wanderer, Kletterer und Mountainbiker mit ihm. Ich habe Lust auf blühende Bergwiesen, warme Temperaturen und viel Sonnenschein! Im T-Shirt mit kurzer Hose unterwegs sein, mit einem kleinen Rucksack dem Gipfel entgegen. Das ist doch der Inbegriff von Freiheit!

Die Freiheit, nach der wir uns schon so lange sehnen, kehrt allmählich zurück. Und damit auch der Wunsch nach neuen, abwechslungsreichen Bergtouren. Den ganzen Winter habe ich sehnlichst auf diesen Moment gewartet! Einfach dothinfahren zu können, wohin es einen zieht. Die Vorfreude jetzt ist riesig.

Deshalb nehme ich euch heute mit in die Tiroler Zugspitz Arena nach Ehrwald. Eine sonnenverwöhnte Tour soll es werden, welche einen wilden, aber durchaus lieblichen Charakter hat. Diese Kombi ist sehr reizvoll, aber nicht allzu oft zu finden. Gut, dass ich mich auch in Tirol gut auskenne! Schnell habe ich die richtige Tour für meine heutigen Ansprüche gefunden: der „Vordere Drachenkopf“ mit 2303 Metern.

Der blaue Himmel verspricht einen sonnigen Tag mit warmen Temperaturen. Der wilde Anstieg über diese Variante ist beliebt, weshalb ein Early Bird ratsam ist. Wir starten schon früh am Parkplatz der Ehrwalder Almbahn. Der Weg zum „Hohen Gang“ ist gut ausgeschildert und deshalb eigentlich nicht zu verfehlen. Über einen breiten Karrenweg geht es zuerst flach dahin. Er mündet bald in eine wunderschöne, blühende Wiese, die überquert werden muss. Sommerliche Vibes sind hier vorprogrammiert! Zudem hat man einen  hervorragenden offenen Blick auf die Zugspitze, den wir in dieser Form erst wieder am ausgesetzten Steig genießen können.

Weiter geht es durch dichten Nadelwald. Die ersten Höhenmeter werden dort steil auf einem kleinen Pfad zurückgelegt. Erst am Einstieg des hohen Ganges lichtet sich der Wald und die Sonne kommt erstmals zum Vorschein.

Ab hier wird der Charakter der Tour rauer, felsiger und ausgesetzter, wodurch der Steig einen leichten Klettersteig-Charakter bekommt. Drahtseilversicherungen erleichtern an manch luftiger Stelle den Aufstieg. Für Kinder oder unsichere Wanderer ist ein Klettersteigset empfehlenswert, während der Steig für routinierte Bergsteiger ohne Sicherung gut machbar ist.

Jedoch ist ein Helm vor allem am Wochenende wegen ausgelöstem Steinschlag empfehlenswert! Wer sich in diesem Gelände unwohl fühlt, nicht schwindelfrei oder trittsicher ist, sollte allerdings von der Begehung absehen und alternativ den Forstweg nehmen. Immer gut markiert geht es in einigen Kehren die steile Felsstufe hinauf. Von diesen luftigen Absätzen hat man einen grandiosen Ausblick auf das imposante Zugspitz–Massiv und das Örtchen Ehrwald. 

Am Ende des Steiges flacht der Weg ab und bald gelangen wir an das idyllische Ufer des Seebensees. Der Blick auf die umliegenden Gipfel könnte nicht eindrucksvoller sein! Auf der linken Seite befindet sich der „Vordere Tajakopf“, auf dessen Haupt ein sportlicher Klettersteig über die Tajakante führt. Rechts davon ragt eine Felskette, bestehend aus den „Wamperter Schrofen“ (2520 m) und dem bekannten „Grünstein“ (2662 m) empor. Die Präsenz dieser Bollwerke sind mitverantwortlich für den wilden Charme dieser schönen Tourengegend.

Nicht zu vergessen ist das kleine Matterhorn von Ehrwald – die gleichnamige „Ehrwalder Sonnenspitze“. Mit ihren 2416 Metern ist dieser extravagante Berg ein Magnet für kletteraffine Bergsteiger! Über ausgesetzte Abschnitte geht eine alpine Kletterei im zweiten bis dritten Grad ungesichert durch die Wand. Wer sich hier wohlfühlt, wird seine Erfüllung finden!

Unser heutiges Ziel, der „Vordere Drachenkopf” ist ebenfalls gut zu sehen. Nach einer längeren Pause, in der einige Erinnerungen an diese ernstere Tour hochkommen, geht es über einen einfachen Wanderweg in 30 Minuten hinauf zur Coburger Hütte (1920 m). Auch wenn es heute vergleichsweise ruhig ist, tummeln sich doch einige Wanderer an diesem aussichtsreichen Foto-Hotspot. Nicht auszudenken, wie voll es hier an so manch heißen Tagen im Hochsommer wird …

Leider ziehen jetzt einige Nebelschwaden zu uns herüber, was die Luft deutlich abkühlt. Sehnsüchtig schaue ich hinab zum Seebensee, der in der Sonne glitzert. Schnell ziehe ich mir eine Jacke an, bevor wir den Aufstieg fortsetzen. Rechtshaltend über steinige Wege geht es nun in moderater Steilheit über Schotterfelder Richtung „Biberwierer Scharte“. In der einsamen Felslandschaft sehen wir weiter oben sogar ein paar Gämsen, die in dieser kargen Umgebung in ihrem Element sind.

Kurz vor dem Gipfel beginnt der etwas heiklere Teil. An manchen Stellen etwas ausgesetzt, geht es hier in brüchigem Gelände, jedoch gut markiert, die letzen Meter (I Grad) hinauf zum schönen Gipfelkreuz. Belohnt werden wir mit einer sagenhaften Aussicht, die je nach Größe der Nebelschwaden den Blick auf die umliegenden Berge freigibt oder wieder verdeckt. Kalt ist es. Die Schneefelder, die hier noch so zahlreich vorhanden sind, werden sich im Schatten der Felswände noch länger halten.

Die mystische, diffuse Wolkenstimmung lässt unter uns den sonnenbeschienen Seebensee und den Drachensee immer unwirklicher erscheinen. Was für ein Schauspiel! Glücklich über diesen besonderen Gipfelmoment beschließe ich gedanklich, bald wieder zu kommen. So einzigartig, ursprünglich und wild ist diese Landschaft! Mein Papa und ich machen eine längere Brotzeitpause, bevor es uns zu kalt wird und wir uns an den Abstieg machen.

Wir folgen dem Aufstiegsweg hinab zur Coburger Hütte und dem Seebensee, nehmen dann allerdings den Abzweig nach rechts, Richtung „Ehrwalder Almbahn“. Eine Weile folgen wir dem flachen Weg, bis zu einer kleinen, dunklen Hütte. Dort steht an einer unauffälligen Gabelung ein Schild, auf dem „Immensteig“ steht. Das ist unser Abstieg zum Parkplatz! Hinunter geht es steil, meist über nasse Wurzeln und Steine, was das Ganze ziemlich rutschig gestaltet. Es gibt auch einige ausgesetzte Stellen, an denen allerdings ein Stahlseil gespannt ist, an dem wir uns entspannt hinabhangeln.

Rechts von uns rauscht ein tosender Wasserfall ins Tal. Die Bäume können sich nur mit Mühe und Not am Steilufer festhalten. Das alles erinnert mich an die unbändige Wildnis Kanadas, wo es an allen Ecken und Enden nur so sprudelt und rauscht.

Der anfänglich sehr wilde Steig gestaltet sich im unteren Bereich etwas sanfter. Die letzten Meter genieße ich die kühle Luft des Waldes. Wir sind nicht mehr weit vom Parkplatz entfernt. Ich bin glücklich und freue mich sehr über diesen herrlichen Tag im Bergparadies Tirol. Gedanklich fiebere ich schon den nächsten Touren des bevorstehenden Bergsommers entgegen und überlege, was für lohnende Ziele auf meiner To-do Liste stehen. Es sind einige, die in Angriff genommen werden möchten …

GUT ZU WISSEN

Ausrichtung // Nord/West  Bergtour 6 Stunden   1280 Hm, 13 Km

Art // Bergtour.
Schwierigkeit // Mittel.
Orientierung // Vom Parkplatz der Ehrwalder Almbahn wenige Meter entlang der Asphaltstraße. Danach rechts abbiegen und dem Fahrweg folgen. Es geht wiederum rechts weiter über einen steilen Weg hinauf, kurz über eine Almwiese und weiter im lichten Wald empor. Nun über eine steile Schotterrinne, bevor die ersten seilversicherten Abschnitte kommen. Weiter über felsdurchsetztes steiles Gelände erreicht man das Plateau des Seebensees. Am See entlang, das Tourenziel direkt vor Augen, vorbei an der Materialseilbahn und in Serpentinen bis zur Coburger Hütte (Gehzeit 2,5h). Direkt vor der Hütte folgt man dem Steig rechts Richtung „Biberwierer Scharte“. Bei einer Gabelung zweigen wir links ab. Oben geht man im weiten Bogen auf die Einsattelung des „Vorderen Drachenkopfes“ zu. Nun in leichter Kletterei (I) teilweise etwas ausgesetzt den Grat entlang bis auf den Gipfel.

Beste Jahreszeit // Mai bis September.
Einkehrmöglichkeit // Coburger Hütte (1920 m).

Anreise //
Mit dem Auto: Von München über Garmisch und Griesen nach Ehrwald. Hier bis zur Ortsmitte und bei der Apotheke rechts hinauf zur Ehrwalder Almbahn.
Parkplatz // Ehrwalder Almbahn.
Kosten // 5 Euro.

Ausrüstung // Bergtourenausrüstung, Helm (für Anfänger empfiehlt sich ein Klettersteigset!).

TIPP // Fitte Klettersteigliebhaber können anstatt über den Hohen Gang den sportlichen Seeben–Klettersteig mitnehmen. Dieser verläuft nahe des Wasserfalls und erfreut sich daher großer Beliebtheit – es lohnt sich früh zu starten. Die Schwierigkeiten sind mit D/E bewertet: also durchaus anspruchsvoll und daher nichts für Anfänger!

Wer gleich mehrere Tage am Stück in dieser traumhaft wilden Region unterwegs sein möchte, übernachtet am besten in der Coburger Hütte. Von dort gibt es zahlreiche Gipfel in unterschiedlichen Schwierigkeiten zu besteigen. Familien mit Kindern können, um Kraft zu sparen, die Bahn benutzen. Von der Bergstation Ehrwalder Alm (1500 m) ist die Hütte im gemütlichen Tempo in etwa 2 Stunden zu erreichen.