Auf der Hüttn, da gibt’s an Wirt

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Text: Christian Rauch

Illustration: Christian Rauch, Alexander Aczel

30 Jahre war Charly Wehrle Hüttenwirt und Weltenbummler. Legendär wurden seine Musiktrekkings nach Nepal. Heute lebt er auf einem Hof im Allgäu – eigentlich. Doch so ganz ohne Hütte geht es bei ihm nicht, und so bewirtschaftet er letzten Sommer die Frederic-Simms-Hütte in den Lechtaler Alpen. 

Steinmandl säumen die Tische. Nepalesische Gebetsfahnen flattern im Wind. Die Sonne scheint und bringt die wild schäumende Partnach zum Glitzern. So sah Charly Wehrles Arbeitsplatz aus. Mehr als 20 Sommer lang, bis zum Jahr 2009, war er der gute Geist auf der Reintalangerhütte im Wetterstein. Nun grüßen Steinmandl und Gebetsfahnen vor seinem Allgäuer Hof. Im stillen Nannenbach bei Leutkirch hat sich der 62-jährige sein eigenes Reich geschaffen.

Als Hüttenwirt ist er für viele längst eine Legende. Über keinen anderen kursieren mehr Anekdoten, angefangen bei seinem berühmten Weckruf bis hin zu schrägen Veranstaltungen wie literarischen Schneeschuhwanderungen und musikalischen Trekkings. Als versierter Kletterer war er vielen ein Vorbild – noch mehr Bewunderung allerdings brachte ihm die Tatsache ein, dass er die Bierfässer per Motorrad auf seine Hütte schaffte.

„Dabei braucht es eigentlich nur viele kleine Gesten, damit sich die Leute wohl fühlen“, erklärt Charly heute bescheiden. Im karierten Hemd sitzt er in der Stube und lugt über seine Lesebrille. Gesten auf einer Berghütte? „Na, zum Beispiel eine herzliche Begrüßung und einen Schnaps oder eine spendierte Limo für die, die eine besonders lange Tour hinter sich haben.“

Wie viele derartige Begrüßungen mag er in den vielen Sommern erlebt haben – Familien, deren erwachsene Kinder ihn Jahre später wieder besuchten, Wandergruppen, kernige Kletterer …

Nun leben Charly und seine Frau Ursula inmitten stiller Wiesen. Der nächste Nachbar ist mehrere Hundert Meter entfernt. Doch wenn die beiden Besuch empfangen, verwandelt sich die vermeintliche Einöde in einen Ort von Kultur und Begegnung. Regelmäßig finden im Hof der Wehrles Konzerte statt, vom bayerischen Bluesbarden „BlechgitarrVinz“ bis zur mongolischen Ethno-Jazzband Börte. Zahlreiche Bilder säumen die Galerie. Bilder von Künstlern, Bilder von Klettertouren, Reisen und Landschaften.

Und nach draußen, auf die Obstbaumwiesen und die Terrasse, bittet Charly anschließend jeden, wenn das Wetter mitspielt. Und diejenigen, die nicht mehr nach Hause fahren wollen, führt er wie in alten Zeiten die Treppe hinauf. Unter dem Dach hat er liebevoll zehn Lagerplätze eingerichtet, mit Matratzen und Decken. „Ein wenig Hüttenatmosphäre muss sein“, erklärt der Mann, der schon als 11-Jähriger für zwei Monate „Hüterbub“ auf dem Gimpelhaus in den Tannheimer Bergen war. Dort lernte er das einfache und kameradschaftliche Zusammenleben in einer Bergsteigerunterkunft schätzen. Später begann er selbst zu klettern, fuhr kreuz und quer durch die Alpen und wurde Gast vieler Hüttenwirte. Nicht überall erlebte er eine angenehme Atmosphäre. „Wenn man aufgrund späten Eintreffens zum Übernachten in den Eselstall verwiesen wird, dann passt was nicht“, erinnert sich Charly.

„Damals nahm ich mir vor, es besser zu machen – sollte ich jemals selbst Hüttenwirt sein.“ Doch zunächst lernte der gebürtige Wangener auf Wunsch des Vaters das Metzgerhandwerk.