Über den Berg

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Text: Eva Meschede

Foto: Florian Bachmeier

Zu Fuß, mit Mountain-Bike und zum Schluss mit Boot wagten zwölf Kinder aus dem Caritas-Dorf Irschenberg 2011 eine Alpenüberquerung. Ein Jahr danach ziehen sie Bilanz: Wie wertvoll war die Erfahrung? Hat sie die dreiwöchigen Strapazen aufgewogen?

Fast ein Jahr danach gehen die Erinnerungen daheim im oberbayerischen Irschenberg am Esszimmertisch kreuz und quer. Hat es jetzt nur das eine Mal geregnet, als sie sich mit den Mountainbikes verfahren hatten? Dann war da ja noch das heftige Gewitter, das drohend aufzog, als sie vom Großvenediger abstiegen und das sie zum Glück in der Hütte erleben durften. Aber sind sie dann nicht noch einmal auf dem Weg zum Fluss total nass geworden? Und vorher auch noch mal? Dennoch: Der Rückblick ist überwiegend sonnig, was das Wetter angeht.

Andere Entbehrungen waren da schon schlimmer: „Nur drei Unterhosen, das war echt assie“, sagt der 13-jährige Moritz, heimlich habe er eine vierte mitgeschmuggelt. Die 12-jährige Lisa erinnert sich an den Tag, an dem es nur Zwieback, Käse und Apfel gab. Und die 15-jährige Marie und die 13-jährige Katie fanden es grausam, dass das komplette Schminkzeug zu Hause bleiben musste. Drei Wochen ohne jedes Make-up! Obwohl jede Menge Fotos gemacht werden würden. Was für eine Aussicht! Damit das wochenlange Leben so ganz ohne Beautyprodukte nicht zu hart würde, hatte Hausmutter und Tourbegleiterin Stephi den Teenagerdamen vor dem Start zum Glück noch eine Runde Wimpernfärben spendiert. So konnten Tiegel und Stifte leichter zurückgelassen werden. Der Verzicht hatte in allen Fällen mit einem zu tun: dem Gewicht des Rucksacks, den die Kinder drei Wochen lang tragen würden und der auf keinen Fall mehr als sechs Kilo wiegen sollte. Zwar schleppten die Erwachsenen doppelt so viel auf dem Rücken, aber auch hier gab es Grenzen.

Moritz, Lisa, Katie und Marie sind vier von zwölf Kindern aus dem Kinderdorf Irschenberg, die von ihrem großen Projekt im Sommer 2011 erzählen. Zusammen mit fünf Betreuern haben sie in einer dreiwöchigen Tour die Alpen überquert, von ihrer Haustür aus bis an die Adria, mit Fahrrädern, Wanderschuhen, Seilen, Steigeisen und Rafting-Booten – immer aus eigener Kraft; 15.000 Höhenmeter, 400 Kilometer und viele lange Fußmärsche lagen hinter ihnen, als sie nach 23 Tagen endlich ins Meer springen konnten. Alle Kids hatten sich freiwillig gemeldet und schon neun Monate vorher zu trainieren begonnen; regelmäßig joggen, Bergwanderungen bei jedem noch so fiesen Wetter und Mountainbiken standen auf dem Programm. Ausdauer und Willen zum Durchhalten hatten sie damit schon vor dem Start bewiesen.

Am 29. Juli ging es dann endlich los, die ersten Tage mit Fahrrädern. In ein ganz neues Abenteuer für die Kids des Caritas-Dorfs, das seit 30 Jahren Kinder und Jugendliche in Notsituationen aufnimmt und in Pflegefamilien aufwachsen lässt. Die Alpenüberquerung war ein Experiment: Würden alle Kinder den langen, weiten, oft steilen Weg bergauf und bergab schaffen? Würde man sich auch in Extremsituationen vertragen? Was würden sie in den Bergen lernen und mitnehmen für die Zukunft? Und was bleibt im Gedächtnis, wenn man die Kinder knapp ein Jahr später von ihrem großen Projekt erzählen lässt?