Hallo, altes Haus

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

An Häusern mit Geschichte konnte Helen Ulmer noch nie vorbeigehen. Die Innendekorateurin aus Zürich hat eine besondere Begabung dafür, Altes mit Neuem zu vermählen. Das hat sie schon mehrmals in historischen Gemäuern bewiesen. Das Engadinerhaus von 1591 ist ihr Meisterstück – vorläufig: Weitere Restaurierungen können folgen

Sie kam. Sah wenig. Und war sofort elektrisiert: „Der Boden mit den dicken Holzbohlen, die Decken – alles noch original. Da war nichts kaputt gemacht“,erinnert Helen Ulmer den ersten flüchtigen Eindruck im alten Bauernhaus an der Dorfstraße von Ardez. Nur den dunklen Sulèr, Vorraum zu den Erdgeschossräumen und früher gleichzeitig Zufahrt zur Scheune, konnte sie betreten. Die Türen zur Arvenholz-Stube mit dem Ofen, zur Küche und zur Speisekammer unter dem Kreuzgratgewölbe waren geschlossen. Dennoch: „Ich war hin und weg.“

Die ersten Ideen für die Renaissance des stattlichen Engadinerhauses aus dem Jahr 1591, sie wurden schon in diesen Augenblicken geboren. Helen Ulmer, von Beruf Innendekorateurin, weiß, wie man das Neue heimisch macht in der Tradition und dabei auch zu unkonventionellen Lösungen vordringt. Etwa zu einem gemütlichen Wohnbad mit eingebauter Teeküche auf der Gästeetage. „Alte Häuser sind mein Ansporn“, sagt die gebürtige Stadtzüricherin. „Seit dreißig Jahren habe ich immer wieder ein altes Haus gefunden, es umgebaut und weitergegeben.“ Wenn es hoch oben liegt, umso besser: „Ich bin eine Bergziege.“

Das Bauerndorf Ardez liegt 1470 Meter hoch, auf einer Sonnenterrasse am Südhang der Silvretta, und es hat, das ist Helen Ulmer wichtig, „noch einen ureigenen guten Charakter“. „Ich liebe das Leben mitten im Dorf“, sagt sie und blickt hinüber auf den Hof jenseits der schmalen Via Maistra, der alten Hauptstraße, „dazu gehört der Bauer, der abends noch sein Holz sägt.“ Oder die alte Dame, die ihr jeden Tag ein Lächeln schenkt – dafür, dass Helen Ulmer die Rabattmarken vom Supermarkt für sie sammelt. Aber auch in Ardez bleibt die Zeit nicht stehen. Der Bauer von gegenüber und seine sechzig Schafe, die im Stall überwintern, werden demnächst ausziehen, und dann wird wieder ein Haus umgewandelt in eine Zweitresidenz.

Baugerüste an den historischen Fassaden künden vielerorts vom Besitzerwechsel, der gerade in Ardez vollzogen wird. Ins Dorfkonzert mit seinem Gackern, Blöken und Zwitschern mischt sich das nachdrückliche Hämmern der Zimmerleute. Wer in einem Engadinerhaus mit dicken Mauern und kleinen Fenstern aufgewachsen ist, kann sich meist Besseres vorstellen als eine aufwendige Renovierung, um danach wieder in einem Engadinerhaus zu wohnen. Für das Geld baut man lieber ein neues, modernes Haus.

Die stadtmüden „Unterländer“ dagegen und andere auswärtige Hauskäufer bringen im besten Fall, neben den nötigen Mitteln, eine neue Wertschätzung mit für die alten Bauernhöfe. Die zeigt sich dann auch in einem respektvollen Umgang mit der historischen Substanz. Die Chasa Markés, in die Helen Ulmer sich sofort verliebt hatte, war lange Zeit das Engadiner Ferienhaus des Baseler Goldschmieds und Antiquitätensammlers Otto Markés und seiner Familie. Zwei Jahre musste Helen Ulmer warten, bis die Vorbesitzerin zum Verkauf bereit war, „und dann sagte sie: Ich gebe das Haus nur jemandem, der mir sehr sympathisch ist und dem ich vertrauen kann.“ Die Chasa Markés sollte nicht renditeträchtig aufgeteilt werden in mehrere Wohnungen.

Helen Ulmer wusste zu überzeugen: „Meine Begeisterung war echt, und das hat sie gespürt.“ Alles, was zu Haus und Haushalt gehörte, war noch da: das Geschirr, das Besteck, Kaffee und Tee in den Dosen. Die Kutsche. Eine Bibliothek mit rätoromanischen Büchern aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Viele Antiquitäten: wertvolle Truhen und Schränke, die, auch das war eine Bedingung, an Ort und Stelle bleiben sollten und die nun, nachdem sie in St. Moritz restauriert wurden, die musealen Schmuckstücke im Haus sind.

Ihren Umbau-Architekten fand Helen Ulmer direkt vor der Tür: Das Turmhaus gegenüber, das im 17. Jahrhundert vom Bündner Adelsgeschlecht von Planta aufgestockt und nobilitiert worden war, renovierte zu der Zeit Duri Vital für seinen älteren Bruder, den Künstler Not Vital. Der Architekt aus dem nahen Sent ist der Experte für die Balance zwischen historischer Bauweisheit und modernem Wohnen. Rund ein Dutzend Engadinerhäuser hat Vital bisher in zeitgemäße Domizile verwandelt, wo es sich nun dank Erdwärme auch in den langen Wintern komfortabel wohnen lässt.

Keiner versteht es besser, die Wunden zu heilen, die vielerorts entstanden sind durch Hauruck-Modernisierungen der Sechzigerjahre und den Holztäfelungswahn der Siebzigerjahre – „bis die Zimmer aussahen wie eine Sauna an der anderen“. Und keiner fügt neue Treppen und Türen, Küchen und Bäder so sensibel in alte Kammern, Ställe und Scheunen ein wie der Mann mit dem besonderen Gespür für elementare Materialien. „Stein, Holz, Eisen, Kalk, da kann man nichts falsch machen“, sagt Vital, der um sich herum ein Team von erstklassigen Handwerkern aufgebaut hat. „So sind die Häuser gebaut, und deshalb stehen sie noch da. Die neuen werden nicht 400 Jahre halten.“

Wie in einem guten Kunstwerk stimmen Proportionen, Farben und Kontraste, wenn Vital Metalltreppen einbaut, wenn er Heizkörper mit einem großen Roheisenrechteck kaschiert oder das hölzerne Eingangstor mit einem gläsernen Windfang rahmt. Vital ist ein Mann, dem die handwerkliche Praxis vertraut ist. In seinem Traumberuf Mechaniker hat er nach der Schule die Begeisterung für Maschinen, Motoren, Metall und Elektronik ausgelebt. Danach war er in verschiedenen handwerklichen Berufen, während er das Fernstudium für Innenarchitektur machte. „Es ist ein Riesenvorteil“, sagt Vital, „wenn man selbst so gearbeitet hat, dass einem die Handwerker nichts vormachen. Die merken sofort, ob der Praktiker kommt oder der Theoretiker, und sind froh, wenn sie mit jemandem zu tun haben, der ihr Metier versteht.“

Am Reißbrett oder am Computer kommt man einem alten Dorfgebäude nicht nahe: „Wenn ich einen Umbau mache, gehe ich jeden Tag in dieses Haus, oft einen Monat lang, bis ich es wirklich spüre – dann wachsen die Ideen, und auf einmal ist alles klar.“ Auf die täglichen Überraschungen, die morsche Böden und brüchige Mauern bereithalten, richtet Vital sich ein, indem er das Ein-Mann-Büro an die Baustelle verlegt und die Stube zu seiner Basisstation macht. Denn obwohl alle Engadinerhäuser nach demselben Prinzip errichtet wurden, hat doch jedes seinen eigenen Charakter und seine eigene Geschichte.

„Die Chasa Markés war in einem desolaten Zustand. Es hatte in ihrer Geschichte aber keinen schlimmen Umbau gegeben. Also musste ich wenig rausreißen“, erklärt Vital. Wie in vielen Häusern hatte man auch hier in den Fünfziger- oder Sechzigerjahren den gemauerten, weiß verputzten Ofen in der Stube mit Kacheln verpackt. „Bessere Wärmeabstrahlung, aber optisch katastrophal“, sagt Vital. Über die Kacheln ließ er einfach wieder einen Putz legen, sodass der Ofen wieder stimmt im historischen Bild der ‚Stüva’ – mit ihrer Arvenholztäfelung, mit der Deckenöffnung zur Schlafkammer im Obergeschoss, mit dem Nussbaumbuffet aus dem 18. Jahrhundert, als man die Stuben eleganter gestalten wollte.

Im geräumigen Sulèr, über dessen sechs Zentimeter dicke Holzbretter früher die Pferdewagen mit dem Heu in die große Scheune gezogen wurden, hat Helen Ulmer ihren Wunsch durchgesetzt: Eine kuschelige „Schlafkiste“ gegenüber dem Badezimmer, das in der ehemaligen chamineda, der Speisekammer, eingerichtet ist, macht das Erdgeschoss zu einer kompletten Wohnung. Gäste des Hauses können die beiden darüberliegenden Ebenen durch einen neu geschaffenen zweiten Eingang betreten. Den hat Vital auf der Gartenseite dort geöffnet, wo früher die Nische für das Plumpsklo in die Außenmauer integriert war. Den Dachstock bauten die Innendekorateurin und der Architekt zu einem lichten Loft aus – mit vielen unterschiedlichen Öffnungen zur herrlichen Umgebung, zu den Unterengadiner Dolomiten, zur Schlossruine Steinsberg, zu den Wiesenhängen hinterm Haus und den Arvenwäldern. Dem Himmel über Ardez mit seinen zartgrauen Wölkchen, die durchs Blau segeln, und den Berggipfeln in ihrer abendlichen Segantini-Färbung huldigt eine eingeschnittene Dachterrasse. „Ein Privileg, so zu leben“, schwärmt Helen Ulmer, „und ich habe auch so viel dazugelernt.“ Damit meint sie nicht nur die Umbauphase, sondern vor allem das Abenteuer, in das sie sich danach stürzte.

Die Cuort, der Stallvorraum unter dem Sulèr, wo früher die Mistlege und die Vorratskeller waren, wurde bei der Renovierung fünfzig Zentimeter tiefer gelegt und mit handsortierten Steinen vom Inn-Ufer über der Bodenheizung gepflastert. Hier wollte eine Freundin von Helen Ulmer eine Weinhandlung mit Degustation einrichten. Als daraus nichts wurde, „habe ich endlich meinen Jugendtraum verwirklicht: ein eigenes Restaurant“. An drei fein gedeckten Tischen in drei Räumen verwöhnt Helen Ulmer seit Anfang des Jahres ihre Gäste – im Winter an drei Abenden in der Woche, im Sommer nur auf Voranmeldung.

„Am 29. Dezember 2010 habe ich eröffnet. Das Restaurant war ausgebucht – und es wurde für mich sofort zum Albtraum“, erzählt sie heute lachend. „Am Service lag’s nicht. Der war perfekt. Denn den hat mein Sohn Noa übernommen.“ Noa ist ausgebildeter Butler, mit Diplom der International Butler Academy im niederländischen Zeist. Eher lag’s an der Logistik der Menüfolge für zwölf Personen. Zwischen Randencreme-Suppe, Coquilles Saint-Jacques mit Belugalinsen, Lammrack mit Kartoffelgratin und Schoggikuchen mit Orangensalat hatte die passionierte Köchin Mut und Schwung eingebüßt: „Am 30. Dezember bin ich aufgestanden und habe meinem Sohn und meinem Lebenspartner gesagt: ,Das war’s mit dem Restaurant, das schließen wir wieder.‘“

Schlussendlich hat sie sich durchgekämpft, durch sechs harte Wochen. „Ich habe den Ablauf in der Küche gelernt, bin viel sicherer geworden und habe jetzt die gute Laune, die ich anfangs den Gästen vorspielen musste.“ Wer nach dem stimmungsvollen „Private Dining“ im Kerzenlicht am liebsten bleiben möchte, darf auch das: Helen Ulmer vermietet das Dachgeschoss als Ferienwohnung. Viel Zeit, die Umgebung zu erkunden, bleibt der Neubürgerin von Ardez bisher noch nicht. Abends, wenn in den Gassen und auf den Plätzen nur noch das Plätschern der Brunnen zu hören ist und die Bergspitzen in der letzten Sonne liegen, macht sie einen großen Rundgang. „Ich bin hin und hergerissen von der Schönheit des Ortes“, sagt Helen Ulmer, „und ich bewohne, wenn ich allein bin, mein ganzes großes Haus. Das ist völlig absurd. Denn ich bin ein Mensch, der am liebsten in einer Puppenstube leben möchte. Mit ganz niedrigen Decken und Fenstern so weit unten, dass ich aufs Gras sehen kann.“ Wenn es eines Tages also auf ihrem Lebensweg liegen sollte, das kleine, ganz einfache und natürlich historische Haus, dann, gibt Helen Ulmer zu, könne sie für nichts garantieren: „Ich würde das Ardez- Haus meinem Sohn übergeben und wieder umziehen. Alte Häuser sind eben meine Leidenschaft.“

Kategorie Architektur & Wohnen

Sommerwochen im Kärntner Mötschlach, Winterwochen in Abwinkl am Tegernsee – die Familienferien, die sie als Kind in kleinen Orten unter imposanten Gipfeln verbrachte, haben die Kunst- und Architekturjournalistin geprägt. Die Tage, als sie barfüßig über Stock und Stein stürmte, sind lange vorbei. Aber der Anblick schneebedeckter Berge ist der gebürtigen Fränkin heute noch der beste Ausgleich zum Stadtleben. Im ebenso gastlichen wie untouristischen Bündner Dorf Vrin fand sie an Details, wie etwa den Handläufen der Außentreppen, bestätigt, dass die einfachen Dinge oft die besten sind: „Und zu denen muss man wie im Leben vordringen. Im Baumarkt findet man sie nicht.“