Wolkenkuckucksheim

Wolken Kuckucks Heim // © Foto: Yvonne Oswald

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Der Kunstsammler Cajetan Gril du Guern hat sich vor über 15 Jahren in der Oststeiermark Schloss Aichberg gekauft. Seither renoviert er das Gebäude. Und weil er keine Lust hatte, all die vielen morschen Barocktüren zu ersetzen, bat er kurzerhand Künstler, diese zu gestalten. Bald kamen Wände dazu, der Garten, irgendwann ganze Räume. Heute ist Aichberg ein Hort für zeitgenössische Kunst und zugleich eine Zeitreise in die Vergangenheit. Wer im Gästezimmer schläft, teilt sich das Zimmer mit awarischen und ostgotischen Funden aus der Gegend

Schwarz erhebt sich Schloss Aichberg über den sanften Hügeln der Oststeiermark mit ihren Obst- und Weingärten. Ein wenig bedrohlich wirkt es in all dieser Lieblichkeit rundum. „Aber das ist keine Absicht“, versichert Cajetan Gril du Guern, aus einer bretonischen Seefahrerfamilie stammend und seit 1986 Besitzer von Schloss Aichberg. Er entschloss sich das Haus anthrazitgrau anmalen zu lassen, weil dies die ursprüngliche Fassadenfarbe im ausgehenden 17. Jahrhundert war. Cajetan Gril hat sich als gelernter und begeisterter Historiker intensiv mit der Geschichte Aichbergs und seiner Umgebung beschäftigt. Diverse Ausgrabungen haben Spuren einer Besiedlung durch Kelten, Römer, Slawen und Awaren zu Tage gefördert. Burg Aichberg, wahrscheinlich im 11. Jahrhundert erbaut, aber erstmals 1250 erwähnt, wurde als Teil eines Burgengürtels entlang dem Fluss Lafnitz erbaut, der als Grenze Pannonien von Noricum trennte und im 11. Jahrhundert als Grenzfluss zwischen dem Römischen Reich und Ungarn festgelegt wurde.

Dieser Burgengürtel sollte Angriffe aus dem Osten abwehren. Immer wieder gab es damals Überfälle der Türken, Haiducken und Kuruzzen. Im frühen 15. Jahrhundert ging das Schloss von der ritterlichen Familie Aichberg an die Grafen Steinpeiß und blieb für die nächsten 350 Jahre in deren Besitz. Die heutige Form erhielt das Haus 1669 durch einen italienischen Baumeister der Carlone Schule. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts begann für Schloss Aichberg und die umgebenden Ländereien eine Zeit oft wechselnder Besitzer und folglich ein langsamer Niedergang. Cajetan Gril, der sich selbst als Kunsthändler bezeichnet, und im klassischen Sinne des Wortes ein Kunstkenner ist, widmet sich seit den späten 1980er Jahren der schrittweisen Renovierung Aichbergs.

Abgesehen von den üblichen Arbeiten hatte er in seiner „Lust zur Kunst“, wie er dies selbst nennt, die originelle Idee, Künstler und ihr Werk in die Neugestaltung des Hauses einzubeziehen. Das begann, als Gril entdeckte, dass die barocken Türen des Schlosses großteils nicht mehr zu retten waren. Er bat befreundete Künstler um ihren Beitrag und es entstanden Metallskulpturen und Spiegelgebilde, die erst in zweiter Linie als Türe erkennbar sind. Außerdem Schiebetüren als Gemälde getarnt und schlichte Metall- oder Holztüren, die, von den Künstlern bearbeitet und gestaltet, zu Kunstwerken wurden. Was als künstlerische Lösung für zerstörte Türen begann, erstreckte sich bald auch auf Wände, Decken und Fenster. Über die Jahre haben viele österreichische Künstler wie Otto Zitko, Julian Taupe, Hans Weigand, Erwin Wurm, Heimo Zobernig, Oswald Oberhuber und Martin Walde ihre Spuren in und um das Schloss hinterlassen.

Inzwischen gilt es unter den heimischen Künstlern als Auszeichnung, um einen Beitrag zur Gestaltung des Schlosses gebeten zu werden, nicht zuletzt da Grils Urteil als unbestechlich gilt. Oft erkennt Cajetan Gril die Qualität von Künstlern lange bevor der Kunstmarkt sie beachtet, versucht sie zu fördern und auszustellen. Dieses Gespür hat ihm viel Respekt eingebracht. Großartig zum Beispiel ist die Metallskulptur, die Martin Walde, einer der derzeit interessantesten österreichischen Künstler, 2011 im Vorhof des Schlosses als Zaun installierte. Auch die Autorin dieser Zeilen, eine künstlerische Fotografin, wird in Kürze die Ehre haben, eine der Türen im Schloss zu gestalten. In Planung ist dafür das lebensgrosse Porträt „des guten Hausgeistes“ von Aichberg, wie Gril sie nennt, einer Dame, deren Leben seit Kindheit mit dem Haus verbunden ist.

So nähert sich Schloss Aichberg immer mehr einem Gesamtkunstwerk, dies allerdings wird nicht immer verstanden und gebilligt von den Bewohnern des Dorfes. Der Hausherr ließ sich dadurch nicht entmutigen und richtete im ersten Stock des Anwesens eine ständige Schausammlung mit Funden aus dem Anwesen, Artefakten der Ausgrabungen in der Gegend und diversen historischen Gebrauchsgegenständen der Oststeiermark ein, um, wie er sagt, „Geschichte auszustellen“. Alljährlich im Sommer präsentiert er zusätzlich eine Sonderausstellung, die einem ihm wichtigen Thema oder Künstler gewidmet ist. 2012 war dies „Glauben“ mit brillanten Texten der Philosophin und Künstlerin Elisabeth von Samsonow. Für den Sommer 2013 plant er eine Präsentation über Landkarten.

Zusätzlich gibt Gril seit 1996 regelmässig ein kleines Heft, genannt „Aichbergiana – ein Haus und seine Bewohner“ heraus. In diesen Schriften berichtet er über historische Erkenntnisse in und um das Schloss oder die stattfindenden Ausstellungen. Hat man das Glück, vom Hausherrn eine Privatführung durch das Schloss zu erhalten, so merkt man schnell, dass sich hier jemand ganz der Kunst und den Künstlern verschrieben hat. Selbst die privaten Räume sind der Präsentation seiner Sammelleidenschaft gewidmet. Im Wohnzimmer coexistieren harmonisch eine Sammlung von Plastiktieren aus den 70ern mit chinesischen Lampen, Möbeln aus den 1960er Jahren und einer Papierguillotine, gefunden auf einem Pariser Flohmarkt. Die Bar beherbergt einen Einkaufswagen aus dem Supermarkt. Jeder Raum ist angefüllt mit Bildern, Objekten, Möbeln, Büchern oder Textilien, liebevoll benannt oder beschrieben, zu allen Objekten gibt es eine Geschichte. Einiges wurde ersteigert, manches gekauft, getauscht und auf Flohmärkten gefunden.

Ein Gang durch die umfangreiche Bibliothek ist nicht nur imponierend, sondern auch amüsant, denn erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass die Regale ausrangierte Obstkisten sind. Eindrucksvoll auch der ehemalige Salon mit seinem gescheuerten Schiffsboden und das halbrunde Speisezimmer, in dem der Hausherr historische Textilien und Musikinstrumente zeigt. Überhaupt sind seine Interessen weit gefächert, so beschäftigt er sich beispielsweise ausführlich mit historischer Farbgebung. Daher sind alle Metallgitter in einem dunklen Orange gehalten. Was für den unbedarften Betrachter wie Rostschutzfarbe wirkt, war laut Gril die übliche Farbe für Metall während der Barockzeit. So ist ein Wandern durch die Räume von Aichberg eine überaus lebendige Reise durch die zeitgenössische Kunst, aber auch durch die Geschichte. Eine Reise, die in die Oststeiermark führt – und für so manchen dort erst beginnt.