Mit dem Fatbike auf dicken Reifen durch den Schnee

Fatbike: Mit dem Mountainbike auf die Skipiste

Fatbike Mit dem Mountainbike auf die Skipiste // © Foto: Christian Ignatzi

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Mountainbiken im Winter? Kein Problem mehr mit einem Fatbike. Die Fahrräder mit extrem dicken Reifen erobern die Alpen. Ein Praxischeck im schweizerischen Gstaad

Sie hämmern sich in den Schnee. Wie winzige Eispickel, Zentimeter für Zentimeter, drücken die oberarmdicken Reifen ihre Profilerhebungen in den Untergrund. Sie beißen sich fest und lassen nicht mehr los. Fressen sich weiter den Hang hinauf. Es knirscht, knarzt, knackt. Bis das kräftige Rad plötzlich durchdreht. Es passiert selten. Doch wenn, sagt MTB-Guide David Zeller vom Alpinzentrum in Gstaad, liegt es meist daran, dass der Schnee zu tief war – oder die Technik falsch. Als nichts mehr geht, weder vor noch zurück, eilt er zur Hilfe. Sein Schützling ist auf einer 20 Meter langen Steigung genau in der Mitte stehen geblieben. Ein hoffnungsloser Fall.

„Du darfst deinen Körperschwerpunkt nicht zu weit in die Mitte verlagern“, rät er, während er dem wehrlosen Biker Tipps zuruft. „Auf keinen Fall aufstehen!“ Langsam beginnen solle er, nicht zu hastig, sonst drehe das Rad wieder durch. Eigentlich, sagt Zeller, benötige man lediglich die übliche Mountainbiketechnik. Doch der Adressat der Ratschläge versucht es immer wieder auf die falsche Art, kommt kurz voran, ehe sein Rad doch wieder durchdreht – bis schließlich die Kette abspringt. Na toll. Runtergeschalten hatte er während des ganzen Elends auch noch. Ein Anfängerfehler. Fachmännisch hängt Zeller die Kette wieder ein und gibt ein paar letzte Anweisungen. Mit einem gekonnten Ausweichmanöver und einem kurzen Schlenker bergab geht es endlich weiter. Es ist die einzige Situation einer zweitägigen Fatbike-Tour, bei der die Biker kurz ins Stocken geraten.

Ansonsten überwiegt das Staunen: Dieses neue Trendgerät mit den viel zu dick wirkenden Reifen fährt sich wie ein schnittiges Mountainbike im Hochsommer. Seit der vergangenen Wintersaison bieten die Fahrradverleiher im Schweizer Nobelort Gstaad den Trendsport an, der über den großen Teich aus den Vereinigten Staaten langsam aber sicher nach Europa schwappt. Einerseits, sagen passionierte Biker, ermöglicht er ihnen, ihren Sport auch im Winter auszuüben. Andererseits erhofft sich die Region, die vom Tourismus lebt, neuen Schwung in den immer mehr ins Stocken geratenden Skitourismus zu bringen. Vor allem junge Sportler, die sich in der noblen Gegend um Gstaad eher wenig leisten können, finden in Fatbikes eine vergleichsweise günstige Alternative.

60 Schweizer Franken kostet der Verleih pro Tag. Mit 30 Franken ist ein Langlaufpass zwar nur halb so teuer, eine Skiausrüstung samt Pass in Gstaad liegt preislich aber in ganz anderen Sphären. Zu Beginn der ersten Tags hilft David Zeller beim Aussuchen der richtigen Rad-Größe, stellt den Sattel ein und bringt die überdimensionalen Pneus mit sensibler, aber bombensicherer Scheibenbremse am Gestänge an. Eine Federung ist nicht nötig. Die Reifen mit einem Druck von zwei bis zweieinhalb Bar sind elastisch genug, um ein Ruckeln aufzufangen. Winterjacke, wasserfeste Hose, Sportschuhe, Helm, Sonnenbrille – los geht’s. Allerdings nicht weit, bis die Erkenntnis einsetzt: Wer im Winter auf dem Bike strampelt, sollte sich nicht zu warm anziehen. Zumindest, wenn er einen Tag mit Traumwetter erwischt. Also: Helm ab, Sonnenbrille ab, Rucksack ab, Winterjacke verstaut, Helm auf und weiter geht’s. „Wichtig ist immer, eine hohe Kadenz zu fahren“, ruft Zeller noch und meint damit, lieber schnell in niedrigen Gängen zu treten als langsam in hohen. „Das schont die Kraft in den Beinen und man hält länger durch.“ Immer wieder drehen sich Fußgänger um, grüßen lächelnd, zeigen auf die dicken Reifen und kichern. Vielen hier ist die neue Sportart fremd. Später, wenn es bergab geht, werden die Biker ihre dicken Jacken wieder anziehen. Der Fahrtwind ist zu kalt. Doch bergauf geht es erstmal im Schritttempo die Serpentinen hinauf. Der erste Unterschied zum standardbereiften Mountainbike: Die dicken Räder lenken sich etwas schwieriger. Zumindest auf asphaltierten Straßen. In schattigeren Höhen auf Schnee und Eis, wenn sich die wahren Vorteile der Reifen offenbaren, flutscht die Lenkung wie geschmiert. Während die Tour vorbei an den aus Holz gebauten, prachtvoll verzierten Chalethäusern führt, plaudert Guide Zeller von seinen Erfahrungen im ersten Jahr auf dem Fatbike. „Was ich besonders an ihnen schätze, ist, dass ich meine Leidenschaften damit verbinden kann.“ Seine Leidenschaften – das sind Mountainbiken und Langlaufen. Der 21-Jährige lief als Jugendlicher im Schweizer Leistungskader. Heute arbeitet er in Bern und gibt an Wochenenden Kurse für Touristen und Sportbegeisterte in mehreren Wintersportarten. Er kennt die Langlaufloipen in der Region in- und auswendig. Sie auf dem Bike zu erleben, war aber eine völlig neue Erfahrung: „Es macht irre Spaß, wie gut die dicken Reifen halten“, schwärmt er. „Wenn es etwas schneller hinunter geht, würde man mit normalen Reifen in jeder Kurve davonfliegen.“ Das, fügt er hinzu, sei das Faszinierende: „Ich dachte mir, dass der Grip gut ist, aber nicht, dass es so enorm gut funktioniert.“ Und noch einen Vorteil hat das Biken im Schnee gegenüber dem Langlaufen: „Es ist bequemer, weil es weniger Kraft kostet.“

Bildergalerie Anklicken zum Vergrößern der Bilder // © Fotos: Christian Ignatzi

Zeller hat Recht. Das wird schnell klar, als die Langlaufloipen in den höheren Regionen erreicht sind. Wie im Sommer gleiten die Bikes durch den Schnee, gemütlich fast schon und immer mit Blick auf die schneebedeckten Nordhänge und ihre grün in der Sonne strahlenden Pendants im Süden. Doch die wahre Pracht der vom Fatbike aus erlebten Berge zeigt sich am zweiten Tag, als es per Kleinbus von Gstaad aus ins rund 500 Meter höher gelegene Sparenmoos geht. Die Strecke durch die verschneite Moorlandschaft bei hoher Kadenz und niedrigem Kraftverbrauch ist einer der Aspekte, die das Fatbiken ausmachen. Malerische Panoramen, glitzernder Schnee und absolute Stille, nur unterbrochen durch die knirschenden Reifen. Erholung an der frischen Bergluft. Action und Spaß sind die anderen beiden Punkte, die David Zeller hervorhebt. Sie gibt es vor allem auf Downhillstrecken. Da Fatbikes auf Skipisten verboten sind, geht es über Schlittenstrecken und abschüssige Straßen. „Das ist dann nochmal etwas anderes“, sagt Zeller, grinst, stößt sich ab und rast wie auf einer staubtrockenen Asphaltstraße den schneebedeckten Hang hinunter. Während die Nase im Fahrtwind beinahe einfriert, geht es mit mäßigem Einsatz der Bremsen um die Kurven. Nur an vereisten Stellen ist Vorsicht geboten, um nicht den Halt zu verlieren. Und natürlich unten am Startpunkt der Langlaufloipen, wo der Schnee nicht mehr festgedrückt ist, sondern als Tiefschnee plötzlich zum Hindernis wird. Wer hier nicht aufpasst, überschlägt sich beim Bremsen, landet aber weich und mitunter herzhaft lachend im Pulverschnee.

Wenige Meter entfernt, in der Gaststätte Mu-Ma, wartet Matthias Kurt. Ein Schweizer Original, das nicht nur Ovomaltine und Rivella, sondern auch geschmolzenen Märzschnee als Heilwasser verkauft und selbst Fatbikes vermietet. Zehn davon hält er bereit für die Winterurlauber, die ein Bus stündlich vom Dörfchen Zweisimmen kommend vorbeibringt. „Vergangenes Jahr hatten wir sogar das Lokalfernsehen da“, erzählt er nicht ohne Stolz. „Noch ist das Fatbiken hier ein Nischenprodukt.“ Aber eines, dem der erfahrene Berg-Wirt eine goldene Zukunft prophezeit. Zwischen vier und acht Sportbegeisterte kommen an Wochenendtagen im Moment und leihen sich die Sportgeräte. An einem Testwochenende karrten Ende des Jahres 38 Fahrradverleiher ihre Fatbikes zu ihm und veranstalteten ein Fest der dicken Reifen. Ende Januar starten am Mu-Ma die Touren des ersten Fat-Bike-Festivals.

Zum Abschluss der Fatbike-Tour steht nach der Abfahrt zurück nach Gstaad noch ein letzter Test auf dem Programm: ein Wald-Trail. Und siehe da: Auch in dieser Disziplin erweist sich das federlose Fatbike als tauglich. „Ich hatte befürchtet, dass die dicken Reifen anfälliger für Steine und Äste sind“, sagt David Zeller. Doch sie halten das problemlos aus. Als die Biker aus dem wenige Quadratmeter großen Waldstück kommen, geht es zurück zum Ausgangspunkt der Tour, während die Sonne hinter den 3000ern am Horizont verschwindet. Dort, wo man die letzten Skifahrer am Nordhang sieht. Fast scheint es, als rasten sie so schnell wie möglich die Berge herunter. Als versuchten sie, davonzulaufen. Dem neuen Trend zu entkommen, der ihnen irgendwann den Rang ablaufen könnte, wenn es nicht mehr genug Schnee gibt. Doch das hat noch Zeit. Bis dahin ist das Fatbike vor allem eines. Ein frischer, bezahlbarer Wintersport.

Gewusst wo
 
Freizeit- und Erholungs-Zentrum Sparenmoos: www.sparenmoos.ch
 
Schlittel- und Langlaufparadies: www.gstaad.ch/berge/winter/zweisimmen-st-stephan/sparenmoos.html
 
Buvette MU-MA Sparenmoos: MUMA Buvette // T. +41/79/745 14 08
 
Alpinzentrum Gstaad: www.alpinzentrum.ch