Der Bund der Apfelmänner

ANZEIGE
Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Im Steirischen Obstbau-Dorf Puch haben sich 15 Landwirte einem gemeinsamen Ziel verschworen: Jedes Jahr den besten Apfelschnaps zu brennen, den es gibt – den Abakus.

Spätestens am 29. Dezember wird klar, dass dies mehr ist als nur ein Spiel. An diesem Tag treffen sich 15 Obstbauern aus dem steirischen Apfeldorf Puch, legen sich braunschwarze-Kutten an, und füllen den Apfelschnaps, den sie im Vormonat gemeinsam gebrannt haben, in große, schwere Holzbutten. Dann schnallen sie sich die Traggefäße – jedes über 20 Kilo schwer – auf den Rücken, verlassen ihre im Nachbarweiler Oberfeistritz gelegene Brennerei und ziehen in feierlichem Ernst den Hügel hinunter. Fünfeinhalb Kilometer schleppen sie ihre Last, während ihnen die Seile, die die Butten halten, in die Schultern schneiden.

Ziel der Apfelmänner, wie sie sich nennen, ist die Dorfkirche von Puch. Dort wird der edle Brand vom Pfarrer geweiht und eine Flasche davon unweit der Kirche eingemauert. Dann geht es, nach einer nicht ganz so feierlich-ernsten Stärkung im Wirtshaus, wieder zweieinhalb Kilometer den Berg hinauf nach Harl. Unter einem Holzstadel hinter einem einsamen Gehöft befindet sich die Lagerstätte des Schnapses. Jeweils zu zweit steigen die Kuttenträger hinab in ein uraltes Ziegelgewölbe und leeren dort den kostbaren Inhalt ihrer Butten sorgsam in große Ballonflaschen, in denen der Schnaps ein knappes Jahr ruhen wird.

„Dieses Ritual ist für mich der Moment, in dem ich mit dem zurückliegenden Jahr abschließe“, erzählt Matthias Weingartmann, der „Abellio“ und somit Anführer der Apfelmänner, nachdem er den Lagerkeller wieder verlassen hat. „Ich trage durchs Dorf, wofür ich das ganze Jahr gearbeitet und mein Bestes gegeben habe.“ Er schlägt die Kapuze zurück: Unter lockigen Haaren kommt ein fast jugendliches Gesicht zum Vorschein, zwischen den Kanten der Kutte blitzt ein oranger Fleece-Pullover durch. Die Apfelmänner sind eine bunte Runde: Viele sind gesetzte Familienväter, manche ergraut. Bisweilen haftet ihnen etwas Mönchisches an. Zur Freude der älteren Semester hat sich aber mittlerweile auch „Nachwuchs“ zu ihrem Kreis gesellt: junge Bauern, die die Apfelmann-Würde zusammen mit dem Hof vom Vater übernommen haben.

Der „Rat der Apfelmänner“, der fast an einen mittelalterlichen Geheimbund erinnert, verfolgt ein erklärtes Ziel: Jedes Jahr den besten aller Apfelschnäpse zu brennen, den Abakus. Dessen Emblem ist der Rabe. Er schmückt jede Flasche, jedes Etikett. Und der jährlich wechselnde Abellio hat als Zeichen seines Amtes stets einen (ausgestopften) Raben bei sich – wegen des schwarz gefiederten Vogels, der auf dem Altarbild der Kirche von Puch zu sehen ist. Die Dorfkirche stand auch für weitere Abakus-Gepflogenheiten Pate. Weil sie 1444 geweiht wurde, werden jährlich exakt 1444 Flaschen Apfelbrand abgefüllt, zu Vor-Euro-Zeiten kostete eine davon 1444 Schilling, heute sind es – nicht ganz so glatt – 104,44 Euro.

Zwölf Regeln gibt es, die jeder Apfelmann strikt zu befolgen hat. Sie dienen der Qualität des Apfelschnapses, legen aber auch eine grundlegende Geisteshaltung für diesen Männerbund fest, vor allem im Hinblick auf den Umgang mit der Natur. „Der Apfelmann wisse, dass er versagt hat, wenn es einen besseren Apfelschnaps neben dem Abakus des laufenden Jahres geben sollte“, heißt es da gleich in der ersten Regel. „Der Apfelmann diene dem Abakus aus ganzem Herzen und mit aller Kraft.“ Und, in Regel fünf: „Der Apfelmann lebe inniglich mit der Natur.“ Einmal im Jahr müssen die Apfelmänner pflügen – nicht mit dem Traktor, sondern mit Ross und Hand –, um sich ihren Respekt vor der einst mühsamen Arbeit des Bauern zu bewahren. Jeden Herbst gehen sie drei Tage in strenge Klausur, um ihren Schnaps zu brennen. Und für jeden vorletzten Tag des Jahres legt es ihnen die Regel auf, ihre Butten zum Lagergewölbe zu schleppen. Die Apfelmänner gehen mit all diesen Ritualen so ernsthaft um, als hätten sie sie von Vätern und Vorvätern übernommen, als gehörten sie seit Jahrhunderten zum Brauchtum des Dorfes. Dabei existiert all dies erst seit vierzehn Jahren.

Johann Hofer, der stets gut aufgelegte Hausherr des örtlichen „Kirchenwirts“ und einzige Nicht-Bauer im Rat der Apfelmänner – immerhin besitzt er ein paar verpachtete Obstgärten –, schaut ein bisschen prüfend, ob er seinem Gegenüber wirklich zumuten kann, was er jetzt gleich sagen wird: „Die Idee stammt von einem Spezialisten für Produktentwicklung aus Graz. Er hat uns das vorgeschlagen, die Regeln entwickelt, den Raben auf dem Etikett entworfen, und auch die Kutten…“ Der Abakus, eine Marketing-Kampagne? Das ganze Brimborium mit der Brennklausur, dem Einmauern der Flasche vor der Kirche, dem winterlichen Zug zum Lager ein bloßes Spektakel, um potentielle Kunden neugierig zu machen? Ganz so einfach ist es nicht: Die Apfelmänner sind, für eine aufgesetzte Shownummer, zu ernsthaft bei der Sache. „Als wir anfingen, haben wir alle Apfelbauern aus der Umgebung zusammengetrommelt, und ihnen das Projekt vorgestellt“, erinnert sich Hofer, der zu den Initiatoren des Abakus gehört.

Da um Puch herum das größte Apfelanbau-Gebiet Österreichs liegt, war der Saal, in dem die Präsentation abgehalten wurde, gut gefüllt. Doch die meisten Interessenten verließen die Veranstaltung kopfschüttelnd. „Manche schütteln ihre Köpfe noch heute, zum Beispiel, wenn wir mit den Butten durchs Dorf ziehen“, erzählt Herbert Wiesenhofer, einer der älteren Apfelmänner. Nur 23 blieben übrig, die 1998 den Bund gründeten und im Jahr darauf den ersten Abakus verkauften; heute sind es nur noch 15. Denn manche Gründungsmitglieder haben sich inzwischen zur Ruhe gesetzt, ohne einen Nachfolger zu finden. Neuzugänge gibt es keine, was nicht daran liegt, dass die Apfelmänner niemanden mehr in ihre Runde aufnehmen würden. „Aber bei den meisten, die sich bewerben, merkt man schnell, dass sie das, was wir tun, nicht wirklich ernst nehmen“, berichtet Johann Hofer. „Sie wären zwar gern Teil der Marke ,Abakus‘, möchten sehr wohl von deren Renommee profitieren, haben aber für die Idee, die dahinter steht, wenig übrig.“

Zum Beispiel haben sich die Apfelmänner verpflichtet, die Natur als Lehrherrin anzuerkennen, und sich auch in ihren landwirtschaftlichen Betrieben deren Kreisläufen und Gesetzmäßigkeiten zu unterwerfen. Zudem ist die Arbeit am Abakus intensiv und zeitaufwändig. Gebrannt wird er nicht, wie andere Apfelschnäpse, aus Fallobst, sondern ausschließlich aus Tafeläpfeln, die genauso gut auf dem Teller landen könnten, und zwar immer aus der Apfelsorte, die sich im jeweiligen Jahr besonders gut entwickelt. Um 1000 Liter Schnaps herzustellen – das ist in etwa das Quantum jeder Abakus-Produktion – braucht es die 20-fache Menge an Obst: 20.000 Kilo, auf gut Deutsch 20 Tonnen. Sie werden nach der Ernte zerkleinert und als Maische zum Gären angesetzt.

Ende November ist dann der Zeitpunkt gekommen, an dem sich die 15 Apfelmänner zum Brennen drei volle Tage zurückziehen: In die schmucke Brennerei ihres Mitglieds Franz Pieber im nahen Oberfeistritz, wo sie während dieser Zeit auch übernachten. Diese intensive Gemeinsamkeit ist allen wichtig. Im Regelwerk heißt es: „Der Apfelmann gehorche beim Brennen dem Rat der Apfelmänner, von welchem er selbst nur ein winziger und nichtswürdiger Teil sei.“ Tatsächlich fällen sie alle Entscheidungen, die den Abakus betreffen, gemeinsam: sowohl über die Apfelsorte, die gebrannt werden soll, als auch während des Brennens selbst. „Jeder hat andere Kenntnisse, andere Erfahrungen, andere Talente“, erklärt Johann Hofer. „Nur wenn wir uns wirklich alle zusammentun, über Entscheidungen diskutieren und abstimmen, können wir ein besseres Ergebnis erzielen, als wenn nur zwei oder drei von uns am Brennkessel stünden.“

Das ist gerade beim Apfelschnaps wichtig, weil sich hier die filigranen Aromen der Frucht viel leichter verflüchtigen als etwa bei Birnen oder Zwetschgen. Deswegen werfen die 15 Apfelmänner für den Abakus ihr Wissen in einen Topf, setzen während ihrer dreitägigen Klausur etwa alle vier Stunden einen neuen Brennkessel an und verlassen erst 72 Stunden und 1000 Liter Schnaps später Piebers Hof – müde und zufrieden. Aber ist ihr Abakus nun wirklich der beste aller Apfelbrände? Das ist genauso unmöglich festzuschreiben, wie der objektiv beste Rotwein oder Cognac. Nur so viel steht fest: Es lohnt sich unbedingt, diesen weichen, vielschichtig aromatischen Schnaps zu kosten – immer wieder. Denn auch, wenn die Riten der Apfelmänner alljährlich die gleichen sind: Ihr Abakus ist jedes Jahr ein bisschen anders.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.