So fängt man Mäuse

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Text: Tatjana Seel

Im Tegernseer Tal wagten zwanzig Bauern den Ausstieg aus der industriellen Milchwirtschaft. Sie kündigten ihre Verträge mit den Großmolkereien und belieferten stattdessen eine neu gegründete genossenschaftliche Käserei. Der Ruf ihres Heumilchkäses reicht längst übers bayerische Oberland hinaus.

Wahrscheinlich hatte die Urlauberin nur eine nette Frage stellen wollen. Frühmorgens um acht, im Sommer 2006. Der Molkereiwagen war gerade um die Hofeinfahrt gebogen: „Herr Leo, wo geht denn Ihre Milch jetzt hin?“ Die Antwort des bayerischen Landwirts kam unwirsch wie ein Donnerschlag: „Des woas i net!“ Wenn sich Hans Leo zurückerinnert, war es genau jener Moment, in dem sich all sein Zorn über die Umstände der Milchwirtschaft entlud. Denn der leidenschaftliche Bauer aus dem Tegernseer Land konnte tatsächlich keine bessere Antwort geben. Die Milch seiner fünfunddreißig Kühe wurde morgens von einem Molkerei-Großkonzern abgeholt, oft bei größter Hitze nach Italien transportiert, um irgendwann als Joghurt beim Discounter wieder aufzutauchen. „Ich war denen ausgeliefert, degradiert zum Rohstoffproduzenten! Ich hatte keinerlei Einfluss, wie die mit meiner Milch umgehen.“

Dabei sind er und seine Frau Christine Biobauern aus Überzeugung. Doch bei 30 bis 36 Cent für den Liter ging es irgendwann ums Überleben. Geblieben wären dem gebürtigen Kreuther zwei Möglichkeiten: wirtschaftlicher arbeiten, mit Großställen – zu Lasten von Mensch, Tier und Umwelt. Oder aufhören. Beides wollte Hans Leo nicht. Da verriet ihm Josef Bogner, Gastwirt in Rottach-Egern, seine Idee von einem Käsereiprojekt. Auch Hans Leo hatte schon darüber nachgedacht, wie es wäre, seine Milch selbst zu verarbeiten. Die Zeit schien reif. Zusammen mit Andi, dem Handwerksmeister und Max, einem Hotelbetriebswirt – beide seit Jahren enge Freunde – fanden sie im Frühjahr 2007 weitere acht Bauern und gründeten eine Genossenschaft mit dem Namen „Naturkäserei Tegernseer Land“.

„Es reicht auf Dauer nicht, zu sagen: Hier ist es schön, wir haben den See. Da gehört auch ein gutes Produkt dazu. Wir wollen ein Alleinstellungsmerkmal!“, erklärte er wenig später den Bauern des Tals, die er und seine Mitstreiter zu einer Versammlung eingeladen hatten. Die zwölf frischgebackenen Genossen sprachen von der Zukunft. Ihrer Vision einer eigenen Käserei. Und sie sprachen vom Produkt: dem Heumilchkäse. Die Schweizer und Österreicher hatten es mit Erfolg vorgemacht. Warum sollte es also nicht auch im Oberland funktionieren – inmitten einer Region, die vom Tourismus verwöhnt ist und als eine der schönsten in ganz Bayern gilt. Was erst einmal plausibel klang, barg für die Bauern ein großes Risiko. Heumilchkäse – das heißt: Verzicht auf Silofutter jeder Art. Und das in einer Region, die mit vierzig Litern Niederschlag pro Quadratmeter gut über dem Durchschnitt Bayerns liegt. Da wird das Mähen schnell zum Wettlauf gegen die Gewitterfront. Die Kühe ausschließlich von Grünfutter im Sommer und Heu im Winter zu ernähren (lediglich eine kleine Menge Kraftfutter ist erlaubt) – da brauchten die Pioniere gute Argumente.