Alle guten Geister

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Text: Claudia Merkle

Foto: Heike Berger

Kamis wohnen in Bäumen, Flüssen, Blumen und Bergen … Man sollte diese Naturgötter auf keinen Fall verärgern, meint Ashlee Benis’ japanische Großmutter. Als ihre Enkelin den Bau eines Chalets in den Schweizer Alpen plante, konsultierte die alte Dame deshalb auch umgehend einen Shinto-Priester. Denn in Japan wird nicht einmal der erste Spatenstich dem Zufall überlassen. Das Ergebnis: ein magischer Ort im Wallis, der eine ungewöhnliche Energie ausstrahlt – perfekt für eine Woche Yoga …

Zermatt, Saas-Fee, Chamonix – irgendwie seltsam, durch die Walliser Alpen zu fahren und statt Boots und meinem Snowboard diesmal nur die Yogamatte eingepackt zu haben. Scheinbar hat das auch mein GPS noch nicht begriffen. Während sich die kurvige Passstraße immer höher in die Berge windet, manövriert es mich unbeirrt zur Liftstation in Veysonnaz. Kurz darauf stehe ich vor einem holprigen Feldweg. Hidden Dragon, versteckter Drache, Ashlee Benis’ Fünf Sterne-Luxus-Chalet, das man inklusive Koch und allem nur erdenklichen Service mieten kann, macht seinem Namen alle Ehre. Als ich zwei Mountainbiker nach dem Weg frage, mustern die Jungs erst mich, dann mein Auto und zuletzt meine Reifen. Wobei nicht klar ist, wem die skeptischen Blicke gelten.

Drei Kurven später dann ein Szenario als hätte mich jemand in einen James-Bond-Streifen gebeamt: Hinter zarten Nebelschwaden thront Hidden Dragon, fast etwas entrückt am Waldrand. Im Garten wandelt ein filigranes Wesen in einem bodenlangen Yukata, einem japanischen Hauskimono, und unterhält sich mit einem exotisch aussehenden Gentleman. Er könnte aufgrund seines spacigen Outfits durchaus mit einem Raumschiff hier gelandet sein. Dann schreitet Ashlee Benis den verwunschenen Gartenweg hinunter. Ein funkelnder, mit Pfauenfedern besetzter Fascinator steckt in ihrem Haar. In der Hand jongliert sie einen Drink mit wallender Sellerieschleife. Faszinierend, würde Mr. Spock jetzt sagen – James Bond wahrscheinlich auch …

Während ich an meinem Welcome-Cocktail nippe, stellt mir Ashlee ihre Freundin Francesca vor. Sie unterrichtet normalerweise in ihrem eigenen Londoner Yogastudio – wenn sie nicht gerade, wie diese Woche hier im Wallis, an besonderen Orten einen ihrer fast schon legendären Workshops abhält. Francesca stakst barfuß durch das kniehohe Gras der ungemähten Almwiese und zieht ein hippes Girl in Hotpants und türkisfarbenen Stilettos hinter sich her. „Finally we meet!“, begrüßt sie mich strahlend, zeigt auf das Mädchen mit den grünen Schuhen und erklärt, das sei Danaliese, die uns diese Woche bekochen würde. Danaliese lebt an der Küste Cornwalls in einem Wildreservat für Affen. Sie ist Chefköchin eines veganen Restaurants. Die letzten Monate ist sie durch Thailand und Indien gereist, verrät Francesca – und spätestens morgen früh, nachdem ich ihr göttliches Chai-Porridge probiert hätte, würde ich darüber nachdenken, sie zu entführen.

Tja, das werden schillernde Yogaferien hier in den Alpen … Berge strahlen eine besondere Magie aus. Das zieht anscheinend auch die entsprechenden Menschen an. Alleine unsere kleine Gruppe: Da ist Kishiko, die ich vorher im Garten gesehen habe. Sie ist Japanerin, ihr Mann Hayati ein türkischer Manager. Sie leben in Luxemburg und sind mit ihren Töchtern, Lara und Selin, hierher gekommen. Tracey stammt aus den USA, wohnt aber am Genfersee. Sie haben in der Wochenendausgabe der Financial Times von diesem Yoga-Retreat gelesen. „Mir hat ein Freund aus London von Francescas Workshops vorgeschwärmt“, erzählt mir Monica, die in Brasilien aufgewachsen ist, in Israel lebt und in einem Tempo Englisch spricht, dass mir ganz schwindlig wird. Als wir im Garten unsere Matten ausrollen, ist der Himmel noch kornblumenblau. Doch eine halbe Stunde später hört man das gluckernde Grollen eines heranziehenden Gewitters.

Diese Yogawoche startet fulminant! Wir üben im Freien, aber überdacht – mit einem gigantischen Blick auf den fast 3000 Meter hohen Haut-de-Cry. Ich stehe auf einem Bein und lasse meine Arme wie Zweige in den Himmel wachsen: Der Baum scheint eine so einfache Yogaübung zu sein, erfordert aber ungeheure Balance. Zu Hause sieht das bei mir immer wie wogendes Schilfgras aus. Hier fühle ich mich so geerdet als hätte ich tatsächlich Wurzeln. Faszinierend, diese ächzenden Baumwipfel, die im Wind tanzen und sich dabei ähnlich verbiegen wie wir auf unseren Yogamatten. Nach dieser ersten powervollen Yogastunde kredenzt uns Danaliese „Virgin Bellini“ mit selbst gebackenen Ingwer- und Kardamom-Crackern.