Aufsteigen um Abzutauchen

ANZEIGE
Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Wer im Sommer in die Berge geht, freut sich über jedes kühlende Nass. Unser Autor Timm Rotter verrät seine Lieblingsseen.

Begonnen hat alles in der Grube eines früheren Braunkohle-Tagebaus im Kölner Westen. Nachdem die Bagger abgezogen waren, wurde das Loch mit Wasser gefüllt und leicht euphemistisch „See“ genannt – „Otto-Maigler-See“, benannt nach einem ehemaligen Grubendirektor. An diesem Wasserloch verbrachten wir unsere Jugend. Mit unverbautem Blick auf den Chemiepark Hürth-Knapsack und die Schlote eines Kohlekraftwerks. Schön war das nicht. Aber es war ein See. Mein erster See. Und seitdem liebe ich Badeseen. Später, als ich einen Schulfreund mit schwerreichen Eltern hatte, fuhren wir hin und wieder in deren Sommerhaus am Gemündener Maar in die Eifel. Ein Maar, das ist der vollgelaufene Krater eines erloschenen Vulkans, erklärten sie uns, und davon gebe es viele in der Gegend. Am Anfang hatten wir etwas Angst, der See könne explodieren. Aber die Eltern hielten das Risiko offenbar für überschaubar, und wir freuten uns, dass es nicht überall nach Kraftwerk stank. Nur: Das Umland war auch hier mit eher partieller Schönheit gesegnet. Und daher bedeutete es nochmals eine ganz andere Erfahrung, als ich nach dem Umzug nach Bayern 2001 meinen ersten Alpensee sah.

Freunde von mir wollten zum Königssee, ich war angesichts des Namens eher skeptisch, da ich um die bajuwarische Monarchieverklärung wusste. Doch als wir mit dem Boot zur Kapelle St. Bartholomä schipperten, unter uns das glasklare Wasser und rechter Hand die fast 2000 Meter hohe Watzmann Ostwand, war ich sofort in Bayern angekommen. Seitdem hab ich gefühlte 50 Alpenseen erwandert, erradelt, durchschwommen oder vom Ufer aus begutachtet und muss sagen: Lassen wir den Franzosen ihr St. Tropez, am Starnberger See kann man genauso gut flanieren. Sollen die VIPs dieser Welt nach Barbados jetten, das Wasser am Pragser Wildsee ist genauso azurblau und der Sandstrand genauso weiß. Und nach Rhodos oder Antalya muss ich ebenfalls nicht mehr fliegen, denn 28 Grad warmes Wasser haben auch Pressegger und Klopeiner See. Der große Vorteil gegenüber Rhodos und Rimini: Wo könnte man besser etwas über das eigene Land lernen, über seine Trends und Stimmungen, als am Badesee?

September 2011 am Langwieder See im Münchner Osten: Eine Gruppe Studenten neben uns hatte die iPod-Boxen zu laut gedreht, aber zumindest überzeugte der Sound. Was denn da liefe, fragte ich. „Ai Se Eu Te Pego“ von Michel Teló. Damals sagte mir das gar nix, ein halbes Jahr später jedoch lief der Song als Nr. 1 der Charts im Radio rauf und runter. Auch meinen ersten Aperol Spritz habe ich auf dem Bootssteg eines Alpensees getrunken, bevor der Drink wenig später durch alle Bars der Republik gereicht wurde. Und der heute in jedem Stadtpark zu bewundernde Trendsport „Slacklining“ (Balancieren auf einem zwischen zwei Bäumen  gespannten Gummiseil) ist mir zum ersten Mal ebenfalls an einem Münchner See begegnet. Wieso das so ist? Weil Badeseen die Melting Pots unserer Gesellschaft sind. Weil sich hier Junge und Alte treffen, Studenten und Großfamilien, Homos und Heteros, Arbeitslose und Möchtegerns. Weil an Badeseen viel weniger Konventionen gelten als an anderen öffentlichen Orten. Neben den Seen für Jedermann gibt es natürlich noch die, die angeblich kaum jemand kennt, die Geheimtipps, die Menschen wie ich suchen. In diesem Leben werde ich damit wohl nicht mehr fertig, denn allein die Schweiz hat rund 7000 Binnengewässer. Die exakte Zahl in Österreich lässt sich nicht ermitteln, aber schon das Bundesland Kärnten weist 1270 Seen aus. Und die Bayerische Schlösser- und Seenverwaltung weiß auch nur, dass es „extrem viele Seen“ im Freistaat gebe. Gezählt habe sie noch niemand.

Eine (zugegebenermaßen bedingt repräsentative) Umfrage in meinem Freundeskreis nach dem persönlichen Lieblingssee in den Alpen fiel eindeutig uneindeutig aus: 13 Menschen, 13 unterschiedliche Antworten. „Mit einem See ist das wie mit ’ner alten Jacke“, sagte einer. „Egal, wie er ausschaut. Er muss zu dir passen, dann magst du ihn.“ Für mich sind es drei Kriterien, die einem See Lieblingscharakter verleihen

Erstens: Er sollte 365 Tage im Jahr einen Besuch wert sein. So wie der Oeschinensee im Berner Oberland: Die Touristenmassen bleiben weiter südlich in Spiez am Thuner See und schnorcheln dort nach dem gleichnamigen „Geist“, der die deutsche Mannschaft 1954 zum Fußballweltmeister gemacht haben soll. „Es gibt einfach keinen schöneren Platz als den Oeschinensee – wo findest du sonst noch diese Kombination aus Natur, Almwirtschaft und Tradition“, sagte David Wandfluh, der seit 30 Jahren das Seehotel am Ufer leitet, als ich im Februar das letzte Mal dort war. „Ich liebe jede Jahreszeit hier oben.“ Im Spätwinter gehört der auf 1578 Meter Höhe gelegene See den Eisanglern. Zwei Dutzend dick vermummte Männer standen auf der zugefrorenen Fläche – aus der Ferne erinnerten sie an eine Mischung aus Michelin-Männchen und Schachfiguren. Der See hat nicht nur das angeblich sauberste Wasser der Schweiz, er gilt auch als der beste zum Angeln. David Wandfluh hat mal eine Forelle gefangen, die über einen Meter lang war. Anfang Mai schmelzen dann die letzten Eisschollen, und das Schmelzwasser von den Gipfeln sorgt für das unvergleichliche Schauspiel, dass der Pegel in wenigen Wochen um 12 bis 14 Meter steigt. Im Sommer erwärmt die Sonne das seichte Wasser auf bis zu 22 Grad. Die für mich schönste Zeit aber ist der Herbst, wenn sich das Laub bunt färbt und die Sonne das steil aufragende, 3663 Meter hohe Bluemlisalphorn in rotes Licht tunkt.

Zweitens: Der See sollte mehr bieten als Badespaß. So wie der Neusiedler See, mit 323 Quadratkilometern der größte in Österreich und einer der mächtigsten der Alpen. Auch er ist ein Ganzjahresziel: im Frühjahr zum Radeln, ab dem Frühsommer zum Baden (wegen der zahlreichen Methanquellen im Wasser und der geringen Tiefe heizt er schnell auf), im Herbst auf einen Schoppen Wein und im Winter, um die Ruhe zu genießen. Wirklich reizvoll macht den Neusiedler See jedoch das Nebeneinander von Tradition und Moderne: Als wir im Winter in Mörbisch am Westufer waren, flitzten Eissegler über die spiegelglatte Fläche und beschleunigten ihre futuristischen Stahl-Karbon-Schlitten auf 140 km/h und mehr. Nebendran ernteten zwei Landwirte vertrocknetes Schilf ab, um damit auf altbewährte Weise Dächer zu decken. Gefühlt lagen 150 Jahre zwischen beiden Gruppen.

Drittens: Er sollte mit persönlichen Erlebnissen verbunden sein. So wie der Otto-Maigler-See im Tagebauloch. Und daher fahre ich im Sommer auch nochmals dorthin zum Baden – inklusive Blick auf die Chemiefabrik.