Ein Single mit Charakter

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Text: Monika Held

Jahrhundertelang war der Luchs eines der schönsten Tiere der Alpen. Dann wurde er ausgerottet. Sein Pelz war zu begehrt. Doch der einsame Jäger kehrte zurück.

Wer schön ist, lebt gefährlich. Diese Weisheit stimmt auch für Lynx lynx, den Luchs. Sein Name kommt aus dem Griechischen und bedeutet: Licht. Mit seinen funkelnden Augen, den Pinselohren und den großen, weichen Pfoten steht er für Eleganz. Sein geschecktes Fell hat schon immer Begierden geweckt. Vor fünfhundert Jahren malte Paolo Veronese seinen „Edelmann im Luchspelz.“ Bis heute werden Luchsfelljacken zum Verkauf im Internet angeboten. Der Preis ist Verhandlungssache. Da Schönheit oft mit Glück verbunden wird, hat man Luchskrallen in Gold und Silber gefasst und gegen Albträume und Epilepsie um den Hals getragen. Armer, begehrter Luchs: Sein Fett galt als Heilmittel gegen Gicht, das Trinken aus dem rechten, hohlen Schenkelknochen sollte bei geschwollenen Mandeln helfen.

Im 19. Jahrhundert stand in vornehmen Haushalten gebratener Luchs auf der Speisekarte. Alles Vergangenheit? Nicht ganz. In Internetspielen kann man den Luchs noch immer jagen; in der Realität ist dies – zum Glück – längst verboten. Einer der letzten Luchse wurde am 17. März 1818 getötet. Zweihundert Jäger hatten ihn elf Tage lang durch Berg und Tal gehetzt. Dann schoss einer der Häscher dem Luchskater, wie es in einem zeitgenössischem Dokument heißt „mit sicherer Hand eine Flintenkugel ächtmeisterlich durch das Herz.“ Spät, fast zu spät, ist der Mensch zur Besinnung gekommen. Der Luchs war in Europa ausgerottet, aber seit vielen Jahren gibt es Wiederansiedlungsprogramme. Die EU hat eine alpenumspannende Schutzstrategie vorgelegt.

So kann es passieren, dass sich Mensch und Luchs in freier Natur begegnen. Am liebsten streicht Lynx lynx am frühen Morgen oder in der Abenddämmerung durch sein Revier. Er ist ein scheues, fast unsichtbares Tier. Wenn sich ein Mensch nähert, wird er weder davonstürzen noch angreifen. Stattdessen wird er sich auf seine perfekte Tarnung verlassen, bewegungslos verharren und mit scharfem Blick das aufrecht gehende Wesen beobachten, das nicht in sein Beuteschema passt. Wenn der Zweibeiner merkt, dass er von einem Luchs entdeckt worden ist, sollte er sich genauso verhalten wie das schlaue Tier: Stehenbleiben. Nicht schreien, nicht flüchten, sondern die Sternstunde genießen, der größten Wildkatze Europas in die Augen gesehen zu haben.

Luchse können im Dunkeln sechsmal so gut sehen wie Menschen. Sie entdecken Kaninchen auf dreihundert Meter Entfernung. Die kecken Ohrpinsel orten den Schall wie Antennen. Der Luchs hört es, wenn fünfzig Meter vor ihm eine Maus raschelt oder einen halben Kilometer entfernt ein Reh vorbeigeht. Auf die Welt kommt er in einem sorgfältig ausgesuchten Versteck. Zehn Wochen wird er gesäugt, danach an feste Nahrung gewöhnt, und dann beginnt die schwierigste Zeit seines Lebens: Die kleinen Luchse müssen das Jagdgebiet der Mutter verlassen und ein eigenes Revier suchen. Achtzig Prozent überleben das nicht. Sie verhungern oder kommen beim Überqueren von Straßen ums Leben. Denn der Luchs braucht auf seiner Suche nach Nahrung viel Raum. Und der wird knapper in Landschaften, die von immer dichteren Verkehrsnetzen zerteilt werden.

Die Wildkatzen sind einsame Wanderer. Vor und nach der Paarung ziehen sie getrennt voneinander als Singles durch die Landschaft. Wenn der kleine Luchs die gefährliche Zeit überstanden hat, ist er ein perfekter Jäger. Er lauert im Schutz der Büsche, pirscht sich auf zwanzig Meter heran, legt einen Sprint ein, packt seine Beute und tötet sie mit einem einzigen Biss. Dann schleppt er sie ins Unterholz und bedeckt sie mit Laub oder Schnee, um sie vor fremden Fressern zu schützen. Dank der Menschen, die dazugelernt haben, lebt die Samtpfote wieder in den Alpen. Allein in der Schweiz gibt es an die hundert Tiere. Niemand wird heute mehr über den Luchs schreiben, das Tier sei wegen seines scharfen Gesichts und seiner durchdringenden Augen ein wahrer Teufel. Denn Lynx lynx ist nie ein Teufel gewesen. Der Luchs war schon immer ein schönes Tier.