Heute ein Heu

Heute ein Heu. Der Berliner Gourmetkritiker Thomas Platt lädt regelmäßig seine Freunde zu Verkostungen ein. Rund 20 Feinschmecker kamen in die Vinothek des Fernsehkochs Ralf Zacherl und probierten eine kuriose Produktgattung: Getränke, die nach Heu schmecken. 01 Moarwirt Bio Limo Heu // 02 Zötler Heugäuer // 03 Herr Frischend // 04 Heu Soda // 05 Heu & Bräu // 06 Allgäuer Heubier // 07 Watzmann Wilde Wiese (v. l. n. r.)

Der Berliner Gourmetkritiker Thomas Platt lädt regelmäßig seine Freunde zu Verkostungen ein. Rund 20 Feinschmecker kamen in die Vinothek des Fernsehkochs Ralf Zacherl und probierten eine kuriose Produktgattung: Getränke, die nach Heu schmecken. 01 Moarwirt Bio Limo Heu // 02 Zötler Heugäuer // 03 Herr Frischend // 04 Heu Soda // 05 Heu & Bräu // 06 Allgäuer Heubier // 07 Watzmann Wilde Wiese (v. l. n. r.) © Foto: Andreas Achmann

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Als kämen sie frisch aus der Scheune: Getränke mit dem Aroma getrockneter Wiesengräser. Eine Verkostung mit dem Sternekoch Ralf Zacherl und Notizen des Gourmetkritikers Thomas Platt

01
Moarwirt Bio Limo Heu

»Ich find’s ja herrlich«, rief Juror Ralf Zacherl. Der Fernsehkoch begeisterte sich gleich an einer ganzen Wiese von Geschmäckern – von Grüner Sauce über Kräutertee und Moos bis zu Holunder und Kirsche reicht das Spektrum, das markante Einzeltöne auf einen gemein­­samen Nenner bringt. Selbst der ­zwischen­durch auffliegende, leicht dumpfe Duft wie aus einer alten Apothekenschublade unterstreicht noch den Eindruck großer Authentizität. Wie eine Konturlinie begrenzt Säure das aroma­tische Feld. Auch wenn manch einer diesen Zitrus­aspekt als zu heftig empfinden mag, liefert er doch die nötige Frische und trägt zum schlanken, trotz Traubensüße fast schwere­losen Eindruck der Erfrischung aus dem Tölzer Land bei. Insgesamt pendelt sie zwischen ­Limonade und aromatisiertem Mineralwasser.

Moarwirt Bio Limonade Heu, 0,33 l für 4,10 Euro (Speisekarte Moarwirt), moarwirt.de

02
Zötler Heugäuer

Aus einer der ältesten Familienbrauereien der Welt stammt eine Brause, in die Extrakte aus 70 Bergkräutern »aus naturbelassenen Allgäuer Bergwiesen« Eingang gefunden haben sollen. Skepsis ist nicht wegen der hohen Zahl an­gebracht, sondern weil sich keine einzige ­dieser Segnungen der Graslandschaft auf Anhieb identifizieren lässt. Gleichsam als Ersatz machte ein verblüffter Ralf Zacherl den Anklang von Vanille-Backaroma in einer insgesamt ­flachen Aromatik aus. Obwohl Fruchtteilchen im helltrüben Fluidum flirren wie Staub im ­Sonnenstrahl, ist von Apfel und Traube wenig zu spüren. Dabei machen sie mit 40 Prozent den Löwenanteil der Zutaten aus. Das Ganze vermittelt eher den Ein­druck einer Apfelschorle.

Zötler Berglimo Heugäuer Apfel-Traube-­Bergwiesenheu, 0,33 l für ca. 1,60 Euro (Onlineshop), zoetler.de

03
Herr Frischend

Es kann sich für alle Beteiligten auszahlen, wenn ein Getränk dicht am Gast entwickelt wurde. Hans und Thomas Figlmüller, Wirtsleute im Wiener »Lugeck«, ist nicht nur eine Innova­tion gelungen, die wegen ihrer vollen Art zu ­vielen Gerichten der Volksküche passt. Die beiden Brüder haben auch etwas sehr Öster­reichisches geschaffen – unter anderem, weil an den legendären Almdudler erinnert wird. Wie bei ihm werden die kräuterigen Aspekte von karamelliger Süße aufgefangen. Aber als Erstes denkt man an Bergmatten, Garben und Schober, wenn der Grundton Heu energisch den Ton vorgibt. Gerade auch weil die leicht limonige und von zurückhaltender Kohlensäure getragene Spritzigkeit nicht überhandnimmt, kommt einem dieser muntere Herr weder fremdartig noch gewöhnungsbedürftig vor.

Herr Frischend Bio Wiesenheu-Kracherl, 0,33 l für 3,80 Euro (Speisekarte Lugeck), facebook.com/herrfrischend

04
Heu & Bräu

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Gleichsam blind auf den Duft verlassen sollte man sich nicht. Denn nicht selten wird er vom Gaumen konterkariert. Im Fall dieser Bier-Apfel-Melange aus einer ökologisch wirtschaftenden Kleinbrauerei am Bodensee kündigt der Geruch jedoch exakt das an, was folgt: eine aus Flaschen gezogene Irritation. »Riecht wahnsinnig hefig und dumpf«, sagte Zacherl und verwies zudem auf den Eindruck von überreifer Banane in der Nase. Dies wiederholt sich im Mund, erweitert durch eine leichte Malznote sowie ein bisschen Hopfen. Letztlich hat es den Anschein, als handle es sich nicht um ein ­Radler beziehungsweise Alsterwasser auf Abwegen, sondern vielmehr um einen ergrauten Federweißen.

Brauzeit Heu & Bräu Weizenbier mit Heu-Apfelsaft, 0,33 l für ca. 1,90 Euro (Onlineshop), brauzeit.com

05
Allgäuer Heubier

Ein Vollbier mit Heuextrakt zu aromatisieren ist gar nicht mal weit hergeholt. Denn das Cha­rakteristische der getrockneten Wiesenmahd, die Blütendüfte und Kräutertöne mit Stroh, Spelz und erdigen Noten verbindet, schließt sich fast bruchlos an das Herbe und demonstrativ Vegetabile des Hopfens an. Dennoch scheint diese natürliche Erweiterung ­eines ­klas­sischen Geschmacksprofils nicht ganz zu funktionieren. Die für ihre Spezialbiere bekannte Brandenburger Brauerei schiebt ­nämlich in diesem Fall die Bittertöne zu sehr in den Vordergrund, sodass das Heu erst beim (übrigens allzu raschen) Verflachen des genuinen Biergeschmacks lediglich kurz zum Vorschein kommt. Ein Cameo-Auftritt wie im Kino also – und womöglich auch eine vertane Chance.

Neuzeller Kloster-Bräu Allgäuer Heubier, 0,5 l für ca. 2,50 Euro (Onlineshop), klosterbrauerei.com

06
Heu Soda

Lediglich eine beinahe unmerklich ins Eisgrau spielende Trübung verrät, dass es sich nicht bloß um ein hübsch etikettiertes Tafelwasser handelt. Ebenfalls abseits des Gewohnten tut sich unversehens ein weitgespannter Fächer aus Aromen auf, der auf einem Fun­dament aus angenehm mineralischem, fast salzigem Quellwasser gründet. Kaum ist die ­Flasche abgedeckelt, entströmt ihr auch schon eine Atmosphäre, die die Gedanken auf würzige Bergluft lenkt. Wenn der Trunk dann mit der Zunge in Berührung kommt, erlebt man verwundert eine Süße ohne Zucker (genauer wohl: jenen winzigen Moment, welcher der Süße vorausgeht). Auf dieser Grundlage breiten sich geschmackliche Impressionen aus, die an Kamille und Estragon erinnern, an Zimtblüte und sogar die exotische Tonkabohne.

Ritter Kowalsky Heu Soda, 0,33 l für ca. 3 Euro, trinkheu.de

07
Watzmann Wilde Wiese

Von allen Prüflingen besaß diese relativ süße Limonade aus dem Berchtesgadener Land als einzige einen echten Geschmacksverlauf. Er hebt mit einer Nase aus Apfelschale und Apfelessig im Hintergrund an und legt dann im Mundraum noch tüchtig zu. Es sind jedoch nicht einzelne Kräuter – allenfalls die Pimpinelle ragt heraus –, die hier die Musik machen, sondern eine rasche Abfolge grüner Noten sowie ­da­zwischen typische Trocknungstöne. »Sehr, sehr rund und sanft«, nannte sie Ralf ­Zacherl. Die Harmonie wird vollendet von Zitrus­noten, die weniger spitz als bei anderen Limonaden ausfallen und die zentralen Aromen betonen, ohne sich an ihre Stelle zu setzen. Recht präsentes Heu bleibt bis zu einem Abgang erhalten, der un­verhofft mineralisch ausfällt.

Watzmann Bio Alpenlimonade Wilde Wiese, 0,33 l für ca. 2,20 Euro (Onlineshop), kelterei-stadler.de