Skialpinismus – das Befahren von Steilwänden über 45° Steilheit – vereint klassisches Bergsteigen mit der Magie der Abfahrt. Es ist vielleicht die Königsdisziplin im alpinen Wintersport oder gar im Bergsteigen selbst. Marius Schwager hat gemeinsam mit regionalen Experten 45 legendäre Steilwandabfahrten zusammengetragen
Mein Herz schlägt vor Anspannung schneller. Ich stehe neben Martin am Abgrund unserer geplanten Steilwandabfahrt. 1800 Höhenmeter klaffen unter unseren Skiern. Wir testen den Schnee in der Ostrinne: kalt, pulvrig und homogen. Ich mache einen Schritt zurück, zücke meine Kamera und lasse Martin als meinem Fotomodell den Vortritt.
Wir sind mitten in einer der großen und ernsthaften alpinen Steilwandabfahrten der Alpen – am Larmkogel in der Venedigergrupper der Hohen Tauern bei Mittersill. Die ersten gut 200 Höhenmeter vom Gipfel mit rund 45° stimmten uns zuversichtlich. Unsere Planung haute soweit gut hin. Nun klafft unter uns die Hauptrinne, und wir starren bis zum Talboden.
Steilwandskifahren ist nicht einfach Skifahren in schwierigem Gelände – es ist eine völlig andere Disziplin. Ab etwa 45° Neigung wird jede Bewegung zur bewussten Entscheidung. Man fährt nicht mehr beschwingt die Piste hinunter, man kontrolliert jeden Zentimeter, jede Gewichtsverlagerung. Die Skikanten müssen perfekt greifen – ein Sturz bedeutet Lebensgefahr. Lawinen, Steinschlag, Gletscherspalten: Die Gefahren sind umfassend, und meist ziehen sie ernsthafte Konsequenten mit sich. Das Spiel mit dem Risiko ist immanenter Teil des Sports. Steilwandskifahrer gehen dieses Risiko bewusst ein.
Wir können nicht behaupten, wir wären uns der Brisanz dieser Abfahrt nicht bewusst. Der Name ist „Säullahnrinne“ – Lahn ist der Austriazismus für Lawine, der Name stammt nicht von ungefähr. Die Rinne misst fast 2000 Höhenmeter und gilt als selten befahren – der Zustieg ist langwierig, das Timing entscheidend, das Commitment hoch. Einmal in der Rinne, ist man in der Schussbahn, und allem, was über einem hängt, ausgesetzt: einer Welt ohne Plan B, ohne Verhandlungen, kein Entkommen.
Nun stehen wir an der steilsten Stelle der Abfahrt: 48-50° – ein gutes Stück unter dem absoluten Maximum der steilen Skiwelt, aber für mich heute knapp über meinem Limit. Ich fahre vorsichtig Schwung an Schwung voraus. Der Schnee klebt an meinen Skiflächen, die Skikanten greifen nicht mehr, sondern rutschen nur noch weg. Ein normales Weiterkommen ist fraglich. Ich sichere mich mit meinem Eispickel in der einen Hand und versuche, mit der anderen per Skistock den Schnee von den Skiern zu bekommen. Wir brauchen eine gute halbe Stunde für nur 50 Höhenmeter.

– Sass Pordoi – Canale Holzer // Paradelinie des Altmeisters mitten im Couloirparadies. Die Gipfelstation der Pordoi-Bahn sitzt wie ein Adlerhorst an der Steilkante des Sellastocks. Die Station ist wie einige ähnliche Lifte in der Region Ausgangspunkt für Sonnenflaneure, Variantenskifahrer und Freunde des besonderen Couloir-Vergnügens zugleich. Bereits unmittelbar neben der Bergstation zieht sich das unter Variantenskifahrern wohl bekannteste Couloir der Alpen in den Fels: Das Canale Holzer – benannt nach dem Steilwandpionier Heini Holzer – ist das klassische skialpinistische Couloir schlechthin. © Foto: Francesco Tremolada

Spektakulär von massiven Dolomit-typischen Felswänden zieht es sich tief eingeschnitten durch die Nordwand des Sass Pordoi. Der Zugang ist dank der Gondel äußerst bequem, eine Abseilstelle bei normalen Schneebedingungen verlangt das Quäntchen skialpinistische Technik, die Steilheit ist meist zwischen 45° und 48°. Dutzende weitere charakteristische Couloirs in unmittelbarer Nähe im Sellastock machen diesen Ort zu einem Pilgerort für Couloirbefahrungen.
Natürlich ist da die Gefahr: Lawinen, versteckte Felsen, Gletscherspalten – die Risiken sind real. Ich fahre ungern ohne erfahrene Partner und ohne gründliche Planung. Aber selbst mit aller Vorbereitung bleibt ein Restrisiko, das sich nicht wegplanen lässt.
Endlich haben wir die Schlüsselstelle gemeistert. Wir verschnaufen kurz, doch lange Zeit bleibt uns nicht. Denn nun warten weitere 1300 Höhenmeter Abfahrt auf uns – zwar in deutlich flacherem Terrain, aber alles andere als risikoarm: Links und rechts steilen sich die Flanken auf, kleinere Schneerutsche und Nassschneelawinen donnern die Flanken hinunter. Die Schlüsselstelle hat uns zu viel Zeit gekostet, es wird zu spät, zu warm. Und unsere Abfahrtslinie ist von riesigen Bahnen alter Lawinen durchzogen – haushoch türmen sich die Wände aus Schnee und Gestein auf. Links und rechts rollen Steine und kleinere Nassschneerutsche in die Rinne.
Als wir endlich im Tal stehen, die Beine schwer wie Blei, schaue ich zurück. Von hier unten scheint die Rinne massiver, aber auch deutlich flacher. Würde ich diese Abfahrt noch mal machen? Die ehrliche Antwort: vermutlich nicht. Aber genau das macht sie wertvoll. Manche Abfahrten macht man besser nur einmal. Es bleiben die Bilder, die Erinnerung an 24 Stunden am Limit und die stille Genugtuung, gewusst zu haben, wann es genug ist. Die Säullahnrinne hat uns gelehrt, dass nicht jedes Abenteuer wiederholt werden muss.

– Larmkogel – Säullahnrinne // Das Befahren von Steilwänden über 45° Steilheit vereint klassisches Bergsteigen mit der Magie der Abfahrt. Es ist vielleicht die Königsdisziplin im alpinen Wintersport oder gar im Bergsteigen selbst. Dabei geht es nicht um Rekorde oder Extreme, sondern um das bewusste Erlebnis, um Risikobewertung und die Freude am mühelosen Gleiten im glitzernden Pulverschnee nach einem technischen Aufstieg.
45° – Skialpinismus
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