Tamara Lunger – Mein neues Leben

Tamara Lunger – Mein neues Leben. Ich kann doch keinen Achtausender erklimmen, wenn ich mich in der Kirche nicht mal richtig hinknien kann

„Ich kann doch keinen Achtausender erklimmen, wenn ich mich in der Kirche nicht mal richtig hinknien kann“ © Fotos: Michael Colella

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Die Südtiroler Ausnahme-Sportlerin Tamara Lunger über die Liebe zu den Bergen, Spiritualität beim Klettern und warum die Zeiten in denen sie sich selbst zerstört hat, vorbei sind (ALPS Magazine #40 1/2019 Review)

Hoi“, begrüßt Tamara Lunger aus dem Fenster einen freudig, ehe man den Motor vor ihrem Elternhaus in Gummer abgestellt hat. Tami, wie sie von ihren Freunden genannt wird, ist anders. Anders als alle anderen Bergsteiger. Der Extrembergsteiger ist eine wortkarge, in sich gekehrte Spezies. Sie ist das Gegenteil: hübsch, stets gut gelaunt, lebensfroh bis unter die Haarspitzen. Beinahe hat man bei der sympathischen Südtirolerin das Gefühl als wäre sie wie Obelix in einen Zaubertrank mit „Fröhlichkeit“ geplumpst. Kein Wunder, schließlich treffen wir Tamara in ihrer Heimat. Hier fühlt sie sich pudelwohl.

 
Frau Lunger, jedes Mal, bevor Sie Richtung Himalaya, Pakistan oder ins Karakorum-Gebirge aufbrechen, veranstalten Sie ein kleines Fest. Warum machen Sie das?
Weil ich nicht weiß, ob ich jemals wieder lebend zurückkommen werde. Wenn man auf einen Achttausender wie den K2 und den Lhotse steigt, dann kann in der Todeszone alles passieren – ganz egal, wie gut man sich vorbereitet hat. Jeder Vierte stirbt. Das sind die Fakten.

Dann ist die Stimmung wahrscheinlich eher bedrückt und melancholisch, fast schon traurig.
Traurig schön. Wir sprechen zwar fast nie darüber, was passieren könnte, präsent ist ein möglicher Absturz oder eine tödliche Krankheit wie ein Hirn- oder Lungenödem trotzdem. Deshalb dauern die Umarmungen am Schluss des Festes oft viel länger als üblich. Normal ist es auch nicht, dass viele Tränen fließen, wenn man sich an der Türe verabschiedet.

„Der Glaube an Gott gibt mir bis heute Halt. Durch ihn habe ich das Vertrauen in meine Fähigkeiten“

„Der Glaube an Gott gibt mir bis heute Halt. Durch ihn habe ich das Vertrauen in meine Fähigkeiten“ © Foto: Michael Colella

Ist das dann so eine Art Abschiedszeremonie?
Wenn Sie so wollen, ja. Bisher war es immer so, dass mein Lieblingspfarrer Balthasar Schrott auf dem Latzfonser Kreuz eine Messe für mich gelesen hat. Dazu kamen alle: Freunde, Verwandte, einfach alle, die mir am Herzen liegen und die mir wichtig sind. Erst beten wir zusammen, dann wird gegessen, getrunken und auch gefeiert. Wie auch immer die Expedition für mich ausgehen mag, diese Stunden wird uns niemand nehmen können. Es kann ja wirklich sein, dass wir uns nie wiedersehen. Vor der letzten Sibirien-Expedition war es jedoch etwas anders.

Wie meinen Sie das?
Weil wir im Winter nicht auf unserer Hütte waren, haben wir bei uns zu Hause in Gummer gefeiert. Don Marco, der Gefängnispfarrer von Padova war da. Es gab Kürbiscremesuppe und eine typische Südtiroler Brotzeit mit Käse und Karminwurzen. Dazu haben wir Marienlieder gesungen und Fürbitten gesprochen.

Die 32-jährige Südtirolerin vor der Kleinen Kirche in Gummer (Provinz Bozen) beim Hof Obersoler

Die 32-jährige Südtirolerin vor der Kleinen Kirche in Gummer (Provinz Bozen) beim Hof Obersoler © Foto: Michael Colella

Das klingt alles sehr religiös.
Das sind wir Lungers auch. Bei uns Zuhause wurde vor dem Schlafengehen immer gebetet. Meinen Eltern bin ich bis heute dankbar, dass die Religion bei uns so eine wirklich wichtige Rolle spielte. Ebenso auch Charaktereigenschaften wie Wertschätzung, Toleranz, Verständnis, Geborgenheit und ganz viel Liebe.

In ihrem Elternhaus in Gummer schaut die derzeit wohl beste Bergsteigerin der Welt aufs Schwarz-Weißhorn

In ihrem Elternhaus in Gummer schaut die derzeit wohl beste Bergsteigerin der Welt aufs Schwarz-Weißhorn © Foto: Michael Colella

Wie wirkt sich die religiöse Erziehung aus?
Der Glaube an Gott gibt mir bis heute Halt. Im Tal, vor allem aber in den Bergen. Durch ihn habe ich den Mut für meine Expeditionen in aller Herren Länder und das Vertrauen in meine Fähigkeiten.

Gott, oder besser gesagt Jesus, stellen Sie sich als Mann von 30 bis 35 Jahren vor. „Muskulös, definiert, mit ungepflegtem Wochenbart und schulterlangem, etwas gelocktem Haar. Sicher hat er auch ein Sixpack“, schreiben Sie in ihrem Buch „Meine Glückseligkeit an der Grenze zum Tod“. Er sei ein schöner, faszinierender Mann. Wie kommen Sie bitte darauf?
Ich wollte mir mal Jesus tätowieren lassen. Kurz zuvor habe ich im Internet genau so ein Bild gesehen. Einfach einen wunderschönen Jesus. So stelle ich ihn mir bis heute vor, ähnlich wie Bradley Cooper im Film „A Star is born“.

Sie schreiben, dass Jesus Sie niemals traurig machen würde.
Das hört sich jetzt vielleicht etwas komisch an, aber ich bin der festen Überzeugung, dass er immer auf mich aufpasst. Er ist der einzige Mensch, der mich niemals enttäuschen würde. Das weiß ich nicht nur, ich habe es schon einige Male am eigenen Leib erfahren. Besonders in Erinnerung habe ich die Geschichte vor sieben Jahren.

Sie sprechen das Unglück in Kirgisistan an.
Einer nach dem anderen musste unterhalb eines Eisbruchs das Feld überqueren. Wir mussten hinüber, einen anderen Weg gab es nicht. Sie denken jetzt bestimmt, „die hat doch nicht alle Tassen im Schrank“. Aber: Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich die Stimme Gottes gehört habe, dass ich den Hang ruhig passieren könne. Ich habe von Anfang bis Ende beim Überqueren des Hanges gebetet. Es ging alles gut.

Bei einem anderen Bergsteiger hinter Ihnen ging es nicht gut …
Es war fürchterlich. Gerade als Achim losging, kam das Monster. Die rund 100 Meter breite Eislawine hat ihn voll erwischt. Und mitgerissen.

Hatte er eine Chance?
Null! Da brechen ja binnen hundertstel Sekunden Hunderte von Tonnen Eis auf einen ein. Er hatte wahnsinniges Glück, weil er sich noch auf der Seite aufgehalten hatte und mit leichten Verletzungen davonkam.

„Die Leute sehen immer nur die Erfolge. Dass, was sie nicht sehen, sind die ständigen Qualen, und die traurigen Tage“

„Die Leute sehen immer nur die Erfolge. Dass, was sie nicht sehen, sind die ständigen Qualen, und die traurigen Tage“ © Foto: Michael Colella

Überlebt haben Sie auch viele Bergkameraden, die heute irgendwo im ewigen Eis liegen. Sie waren die jüngste Frau auf dem Lhotse und haben den Schicksalsberg K2 erklommen. Dennoch behaupten Sie von sich selbst, dass das Thema Schwäche eine „zentrale Rolle“ in ihrem Leben spiele. Wie um alles in der Welt kommen Sie bitte darauf?
Meine Erwartungen an mich sind vielleicht ein wenig hoch, das gebe ich zu. Zumindest behauptet das meine Familie. Natürlich weiß ich, dass ich am Berg nicht die Schlechteste bin. Wenn ich aber von einer Expedition zurückkomme, gehe ich alleine heim. Meine Freundinnen hingegen sitzen Zuhause in Südtirol, haben einen Mann und schon ein oder zwei Kinder. Was habe ich? Ich kann ja schlecht einen Achttausender in meine Wohnung mitnehmen.

Ihre Beziehung zu Männern ist von jeher etwas schwierig.
Das ist vielleicht auf ein Trauma zurückzuführen. Als ich noch nicht mal zwei Jahre alt war, wurde ich an der Leiste operiert. Als meine Mutter mein Zimmer verlassen musste, hat mich der Arzt wie ein Stück Holz in den OP geschoben. Ich war von einem auf den anderen Tag ein anderer Mensch. Von einem auf den anderen Tag lösten Männer plötzlich in mir unendliche Ängste aus, egal ob es mein Opa oder mein Onkel war. Das hielt Jahre an. Bis zur Pubertät.

Was ist dann passiert?
Mein größtes Ziel war es auf einmal, eine eigenständige und starke Frau zu werden. Niemals sollte ein Mann mir etwas antun können. Niemals. Ich fing an zu klettern, Gewichte zu stemmen. Wie ein Verrückter trainierte ich. Ich weiß nicht mehr genau wer, aber irgendjemand hat mal zu mir gesagt, dass ich vielleicht ein Problem mit meiner Weiblichkeit hätte. Er hat Recht. Ich habe mich nicht getraut, die Weiblichkeit wie andere Frauen auszuleben. Das ist aber ein sehr komplexes psychologisches Thema mit dem ich mich bis heute auseinandersetze.

„Die Leute sehen immer nur die Erfolge. Dass, was sie nicht sehen, sind die ständigen Qualen, und die traurigen Tage“

„Die Leute sehen immer nur die Erfolge. Dass, was sie nicht sehen, sind die ständigen Qualen, und die traurigen Tage“ © Foto: Michael Colella

Glauben Sie an die große Liebe?
Sagen wir so: Nach 2014 glaubte ich erst mal nicht daran. Meinen Mann fürs Leben hatte ich gefunden. Der festen Überzeugung war ich – bis er mich verließ. Ich weiß nicht, ob es an mir oder an den Männern liegt. Mittlerweile habe ich aber die Theorie, dass Männer keine Frauen haben möchten, die tollkühn und unerschrocken durchs Leben gehen. Ich weiß es aber nicht. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich die Berge über alles liebe. Und ich bin mir wirklich nicht sicher, ob ich jemals einen Mann so lieben kann wie sie. Vielleicht denke ich irgendwann anders, was ich mir zutiefst wünschen würde. Bis dahin werden es wohl die Berge sein, die mir Kraft, Zufriedenheit und alles Glück der Welt geben. Zur Not lasse ich mir aber halt einen Mann in Südtirol schnitzen. An Bildhauern mangelt es uns hier in Südtirol ja wirklich nicht (lacht).

Auch an Physiotherapeuten und Ärzten. Auf einer Podiumsdiskussion haben Sie vor ein paar Tagen erwähnt, dass Sie nun 17 Jahre lang Schmerzen aushalten mussten. Wie kann man die höchsten Berge mit einer Arthrose an beiden Knien und einem kaputten Rücken besteigen?
Das frage ich mich mittlerweile auch. Jahr ein Jahr aus hatte ich die Gabe, den Schmerz komplett ausblenden zu können. Heute schaffe ich das einfach nicht mehr. So viele Watsch’n wie ich in den vergangenen Wochen und Monaten bekommen habe, das geht wirklich auf keine Kuhhaut. Jetzt ist damit Schluss. Aus. Und. Vorbei.

Was war der ausschlaggebende Zeitpunkt?
Voriges Jahr war ich auf einem Sponsoren-Event von „The North Face“. Gemeinsam sind wir auf eine Berghütte gewandert. Nix Großes, ein besserer Spaziergang. Schon als wir raufliefen taten mir die Knie höllisch weh, beim Runtergehen war es noch viel schlimmer. Da waren Menschen dabei, die waren in ihrem Leben vielleicht vier oder fünf Mal auf dem Berg. Im Vergleich zu mir waren die jedoch zehn Mal gesünder als ich. Das war für mich der Punkt, um die Reißleine zu ziehen. Die Zeiten, in denen ich mich selbst zerstört habe, sind vorbei.

Was bedeutet das?
Ich plane erstmal keine Abenteuer und keine Expeditionen. Wie soll ich denn bitte irgendwelche Achttausender erklimmen, wenn ich mich in der Kirche nicht mal richtig hinknien kann? Selbst die alten Frauen jenseits der 80er und 90er Jahre schaffen das in unserer Gemeinde.

Sie galten als unbesiegbar.
So ein Quatsch. Die Leute sehen immer nur die Erfolge. Dass, was sie nicht sehen, sind die ständigen Qualen, die vielen Tränen und die traurigen Tage. Bisher war es ja so, dass ich Schmetterlinge im Bauch hatte, wenn ich eine Expedition plante. Die fehlen gänzlich, weil es für mich derzeit nur eines gibt: Gesundwerden.

Sind Sie sportsüchtig?
Teilweise hat das wirklich ungesunde Züge angenommen. Weil ich dann und wann mein Trainingspensum am Tag nicht schaffte, hat mich im Schlaf mein schlechtes Gewissen übermannt. Das heißt: Ich bin nachts aufgestanden, um Liegestützen oder einen ähnlichen Blödsinn zu machen. Das war natürlich völliger Irrsinn und ging soweit, dass mein Kreislauf schlappmachte, das ein oder andere Mal bin ich sogar komplett zusammengebrochen. Das war wie ein Drang oder eine Droge, die ich nicht mehr unter Kontrolle hatte.

Sie haben mal gesagt, dass Sie sich als Sklave ihres Kopfes fühlten und der Körper der Sklave ihres Gehirns gewesen sei.
Im Nachhinein kann ich es fast selbst nicht verstehen, dass ich nachts um Drei aufgestanden bin und dachte: „So ein Mist. Heute habe ich ja viel zu wenig trainiert, viel zu wenig.“ Seien wir ehrlich: Wir Profisportler haben einen ganz schönen Knall. Wenn man wie ich depressive Tendenzen hat, nur weil man keinen Sport machen kann, dann ist das krank. Solange die Leidenschaft für die Berge nur Leiden schafft, mache ich eine Pause.

Wie ist es eigentlich als Frau unter all den Männern dort oben?
Eigentlich genauso wie unter Frauen, schließlich kann ich mich ebenso verausgaben wie ein Mann, ich kann genauso alles geben wie ein Mann. Psychisch und physisch merke ich wirklich keinen Unterschied. Oder anders gesagt: Ich will keinen Unterschied sehen (grinst). Die Realität sieht aber dann und wann anders aus. Zum Beispiel, wenn ich meine Periode bekomme. Das habe ich schon oft erlebt: Ich war bestens trainiert, dann kam die Regel. Und von einer auf die andere Minute machte mein Körper schlapp. Das war aber nur von kurzer Dauer. Richtig als Frau wollte ich eigentlich nur einmal behandelt werden. Das war am Nanga Parbat.

„Vor jeder Tour mache ich mit meiner Familie und Freunden eine Art Abschiedszeremonie“

Sie kehrten 70 Meter unterhalb des Gipfeles um. Als sie alleine Richtung Lager 4 runtergingen, stürzten sie 200 Meter ab.
Das war furchtbar. Als meine drei Kameraden und ich wieder im Zelt lagen, war eine komische Stimmung. Sie haben sich nicht mal gefreut aus Respekt vor mir – und weil sie einfach total kaputt waren. Ich hingegen fühlte mich nach dem Absturz alleingelassen und zutiefst verletzt. Wir haben während der ganzen Expedition gemeinsam in Flaschen gepinkelt, gegessen und geschnarcht. Mir war es egal, ob sie mitbekamen, wie ich neben ihnen im Zelt liegend meine Tampons wechselte. Mich hat nichts gestört. Nach der Todesangst und dem Absturz wollte ich jedoch nur im Arm gehalten, getröstet und geliebt werden. Da war aber niemand, der mir über den Kopf streichelte. Mein ganzer Körper zitterte, tat weh. Ich war ein einziges Häufchen Elend. Das soll kein Vorwurf an die Männer sein. Überhaupt nicht. Wir vier haben dort oben nur eines wollen: überleben. Ich wollte nur einmal wie eine Frau behandelt werden.

Was war passiert?
Ich wollte über eine Gletscherspalte springen. Sie war wunderschön, aber so unfassbar tief. Wenn ich in sie hineingefallen wäre, würde ich heute nicht mehr hier sitzen. Dann würde ich jetzt ein paar hundert Meter tief im ewigen Eis liegen. Über die Spalte habe ich es zwar noch geschafft, bin dann aber doch gestürzt. In diesem Moment habe ich gedacht: „Lieber Gott, also ein paar Dinge würde ich dann doch noch gerne in meinem Leben machen. Solltest Du diesen Moment aber als mein Ende ansehen, dann ist das auch okay.“

Weil Sie, wie Ueli Steck und die vielen anderen ahnten, dass ihnen eines Tages doch mal was passieren könnte?
Ich habe es schon immer gesagt: Es gibt nichts für mich auf dieser Welt, was stärker ist als meine Liebe zu den Bergen. Sie bedeuten für mich alles: Freiheit, Glück, Zufriedenheit. Viele verstehen das nicht: Ich bin jedoch seit jeher bereit, für meine Liebe, die Berge, zu sterben.

Wenn man so denkt, muss man dann egoistische, ja fast egomanische Züge in sich haben?
Im Alltag bin ich, was das Training, die Sponsorentermine und alles andere betrifft, sehr egoistisch. Man darf sich einfach nicht von allen und jedem einspannen lassen. Denn das wichtigste im Leben eines Profisportlers ist nun mal das Training. Basta. Am Berg ist es genau andersherum. Ich bin ein wahnsinnig harmoniebedürftiger Mensch, will im Team anreisen, zusammen mit ihm oben auf dem Gipfel stehen.

„Die Zeiten in denen ich mich selbst zerstört habe, sind vorbei“

Reinhold Messner sieht das etwas anders. Egoismus steckt in uns allen, sagt er. Seit er klettern kann, gilt für ihn die Devise: die Freiheit aufzubrechen, wohin er will. Und weiter: „Ich mache in den Bergen also, was ich für richtig halte.“
Die Männer sehen immer nur das Ziel. Das ist falsch. Der Weg ist das Ziel, so denken Frauen. Wir steigen auf Berge mit Herz und Harmonie. Das unterscheidet uns Frauen von Bergsteigern wie Reinhold Messner. Was mich wiederum seit jeher mit Jungs verbindet ist, dass ich mir nix gefallen lasse. Selbst mit vier Jungs habe ich es schon gleichzeitig in der Schulzeit aufgenommen. Besonders einer von denen hatte mich damals auf dem Kicker. Also kletterte ich auf einen Baum. Als er darunter vorbeilief, sprang ich runter – auf ihn drauf. Den packte ich mir. Der war so erschrocken und eingeschüchtert, der macht seit diesem Zeitpunkt einen riesigen Bogen um mich (grinst schelmisch).

Sind Sie eigentlich ein Idealist?
Vollkommen. Schauen Sie, am Anfang hatte ich keine Sponsoren und kaum Geld. Trotzdem bin ich in die Berge gegangen. Mich ziehen die Berge jeden Tag an. Gesellschaftspolitisch ist das Bergsteigen ja eine völlig unnütze Tätigkeit, hat Messner mal gesagt. Recht hat er. Er hat allerdings auch unterschieden zwischen Nützlichkeit und Sinnhaftigkeit. Sinnhaft sei es, wenn man sich einer Herausforderung stelle. Das habe ich immer gemacht. Wenn man allerdings von einer Expedition zurückkommt, seine Erlebnisse mit anderen teilt, dann ist das alles andere als unnütz. Die meisten Menschen trauen sich doch vieles gar nicht zu. Wenn man allerdings mal einen kleinen Berg schafft, dann sind auch höhere Gipfel und höhere Ziele möglich. Viele zweifeln aber schon am ersten Berg.

„Das Einzige was ich weiß, ist, dass ich die Berge über alles liebe. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals einen Mann so lieben kann“

Woran verzweifeln Sie?
Über die Menschen, die denken, dass es oberhalb von 7000 Metern romantisch zugeht. Natürlich schauen wir mal den Sonnenuntergang an. Es gibt aber andere Themen die relevant sind. „Kannst Du gut pinkeln?“, „Wie geht es mit deinem Stuhlgang?“, „Wie viele Seile sollen wir mitnehmen?“, „Haben wir im Lager 4 genügend Essen?“. Das sind überlebenswichtige Themen. Außerdem kann man dort oben auch nicht klar denken. Ich kann mich noch erinnern, als ich Richtung Gipfel des Nanga Parbat losgegangen bin. „Wieso ist denn die ganze Zeit mein Hintern so kalt“, habe ich ständig gedacht. Simone hat mich Dummkopf dann darauf aufmerksam gemacht, dass mein Reißverschluss am Overall offen war. Bei minus 40 Grad.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
So zu sein wie Heidi (grinst). Sie ist in den Bergen zu Hause, dort fühlt sie sich am wohlsten. Sie ist ein tolles und warmherziges Kind, hat keine Vorurteile, das Herz am rechten Fleck und immer eine herzliche, offene und liebenswerte Art.

Sie wollen wie ein Kind sein?
Auch wir Erwachsene sollten manchmal wie Kinder sein, schließlich ist es nie zu spät für eine glückliche Kindheit. Idealerweise ist auch ein erwachsener Mensch einer, der sein Kinderherz niemals verliert. Dabei muss ich nicht allen gefallen, stets aufrichtig bleiben und die Welt ohne Vorurteile betrachten. Wenn mir das gelingt und ich wieder einen gesunden und funktionierenden Körper habe, werde ich glücklich sein. Das weiß ich.

HOCH HINAUS – TAMARAS WEG
 
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. So ist das auch bei Tamara Lunger. Ihren Vater, einst ein bekannter Skibergsteiger und Mountainbike-Profi, zog es immer hoch hinauf. Dieses „Über den Dingen stehen“-Gen scheint er Tamara vererbt zu haben. Erst räumte sie als Mitglied der italienischen Nationalmannschaft beim Skibergsteigen eine Medaille nach der anderen ab, gewann einige Ultra-Trail-Rennen. Dann stieg sie beim Höhenbergsteigen als jüngste Frau der Welt 2010 auf den Lhotse (8.516 m) und 2014 auf den K2 (8.611 m).
 
„Meine Glückseligkeit an der Grenze zum Tod“. Traum und Albtraum auf den höchsten Bergen der Welt. Tamara Lunger, Hardcover, 256 Seiten, Athesia Tappeiner Verlag, 24,90 Euro„Meine Glückseligkeit an der Grenze zum Tod“
 
Traum und Albtraum auf den höchsten Bergen der Welt.
Tamara Lunger, Hardcover, 256 Seiten,
 Athesia Tappeiner Verlag, 24,90 Euro