Michael Fasser lehrt seit über 20 Jahren Skifahren. Heute hat er sich auf die „Hartfälle“ spezialisiert – Menschen mit schweren Behinderungen, an denen andere scheitern. Ein Treffen auf 1.000 Meter …
Lermoos, Tirol. Es ist der Frühwinter, und Michael Fasser steht wieder am Pistenrand – dort, wo für ihn alles begann. Ein Vater sprach ihn an. Sein Sohn war im Skikurs, seine Tochter nicht. Sie konnte nicht. Schwere Muskelkrankheit, nur Rumpfbewegung, auf Hilfe angewiesen. „Wie bringen wir das Mädel jetzt auf die Piste?“ Ein Jahr später fuhr Feli Fischer ihre erste Abfahrt.
Feli ist heute 22. Sie lebt selbständig in München, studiert und spielt im Rollstuhl-Fußball-Nationalteam. Letztes Wochenende war sie wieder zwei Tage in Lermoos. „Für mich ist sie immer noch ein kleines Kind“, sagt Fasser und lacht. „Aber sie ist eine erwachsene Frau. Und was sie erreicht hat – das ist für mich das eigentliche Maß des Erfolgs.“
Von der Idee zur inklusiven Skischule in Tirol: Wie Snowpower Skifahren mit Behinderung professionalisierte
Der Anfang war kein geplanter Unternehmensentscheid. Fasser machte die ersten Inklusionskurse noch bei seiner damaligen Skischule – sechs Jahre lang, kostenlos, weil es ihn interessierte. 2013 gründete er die Skischule Snowpower in Lermoos. Erst dann wurde es möglich, das Angebot ernsthaft aufzubauen: Heute verfügt die Schule über sechs Spezialgeräte, die je rund 7.000 Euro kosten, und rund zehn ausgebildete Skilehrer, die in der Hochsaison bereitstehen. „Das musst du halt leben“, sagt Fasser. „In einer anderen Skischule war das so nicht möglich.“

Michael Fasser, Gründer der Skischule Snowpower in Lermoos, bringt seit über 20 Jahren Menschen mit Behinderung auf die Skipiste.

Mit einem Bi-Ski bringt die Skischule Snowpower in Lermoos selbst Menschen mit schwerer Behinderung sicher auf die Piste der Tiroler Zugspitz Arena.
Die Finanzierung ist eine ehrliche Geschichte: Die Geräte – sogenannte Bi-Skis und Mono-Skis – verleiht Snowpower kostenlos. Nur wenn ein Skilehrer dabei sein muss, wird ein geringer Betrag zur Kostendeckung erhoben. Den Rest trägt Fasser selbst, ergänzt durch den Vater von Feli Fischer, der ein gut laufendes Unternehmen hat, sowie kleinere Spenden aus Rotary-Clubs und ähnlichen Kreisen. Von einem Geschäftsmodell möchte Fasser nicht reden.
Skifahren mit schwerer Behinderung: Warum Snowpower in Tirol auf „Hartfälle“ spezialisiert ist
Snowpower arbeitet mit Menschen mit Down-Syndrom, Cerebralparese, Unfallverletzungen und schweren Muskelerkrankungen. Das Programm heißt „No Handicap“. Fasser erklärt es pragmatisch: „Ein Bi-Ski funktioniert wie ein Einkaufswagen. Vorne sitzt der Fahrer, hinten steuert der Skilehrer.“ Mit den richtigen Geräten fahren sie Tiefschnee, springen über kleine Schanzen. Die Gäste erleben dasselbe Skifahren wie alle anderen.
Manche Gäste kommen regelmäßig – Fasser nennt sie „Wiederholungstäter“. Unter ihnen ist eine Frau namens Maike, die nach einem schweren Unfall selbst ein Kind bekommen hat und jedes Jahr wiederkommt. Gruppen, wie etwa eine achtköpfige belgische Gruppe mit Bi-Ski, sind keine Seltenheit mehr. Schicksale gehören dazu – auch schwere. „Wir haben auch schon Gäste verloren, die durch ihre Krankheit früher gestorben sind“, sagt Fasser ruhig. „Freud und Leid. Aber am Ende überwiegt die Freude.“
Skilehrer für Menschen mit Behinderung: Ausbildung, Erfahrung und Persönlichkeit als Schlüssel

Skifahren mit schwerer Behinderung – vor alpiner Kulisse: Snowpower in Tirol hat sich auf sogenannte „Hartfälle“ spezialisiert.

Technik und Vertrauen: Beim Bi-Ski steuert der Skilehrer von hinten – der Gast erlebt Tempo, Kurven und Tiefschnee hautnah.
Die meisten Skilehrer bei Snowpower haben eine zertifizierte Zusatzausbildung – beim Tiroler oder Salzburger Skilehrerverband, sitzend und stehend. Fasser schätzt das, relativiert aber: „Die Ausbildung hilft dir, mit dem Gerät umzugehen. Viel wichtiger ist, ob du der Typ dazu bist. Du musst es wollen.“ Was danach kommt – der Umgang mit den einzelnen Menschen, mit ihren spezifischen Bedürfnissen, mit Toilettenbesuchen auf der Piste, mit unterschiedlichen Behinderungsgraden – das lässt sich nicht in Kursen standardisieren. „Das kann man pauschal nicht aufschreiben. Da kannst du keinen Zettel schreiben.“ Vor jedem Kurs sprechen die Lehrer mit Eltern oder Betreuern. Dann wird individuell entschieden. Vier Frauen gehören heute zu seinem Team. Fasser sagt das mit einem leichten Stolz: Wer ihre Videos auf Instagram sehe, wisse, dass Körperkraft nicht das Entscheidende ist.
Inklusion auf der Skipiste: Wie Bi-Ski und Mono-Ski den Wintersport barrierefrei machen
In der Tiroler Zugspitz Arena laufen die Liftmitarbeiter inzwischen von selbst los, wenn Snowpower anrückt. Sie ziehen die Bi-Skis über die Gummimatten in die Gondeln, helfen beim Einstieg. „Hey, cool, dass ihr wieder da seid“ – so läuft das, sagt Fasser. Mit 90 Prozent der Lifte kommt die Gruppe problemlos hoch. Das war nicht immer so.
Auf der Piste werden sie beobachtet. Andere Gäste fragen, ob sie Fotos machen dürfen. Feli sagt meistens sofort ja. „Sie werden gesehen“, sagt Fasser. „Das ist auch etwas. Man ist der Hingucker, man existiert.“ Feli, die er als schüchternes Mädchen kennengelernt hat, hat durch das Skifahren mehr Selbstvertrauen gewonnen – nach seiner Einschätzung war das Skifahren ein Teil davon.
Seine eigenen Kinder – drei, fünf und neun Jahre alt – kennen Feli seit klein auf. Sie fahren mit ihr Rollstuhlrennen. Die Frage, warum Feli im Rollstuhl sitzt, haben sie nie gestellt. „Das ist für sie normal“, sagt Fasser. „Und das ist eigentlich genau dahin, wo wir müssen.“
Mehr Sichtbarkeit für Para-Wintersport: Warum Skifahren mit Behinderung mehr Aufmerksamkeit braucht
Fasser sagt, die Arbeit hat ihn demütiger gemacht. Nicht in einem großen, plakativ formulierten Sinn – eher so: Wenn Kollegen sich über Kleinigkeiten aufregen, reg ihn das kaum noch auf. „Da geht dir der Trump am … vorbei“, formuliert er und bricht ab, lacht. Die Familien, die kommen, zerbrechen manchmal auch – an der Last der Behinderung, an der Überforderung. Das kriegt er mit. Und er trägt es.

Para-Wintersport in Tirol: Mit Bi-Ski und Teamgeist erleben Gäste mit Behinderung echtes Pistenvergnügen.
Para-Wintersport bekommt seiner Meinung nach zu wenig Aufmerksamkeit – außer nach Olympia. Dass Feli in der deutschen Rollstuhl-Fußball-Bundesliga spielt und in München trainiert, weiß kaum jemand. Fasser findet das schade. Aber er verändert es in seinem Rahmen: Kurs für Kurs, Familie für Familie, Saison für Saison.
An zitternde Familien, die sich fragen, ob das wirklich geht, hat er eine klare Antwort: „Geht nicht, gibt es nicht. Wir haben es bisher geschafft, jeden in den Mono-Ski reinzubekommen.“ Nur über 90 Kilo werde es schwer. „Nach 10 Minuten sind wir dann kaputt“, sagt er und lacht wieder. Das klingt nicht wie ein Slogan. Es klingt wie jemand, der weiß, was er sagt.
Tiroler Skischule Snowpower Lermoos
Unterdorf 14/3
6631 Lermoos
Österreich
T. 0043/5673/20990
E. info@ski-lermoos.at

Das „No Handicap“-Programm der Skischule Snowpower zeigt: Inklusion auf der Skipiste ist in der Tiroler Zugspitz Arena gelebte Praxis.




