Wer Bilderbuchbayern sucht, pilgert am besten nach Oberammergau. Das 5000-Seelen-Dorf mutiert alle zehn Jahre zum weltberühmten Passionsspielort. Wenn der Tross an Theaterbesuchern wieder abgereist ist und der Winter Einzug hält, wird es hier ganz leise. Und königlich schön
Jesus stirbt alle zehn Jahre aufs Neue. Schon seit dem Jahre 1634. Aber nicht etwa in Golgota, sondern mitten in Oberbayern. Genauer: im Herzen Oberammergaus, im eindrucksvollen, rosa angepinselten Passionstheater in der Othmar-Weis-Straße 1. Das 5000-Seelen-Dorf nordwestlich von Garmisch-Partenkirchen verwandelte sich 2022 – diesmal mit zwei Jahren Corona-Verspätung – wieder einmal in den weltweit berühmtesten Passionsspielort.
Wenn Passion in Oberammergau ist, herrscht Ausnahmezustand. Aber wie es sich in der Bilderbuchidylle gehört, auf die urgemütliche Art. Da radelt Jesus in der Spielpause auf dem Hollandradl zum Nachmittagskaffee bei der Mama. Der Regisseur trinkt in Krach’s Laden mit Judas einen schnellen Espresso. Und das halbe Dorf – also um die 2000 Kinder, Frauen und Männer – spielt beim biblischen Krimi rund um das Leiden und Sterben des Jesus von Nazareth mit. Nur gebürtige Oberammergauer dürfen mitspielen. Oder Zugezogene, die aber mindestens 20 Jahre hier leben müssen.
Beate Kloiber ist keine gebürtige Oberammergauerin. Aber sie ist vor 38 Jahren ins Passionsdorf zugezogen. Und hat schon zweimal mitgespielt. 2010 und 2022. Beide Male im Volk, beide Male bei einer Szene mit dem verheißungsvollen Namen „Empörung“. Die Passion schweißt das Dorf eben zusammen. Untertags gehen die Oberammergauer ihrer Arbeit nach, am Nachmittag und Abend machen sie alle zehn Jahre Theater. Von Mai bis Oktober. Bei über hundert Aufführungen. Apropos Arbeit: Beate Kloiber arbeitet im echten Leben in der Klinik Oberammergau. Und kam zu ihrem Nebenjob Wanderführerin wie die Jungfrau zum Kind. Weil die damalige Kursleiterin ausfiel, sprang sie 2018 kurzerhand ein und unternahm mit einigen Patienten eine Wandertour. Aus einer wurden hunderte. Seit sechs Jahren geht Beate Kloiber mit manchmal 20 oder noch mehr Patientinnen und Patienten direkt von der Klinik aus auf Wanderschaft. Sie kennt sich rund um Oberammergau bestens aus. Zu allen Jahreszeiten. Aber am allerliebsten wandert sie im Winter.

Oberammergau hat viele Wahrzeichen, und eines davon ist der markante Felszacken des Kofels (1342 m).

Oberammergau im Winter: auf königlicher Runde durch die Ammergauer Alpen
Der Winter kommt nicht wie die Passion einmal alle zehn Jahre nach Oberammergau, sondern jedes Jahr im Dezember. Spätestens im Januar. Und zeigt sich dann von seiner weiß-blauen Seite. So wie heute. Weißer Schneeteppich, blauer Himmel. Und dazwischen die Bergpersönlichkeiten rund um Oberammergau: der Laber mit der vielleicht kleinsten Gondel Deutschlands – und einigen sehr steilen und ernsten Rinnen für Extremskifahrer. Dann der Pürschling mit seiner direkt am Grat thronenden Hütte – und einer der besten Schlittenbahnen der Republik. Der absolute Hingucker ist und bleibt aber der Kofel. Für die einen ein kühn in den Himmel gereckter Zeigefinger, für andere das größte Phallussymbol im Land, für die Oberammergauer: einfach nur der Hausberg. Quasi senkrecht über dem Dorf. „Um den wandern wir jetzt halb herum“, sagt Beate Kloiber und stapft beherzt vom Passionsspielhaus gen Süden. Bevor wir auf perfekt geräumten Wanderwegen entlang der Ammer nach Ettal marschieren, erhalten wir aber noch eine schnelle Dorfführung in Weiß: Geburtshaus von Ludwig Thoma, Grab von Max Streibl, Pilatushaus mit kunstvollen Lüftlmalereien, Geigenbauschule – Oberammergau ist einfach Bayern live.
Aber wer wandern will, muss sich irgendwann losreißen von der Dorfidylle. Also auf geht’s gen Süden! Auf dem Osterbichl traut man seinen Augen kaum: eine schier zehn Meter hohe Steinskulptur, bestehend aus Jesus am Kreuz sowie ihm zu Füßen Maria auf der einen und Maria-Magdalena auf der anderen Seite, beide wehklagend. Stifter der „Kreuzigungsgruppe“ ist kein geringerer als der bayerische Märchenkönig Ludwig II., tief beeindruckt von einer Privatvorführung der Passion anno 1871. Die Oberammergauer wissen eben, wie’s geht. Stichwort König: Forsthaus Unternogg bei Altenau, Schloss Linderhof im Graswangtal, die Brunnenkopfhäuser hoch oben in den Ammergauer Alpen – Spuren des bayerischen „Überkings“ findet man rund um Oberammergau zuhauf. Kein Zufall also, dass das weltberühmte Jedermann-und-Jederfrau-Langlaufrennen „König-Ludwig-Lauf“ heißt. Die Gegend hier ist Märchenkönigland, im Winter Langlaufland. Mit 227 Quadratkilometern Fläche bietet der Naturpark Ammergauer Alpen zwischen Bad Bayersoien, Bad Kohlgrub, Altenau, Unterammergau, Oberammergau und Ettal eine wahrhaft königliche Kulisse.
Winterfrischler ohne schmale Latten kommen hier genauso auf ihre Kosten wie Langläufer. Denn viele Winterwanderwege laufen parallel zu den Loipen durch die Traumlandschaft rund um Oberammergau. „Einer meiner Lieblingswege im Winter führt von Oberammergau durchs Naturschutzgebiet Weidmoos nach Ettal“, sagt Beate Kloiber. „Man folgt einfach immer der Beschilderung mit Schneeflocke Nr. 3“. So auch an diesem weiß-blauen Traumtag.

Ammerschlösschen bei Oberammergau – barockes Kleinod am Ufer der Ammer.

Blick auf das Kloster Ettal durch den Frühnebel.

Eine märchenhafte Winterlandschaft am Wegesrand.
Winterwandern zwischen Oberammergau und Ettal, oder: dem Himmel so nah
Der Schnee gibt bei jedem Schritt ein leises Knirschen zurück, die Eiseskälte bizzelt wohlig auf den Wangen, der Atem antwortet mit einer weißen Wolke. Wer von Oberammergau nach Ettal winterwandert, der ist eines: dem Himmel so nah. Winterfrischler, die sich an der Ettaler Mühle nicht nach Westen ins Graswangtal, sondern gen Osten wenden, sehen sie wie eine Fata Morgana über dem winterlichen Morgennebel im Weidmoos flimmern: die Kuppel vom Kloster Ettal. So klein das Dorf, so überdimensional das Kloster. Wobei Kloster heillos untertrieben ist. Ettal besteht aus Basilika, Bierbrauerei, Schnapsdestillerie, Gasthaus, Hotel, Buchhandlung, Kunstverlag, Gymnasium – und, und, und. Nicht nur die Oberammergauer, sondern auch die Benediktiner in Ettal wissen eben, wie’s geht.
Halbzeit! Wer gut winterwandert, soll auch gut essen und trinken. Also Bergschuhe abklopfen, Mütze und Handschuhe runter und rein ins Klosterhotel Ettal, genau gegenüber der Basilika. Jeder, der hier keinen Schweinsbraten isst und ein Ettaler Weißbier trinkt, versündigt sich. Mahlzeit! Was der Gipfel für Bergsteiger, ist das Kloster Ettal für Winterwanderer: Höhepunkt und Umkehrpunkt zurück zum Start. Wer nicht auf gleichem Weg zurück nach Oberammergau pilgern will, für den hat Beate Kloiber einen Tipp: „Ich gehe am liebsten auf dem Enzianweg hoch über dem Kloster und später auf dem Vogelherdweg zurück nach Oberammergau“, sagt die Wanderführerin. Der schmale Weg wird im Winter zwar nicht geräumt, einen Trampelpfad der Einheimischen gibt’s aber so gut wie immer.
Die Runde schließt sich nach zwölf Kilometern wieder am Passionstheater von Oberammergau. Was bleibt? Die Erinnerung an eine traumhafte Winterwanderung mit dem Besten, was Bayern in Sachen Natur und Kultur in drei, vier Stunden reiner Gehzeit zu bieten hat. Was bleibt noch? Die Gewissheit, 2030 zum persönlichen Passionsjahr auszurufen. Diese fünf Stunden sind zwar vor allem ein Leiden für den Allerwertesten, aber ein Muss für jeden, der Bayern im Allgemeinen und Oberammergau im Speziellen verstehen will. Und wer weiß, vielleicht trifft man ja in der Pause den radelnden Jesus auf seinem Weg zur Mama?

Kloster Ettal im Winter – majestätisch und still inmitten der verschneiten Bergwelt.

Himmlische Szenerie – das Deckenfresko der Kuppel in der Basilika Ettal.

Christliche Symbole sind im Passionsspielort Oberammergau allgegenwärtig.

In Oberammergau zieren zahlreiche Fassaden kunstvolle Lüftlmalereien.

Wohl bekomm‘s: Eine Stärkung in einem der zahlreichen Wirtshäuser am Wegesrand.
Oberammergau
ANREISE
Oberammergau ist gut per Zug erreichbar; per Auto: A95 München/Garmisch – Ausfahrt Oberau – B23 Ettal – Oberammergau; oder: A96 Landsberg a. Lech – B 17 Schongau – B 472 Peiting – Bad Kohlgrub – Oberammergau.
UNTERKUNFT
In Oberammergau und Umgebung gibt es eine breite Auswahl an Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen. Infos unter www.ammergauer-alpen.de
ESSEN & TRINKEN
Dorfstüberl Oberammergau: www.dorfstueberl.de
Wank Alm Oberammergau: www.wankalm.de
Ettaler Mühle: www.ettaler-muehle.de
Blaue Gams Ettal: www.blaue-gams.de
BESTE REISEZEIT
Dezember bis März.
LITERATUR & KARTEN
Kompass Wander-, Bike- und Laufkarte Oberammergau, 1:35.000, ISBN-10 : 3990442708, www.kompass.de Eine eigene Winterwanderkarte ist zudem in den Touristinfos erhältlich.

Verschneiter Wegweiser am Winterwanderweg bei Oberammergau.
NATURVERTRÄGLICH UNTERWEGS
Wer im Winter in den Bergen unterwegs ist, sollte Rücksicht auf die Natur nehmen. Deshalb ist bei Touren mit Skiern, Schneeschuhen oder zu Fuß Folgendes zu berücksichtigen:
- Naturverträgliche Routenempfehlungen nutzen
- Schutz- und Schongebiete für Tiere beachten
- Fütterungsbereiche respektieren
- Dämmerungs- und Nachtzeiten meiden
- Hunde anleinen
- Lärm vermeiden
WEITERE TOURENTIPPS
Im Naturpark Ammergauer Alpen eröffnet sich Winterwanderern eine Vielfalt an Routen für jedes Anspruchsniveau. Für Einsteiger und Genusswanderer empfiehlt sich der 2 Kilometer lange Weg Nr. 16 zum Hörnlesattel oder der malerische Panoramaweg Nr. 18. Ambitionierte Wanderer finden im 10,5 Kilometer langen Weg Nr. 8 zum Pürschlinghaus eine anspruchsvolle Herausforderung. Diese fünfstündige Tour, die 680 Höhenmeter überwindet, belohnt mit atemberaubenden Ausblicken ins Ammer- und Graswangtal.
ÜBER DEN NATURPARK AMMERGAUER ALPEN
Mit seinen 227 Quadratkilometern bietet der Naturpark Ammergauer Alpen eine hervorragende Kulisse für Winterwanderungen in Bayern. Vom nördlichen Bad Bayersoien bis ins südliche Ettal erstreckt sich ein Wegenetz von 120 Kilometern. So lässt sich die unberührte Natur rund um Oberammergau sowie die Naturparkgemeinden Unterammergau, Ettal, Bad Kohlgrub, Altenau, Saulgrub und Bad Bayersoien erkunden. Wer das Winterwandern als spirituellen Meditationsritus sieht, findet die innere Einkehr auf dem mehrtägigen, 85 Kilometer langen Meditationsweg.





