Gletscher – Dem Himmel zu nah

Triftbrücke über den Trift-Gletscher LÄNGE IM JAHR 1861 – 7674 Meter // LÄNGE IM JAHR 2010 – 3013 Meter // Foto: Kraftwerke Oberhasli AG / Robert Bösch/wikimedia.org

Trift-Gletscher LÄNGE IM JAHR 1861 – 7674 Meter // LÄNGE IM JAHR 2010 – 3013 Meter © Foto: Kraftwerke Oberhasli AG / Robert Bösch/wikimedia.org

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Der Glaziologe Wilfried Haeberli hat die Gletscher aufgegeben. Im Interview zeigt er neue Perspektiven auf

In Paris hatten sich 2015 die Regierungschefs der Welt auf ein Klimaziel geeinigt. Doch für die Gletscher in den Alpen hat der Zürcher Professor Wilfried Haeberli keine Hoffnung mehr. ALPS traf den führenden Glaziologen Anfang des Jahres an einem mäßig kühlen Winterabend in München.

ALPS: Die Beschlüsse des Pariser UN-Gipfels im Dezember haben Klimaschützer begeistert. Sie auch?
WILFRIED HAEBERLI: Paris ist tatsächlich ein großartiger Durchbruch – was die Willensbekundung anbelangt. Die zweite Frage ist die nach der Realisierbarkeit. Und da bin ich sehr viel skeptischer. Denn für das im Paris-Abkommen formulierte 1,5-Grad-Ziel ist es meiner Meinung nach zu spät. Wir haben bereits im Jahr 2015 ein Grad überschritten. Folglich bliebe nur noch ein halbes. Doch das Klimasystem ist hochkomplex. Man kann die Entwicklung nicht einfach im rechten Winkel abbiegen. Und ob die Staaten, die nun den Mund sehr voll genommen haben, auch wirklich die Aktionen ergreifenen, die ja auch schmerzhaft sein können? Da bin ich noch viel skeptischer.

ALPS: Dabei glauben viele immer noch, dass wir es lediglich mit einem Zyklus in der Klimageschichte zu tun haben …
HAEBERLI: … und es also schon wieder mal ein bisschen kühler würde. Das ist leider eine grundsätzlich falsche Annahme. Denn die Zusammensetzung der Atmosphäre ist heute eine vollkommen andere als jemals zuvor in den vergangenen Million Jahren. Sorgen macht uns ja nicht die Vergangenheit, sondern das, was auf uns zukommt. Wir haben für die Zukunft ganz andere Voraussetzungen.

Trift-Gletscher
LÄNGE IM JAHR 1861
7674 Meter
LÄNGE IM JAHR 2010
3013 Meter

ALPS: Da sind Sie sicher?
HAEBERLI: Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es natürlich nie. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass es in Richtung Erwärmung weitergeht, ist zweifellos viel größer als die, dass es sich nur um eine periodische Schwankung handelt.

ALPS: Nun ist dies ja ein Phänomen, das nicht nur die Alpen betrifft …
HAEBERLI: … nein, aber die Alpen sind nun einmal die am dichtesten besiedelte und mit Infrastruktur besetzte Hochgebirgsregion weltweit. Und das rückt sie nah an die Wahrnehmung der Menschen, die in Europa leben. Zudem sind die Alpen das besterforschte Gebirge überhaupt. Deshalb sind die Gletscher auch so detailliert dokumentiert. Sie nehmen zwar nur einen sehr kleinen Teil der Alpen ein, etwas mehr als 1500 Quadratkilometer. Und was den Gletscherschwund anbelangt, geht es den Alpen nicht schlechter als den meisten anderen Gebirgsregionen auch. Aber die Ausstrahlung der Gletscher wirkt in den kontinentalen Bereich hinein, in den Tourismus ebenso wie in die Wasserwirtschaft oder die Stromproduktion.

ALPS: Wo denn am stärksten?
HAEBERLI: Womöglich auf den Wasserhaushalt. Gletscher fungieren ja als Speicher. In der kalten Jahreszeit, wenn wir wenig Wasser für die Landwirtschaft brauchen, halten sie das Wasser zurück und geben es ab, sobald es wärmer wird. Diese Funktion wird nun infrage gestellt. Und das beeinflusst nicht zuletzt große europäische Ströme wie Rhone oder Rhein. Was uns bevorsteht, hat der Sommer 2003 gezeigt. Ein Detail dazu: Weil zwischen Mai und September kein Niederschlag fiel, war zum Beispiel die Treibstoffversorgung für den Flughafen Frankfurt gefährdet. Die nämlich läuft über den Rhein, und bei niedrigem Wasserstand können die Schiffe weniger laden.

ALPS: Hat die Gletscherschmelze auch positive Effekte?
HAEBERLI: Ihre wirkliche Bedeutung liegt in der Signalwirkung. Er ist sichtbar und auch ohne akademische Bildung für alle verständlich. Und er zeigt uns sozusagen das Umfallen eines ersten Dominosteines im komplexen Klimasystem …

ALPS: …und dabei einen dramatischen ästhetischen Verlust.
HAEBERLI: Natürlich, die klassische Farbkombination – blau, weiß, grün – ist bedroht. Wenn die Menschen Ferien in den Alpen machen, wollen sie ihren Bekannten schreiben, dass sie im Paradies sind. Also gehen sie an den Kiosk und kaufen sich eine Postkarte oder machen ein Bild von einem grünen Wald unter einem weißen Berg unter einem blauen Himmel – der Inbegriff intakter Natur, ungestört, wunderschön, rein.

„KOMMENDE GENERATIONEN WERDEN GAR NICHT MEHR WISSEN, WAS EIN GLETSCHER IST“

ALPS: Möglicherweise auch ein Gottesbild …
HAEBERLI: … ja, man ist dem Himmel ganz nah, leider auch im wörtlichen Sinn: Denn die Atmosphäre, die unser Klima bestimmt, wirkt sich auf den Gletscher ganz direkt aus. Und es sind fast ausschließlich atmosphärische Einflüsse, die ihn beschädigen. Dem direkten Zugriff des Menschen ist der Gletscher ja weitestgehend entzogen. Also wirkt die Klimaveränderung hier stark und ungefiltert und liefert uns die deutlichsten Signale. Zumal sogenannte „compounding effects“, Mischeffekte, im Gebirge fehlen.

ALPS: Dort tut es aber auch besonders weh.
HAEBERLI: Natürlich, Gletscher und Schnee sind ganz stark emotional besetzt. Gerade in der Schweiz sind der Gletscher und der weiße Berg ein Teil des Heimatgefühls.

ALPS: Geht dieses Identitätsgefühl mit dem Abschmelzen der Gletscher nun womöglich verloren?
HAEBERLI: Es wird wohl abermals einen Positionswechsel geben. Schauen Sie: Im 18. Jahrhundert haben reiche Leute Maler mitgenommen, um die Gletscher zu skizzieren. (Nebenbei bemerkt: Die Künstler haben gutes Geld dabei verdient und mit großer Präzision gearbeitet, zum Teil aber auch mit jeder Menge Fantasie, das muss man schon quellenkritisch anschauen.) Ihre romantischen Bilder zeigen, dass sich die Wahrnehmung der Gletscher fundamental geändert hat. Damals empfand man einen großen Gegensatz zwischen den verdorbenen Städten – schlechte Luft, schlechte Sitten – und dem reinen, „ewigen“ Eis. Das war ein Sinnbild für die gesunde Beziehung zwischen Mensch und Umwelt. Nun sind die Gletscher geschrumpft und grau und damit zu einem starken Symbol für eine gestörte Umwelt geworden. Ihre positive Ausstrahlung geht zusehends verloren.

ALPS: Gibt es zum Ausgleich einen ästhetischen Gewinn?
HAEBERLI: Schönheit ist ja eine Frage der Wahrnehmung. Und die ändert sich bekanntlich. Vor der Aufklärung empfanden die Menschen Gletscher als montes horribiles. Es ist erst die romantische Verklärung gewesen, die die Gletscher so schön gezeigt hat. Die kommenden Generationen aber werden vielleicht gar nicht mehr wissen, was ein Gletscher ist. Und insofern auch keinen Verlust empfinden. Die neuen Seen aber, die durch die Schmelze entstehen, sind zum Teil wunderschön, polare Landschaften im Hochgebirge, das ist wirklich fantastisch! Vor allem jetzt, wo die Gletscher noch hineinfließen. Das sind schon jetzt veritable Touristenattraktionen.

ALPS: Zum Beispiel wo?
HAEBERLI: Am Triftgletscher im Berner Oberland ist seit 2003 ein herrlicher See entstanden, der den paar hundert Wanderern pro Jahr den Weg zur gegenüberliegenden Hütte versperrt hat. Stattdessen hat man dort eine Hängebrücke nach nepalesischem Vorbild konstruiert. Und jetzt kommen mehrere hundert Menschen pro Tag in dieses abgelegene Gebiet. Das zeigt: Die aus den abschmelzenden Gletschern entstehenden Seen können die verlorene Attraktion bis zu einem gewissen Grad kompensieren.

ALPS: Aber anders als die verschneiten Gipfel sieht man sie von unten nicht, man muss erst hinauf auf den Berg …
HAEBERLI: … und die entsprechende Infrastruktur ausbauen. Da stellt sich natürlich die Kostenfrage. Aber die neuen Seen sind auch für die Stromproduktion und als Wasserspeicher interessant, selbst wenn sie nicht voll für die Trinkwasserversorgung taugen …

ALPS: … weil sie nicht groß genug sind?
HAEBERLI: Ja, und weil die entsprechenden Installationen fehlen. Man kann ja das Wasser nicht einfach mit dem Kessel rausholen. Aber was ich sagen will: Es ist bei allem Verlust auch ganz wichtig, dass man sich auf die positiven Effekte ausrichtet und die Optionen wahrnimmt.

ALPS: Tut das schon jemand?
HAEBERLI: Die Kraftwerke in der Schweiz haben die Chancen längst begriffen. Und bereits ihre Projekte entwickelt. Natürlich provoziert das Konfliktsituationen. Die Landschaftsschützer etwa haben ja Betonmauern nicht so gerne. Aber es ist eben eminent wichtig, sich mögliche Synergien und Konflikte jetzt anzuschauen. Denn die Entwicklung bleibt ja nicht stehen. Im Gegenteil, sie schreitet rasant voran. Und wird für viele, viele zukünftige Generationen neue Verhältnisse schaffen.

ALPS: Wie viel Wehmut schwingt eigentlich in den Ergebnissen Ihrer Forschung mit?
HAEBERLI: Ich habe immer gesagt, ich bin Berufsoptimist. Aber natürlich ist das schon so. Nur geht es heute nicht mehr darum, die Gletscher zu retten. Sondern die entscheidende Frage lautet: „Was machen wir nun mit dem, was wir angerichtet haben?“ Die Aufgabe der Wissenschaft ist es jetzt, Modelle zu entwickeln – über die zukünftige Landschaft zum Beispiel, die zukünftigen Prozesse, auch über die zukünftigen Optionen oder die zukünftigen Gefahren. Es ist heute unsere Hauptaufgabe, lösungsorientiert zu arbeiten: Wir müssen nun aus dem, was unvermeidlich wird, einfach das Beste machen. Und da bin ich eigentlich zuversichtlich: Die Schweiz, Deutschland, die Alpenländer sind reich, sie haben hervorragende Technologien, hervorragendes Wissen, sie werden etwas Vernünftiges machen können. Für andere Gebirgsländer der Erde ist das viel schwieriger.

DER GLETSCHERKENNER
 Interview mit Prof. Wilfried Haeberli über die Zukunft der Gletscher in den Alpen
Prof. Dr. Wilfried Haeberli leitete für die UN von 1983 bis 2010 die weltweite Gletscherbeobachtung. Von 1995 bis 2012 war er Ordinarius für Physische Geografie an der Uni Zürich. Inzwischen emeritiert, forscht der 68-Jährige weiter zu seinen Spezialgebieten Gletscher, Permafrost, Klimafolgen und Naturgefahren im Hochgebirge.
 
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