Reinhold Messner – Der Hüter der Berge

Reinhold Messner – Der Hüter der Berge. „Das Glück passiert in den Momenten, in denen wir etwas tun“

Reinhold Messner „Das Glück passiert in den Momenten, in denen wir etwas tun“ © Foto: Heinrich Hülser

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Wie ist es, mit Reinhold Messner zu wandern? Wir haben es ausprobiert. Und ausreichend Atem gehabt, um uns mit der Bergsteiger-Legende aus Südtirol über Nachhaltigkeit und Fehlentwicklungen in den Alpen zu unterhalten (ALPS Magazine #31 4/2016 Review)

Gleich am Anfang ist es eigentlich schon vorbei. „Während wir wandern“, sagt Reinhold Messner, „sollten wir nicht großartig reden“. Es ist nicht ganz klar, ob er die Berge ungestört auf sich wirken lassen möchte oder ob er einfach keine Unterbrechung wünscht. Zweiteres liegt näher – der bekannteste Extrembergsteiger der Welt gibt auch mit seinen mittlerweile 72 Jahren gerne den Ton an. Wir haben uns auf dem Brunnenplatz in Tiers am Rosengarten verabredet, einer dieser berückenden Plätze, für die so viele nach Südtirol reisen. Als junger Mann ist Reinhold Messner natürlich in dem imposanten Bergmassiv geklettert. Und kommt offenbar immer noch gerne her.

PLÖTZLICH STEHT ER DA, einen kleinen Rucksack über der Schulter, zwei Wanderstöcke in der Hand, in dunkler, unscheinbarer Wanderbekleidung. Dabei ist Reinhold Messner in seinem Leben eines nie gewesen: unauffällig. Dann geht er los, wie er es schon tausende Male gemacht haben muss. Dass er seine Füße jahrelang für seine hohen Ziele geschunden hat, ihm 1970 nach der verhängnisvollen Expedition zum Nanga Parbat sieben Zehen amputiert werden mussten, davon merkt man nichts. Ruhig steigt er die ersten hundert Höhenmeter voran. Das auferlegte Schweigen bricht er selbst. „An schien Hund hosch do“, ruft er einem Bauern in Südtiroler Dialekt zu, der mit zwei Kindern an ihm vorbeiläuft. Das kommt ein wenig überraschend. Denn wenn Messner im Fernsehen spricht, dann redet er Hochdeutsch – oder das, was die Südtiroler darunter verstehen.

AN EINER KLEINEN KAPELLE hält er zum ersten Mal inne. Und schaut forschend zum Himmel. Die vor einer halben Stunde noch dramatisch aufgetürmten Wolken haben sich verzogen, jetzt brennt die Sonne herunter. „Das Wetter ist hier gerade ähnlich wie im Himalaya im Monsun. Irgendwo regnet es immer und wenn die Sonne durchkommt, wird es sofort heiß.“ Bevor ich die Frage einwerfen könnte, warum er das wisse, folgt schon die Antwort. „Ich bin kein Wissenschaftler, ich beobachte.“ Messner, der Beobachter, hat im Lauf seines Lebens mit ansehen müssen, dass sich in den Alpen nicht nur das Klima verändert hat. „Bis vor 250 Jahren stieg der Mensch nicht weiter hinauf, als es notwendig war. Mit dem Alpinismus begann das gewerbsmäßige Überschreiten der Baumgrenze und der Tourismus setzte ein. Das hat die Alpen nachhaltig verändert.“ Jetzt geht es ihm, der an der Entwicklung ja auch einen Anteil hat, eher darum, die Landschaft zu erhalten.

Reinhold Messner – Der Hüter der Berge. „Unsere Fantasie ist nicht so stark wie die Realität“

Reinhold Messner „Unsere Fantasie ist nicht so stark wie die Realität“ © Foto: Heinrich Hülser

DER EINST RASTLOSE – „In meiner aktivsten Phase reiste ich pro Jahr zu drei, vier Achttausendern, wieder zurück daheim habe ich schnell ein Buch geschrieben und bin wieder aufgebrochen“ – nutzt seine Energie seit geraumer Zeit für nachhaltige Projekte in den Alpen. Für seine sechs Museen zum Beispiel, die er mit der Eröffnung des von Zaha Hadid entworfenen MMM Corones auf dem Kronplatz im vergangenen Jahr gekrönt hat. Natürlich ist er dafür kritisiert worden. Dass ausgerechnet er, der doch dafür eintritt, dass der Mensch die Alpen oberhalb der Waldgrenze nicht antasten sollte, um dort noch zu bewahren, was andernorts bereits verloren ist, sein Paradigma verletzt hat. Er schmettert den Angriff ab: „Auf diesem Skiberg war ja alles schon da. Und gerade weil er exponiert ist, haben wir einen Großteil des Museums in die Erde gebaut. Ich habe dort nicht in die Naturlandschaft eingegriffen.“

Reinhold Messner, der Geschichtenerzähler, ist um eine Antwort nie verlegen. Auch wenn er abschweift, kommt er auf die Ausgangsfrage zurück. Er sagt, was er denkt und scheint gut damit leben zu können, dass er gerade deshalb bei vielen im Land aneckt. Im Juni fand in Südtirol ein Referendum über die Zukunft des Bozner Flughafens statt. Messner setzte sich klar für einen Ausbau der bestehenden Struktur ein. Die Gegenseite gewann, haushoch. Ärgert ihn das? Nein, „nur die Art und Weise, wie in Südtirol so ein Thema diskutiert wird.“

WIR KOMMEN AN EINER LICHTUNG AN. Mess­ner lässt sich auf einem Stein nieder. Hinter ihm erheben sich die Vajolet-Türme, die ihre Farbe so schön klischeehaft verändern können und ihn jetzt in eine Kulisse wie aus einem Film mit Luis Trenker rahmen. Messner nimmt einen Schluck Rotwein, beißt in die herzhafte Jause und wirkt in dem Moment so normal, wie man es ihm inzwischen zugestehen will. Er ist eben schon lange nicht mehr der Extrembergsteiger, der in Büchern und Vorträgen von seinen Abenteuern erzählt. Aber was ist er dann? Der Hüter der Alpen?

Es ist nicht zu erkennen, dass er sich in dieser Rolle unwohl fühlen würde. Er hat früh auf Fehlentwicklungen aufmerksam gemacht. Welche das sind? Da muss er, wie immer, nicht lange überlegen. „Die Peripherie hat sich entvölkert, der ganze südliche Teil der Alpen, außer Südtirol, ist verödet. Im Belluno stehen ganze Dörfer leer. Uns fehlen die Bauern, die die Almen bewirtschaften. Wir haben zu viele Ferienwohnungen an Städter verkauft. Unsere Landschaft ist zu verbaut, das lässt sich nicht mehr ändern. Wir haben nicht alles falsch gemacht, aber wir haben auch nicht viel richtig gemacht.“ Er sagt das ohne Groll. Was soll er sich aufregen über einen Zustand, der nicht mehr zu ändern ist. Lieber will er zu jenen gehören, die aufzeigen können, wie man es in Zukunft besser machen kann.

Aber wehe, die Städter reden den Bergmenschen rein! Über das EU-Konstrukt der Makroregion Alpen kann er deshalb nur den Kopf schütteln. Weil es jenen erlauben würde zu entscheiden, die von Berglandschaft keine Ahnung haben. Sagt er. „Diese Menschen haben nur eine romantische Vorstellung. Wir wissen wie es geht. Unser Land gehört ihnen nicht, es gehört uns.“ Sagt er und wandert weiter.

ÖKOLOGISCH NACHHALTIG leben, noch so ein Anliegen von ihm. Und wo folgt er diesem Prinzip? Bei dieser Frage wird er richtig gehend redselig. „Mit meinen Museen habe ich Orte der Entschleunigung, der Ruhe und Stille geschaffen. Ich habe den Tourismus kulturell unterfüttert, eine Bio-Hof von null aufgebaut und betreibe mit 80 Bauern einen Laden.“ Gerne und oft betont er, auch an diesem Tag, seine Vorreiterrolle in Umweltgedanken und unternehmerischer Weitsicht. Die Museen, deren Verwaltung ab dem nächsten Jahr seine Tochter Magdalena übernehmen wird, tragen sich selbst. Messner bekommt für die Ausstellungen keine Subventionen von der öffentlichen Hand. Dass er den Ausbau der monumentalen Räumlichkeiten nicht selbst finanzieren musste, erwähnt er nicht.

Reinhold Messner – Der Hüter der Berge. „Wir Alpenbewohner haben nicht viel richtig gemacht“

Reinhold Messner „Wir Alpenbewohner haben nicht viel richtig gemacht“ © Foto: Heinrich Hülser

VIELE SEINER BÜCHER SIND BESTSELLER. Über Jahre kam kaum ein Bergbuch von anderen Autoren ohne sein Vorwort aus. Gerade erst ist sein neues Buch „m4 Mountains – Die vierte Dimension“ erschienen. Es präsentiert die Berge dieser Welt in nie zuvor gesehen Bildern. Das entspricht Messner, der überraschen, sich nicht festlegen lassen will. Und der vor allem nicht stillhalten kann. In den nächsten Jahren will er Filme machen, die auf wahren Begebenheiten basieren. „Unsere Fantasie ist nicht so stark wie die Realität.“

Das bringt mich zu meiner letzten Frage. Es geht um Ötzi, es ist schließlich soeben ein Vierteljahrhundert vergangen, dass der Mann aus dem Eis an einem Septembertag unversehens aus dem Similaungletscher auftauchte. Reinhold Messner war gerade mit Hans Kammerlander, dem anderen Extrembergsteiger aus Südtirol, unterwegs und kam zufällig an der Fundstelle vorbei. Ihm sei damals sofort klar gewesen, dass das keine gewöhnliche Gletscherleiche sein konnte. „Die Bergwacht meinte noch, hier wird gerade niemand vermisst“, sagt er und lacht so herzhaft, dass er in diesem Moment fast wie ein Schuljunge wirkt. Ein Autor stellte nur kurze Zeit später die These auf, Messner hätte wohl eine Mumie aus Ägypten nach Südtirol bringen und im Eis vergraben lassen, um die Sensation zu schaffen. Und wie sieht er das heute? „Das Glück passiert in den Momenten, in denen wir etwas tun. Glück kann man nicht jagen und erhaschen.“

Damit ist genug gesagt. Wir sind am Ziel. Aus dem Aktivisten und Ex-Extrembergsteiger wird wieder der unscheinbare Mann mit den Wanderstöcken. Möglicherweise eine Altersrolle.

Wandern auf Messners Spuren
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Web: www.cyprianerhof.com