Seefeld – Wer hat´s erfunden? Mein Großvater

Seefeld – Wer hat´s erfunden? Mein Großvater. Schöner als der Himalaya: das Karwendelgebirge vom Seefelder Joch aus gesehen

Schöner als der Himalaya: das Karwendelgebirge vom Seefelder Joch aus gesehen © Foto: Stephanie Füssenich

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Er hat den Skisport in Seefeld berühmt gemacht: Toni Seelos, Weltmeister und Erfinder des Parallelschwungs. Sein Enkel Werner unterrichtet diese Technik immer noch – und wünscht sich, dass manches beim Alten bleibt

Seefeld, im Winter 2016. Die Sonne strahlt mit dem Blau des Himmels um die Wette, schneebedeckte Gipfel heben sich sanft gegen den Horizont ab wie die Spitzen von Zuckerwatte. Der Blick reicht von Karwendel über Inntal bis zum Seefelder Hochplateau, von der markanten Hohen Munde bis zur Zugspitze. „Weltklasse“, sagt Skilehrer Werner Seelos und stützt sich auf das Geländer der Aussichtsplattform auf dem Seefelder Joch. „Dieser Ausblick hat für mich Weltklasse. Auch der Himalaya kann da nicht mithalten.“ Eine Schautafel erklärt, welche Gipfel zu sehen sind: Seefelder Spitze, Härmelekopf, Reither Spitze. Rechts von Werner steigen Skifahrer aus der Seilbahn, schnallen ihre Ski unter und kurven in teils geübten, teils ungeübten Schwüngen die schwarze Piste zur Rosshütte hinab. Ein paar Skitouren-Geher laufen an Werner vorbei auf einem schmalen Grat Richtung Seefelder Spitze.

Seefeld – Wer hat´s erfunden? Mein Großvater. Pionier: Werner Seelos, der noch vor seinem Großvater das Seefelder Joch hinab fuhr

Pionier: Werner Seelos, der noch vor seinem Großvater das Seefelder Joch hinab fuhr © Foto: Stephanie Füssenich

Die Seilbahn ist schon in die Jahre gekommen, aber Werner – Schnauzbart, grau meliertes Haar und rote Jacke – kennt den Berg noch aus der Zeit, als noch gar kein Lift heraufführte. Er war es auch, der als Erster die Abfahrt gewagt hat, quer durchs Gelände. „Mit dem Hubschrauber bin ich zuerst drübergeflogen, habe die Felsen abgezählt und mir gemerkt, wo ich abbiegen muss“, sagt er und lacht. „Danach habe ich zu Großvater gesagt: ‚Ich bin grad das Seefelder Joch runtergefahren.‘ Der antwortete bloß: ‚Aber das hat ja noch nie einer gemacht!’“

In der guten Zeit sei das gewesen, sagt Werner und meint damit: als noch ordentlich Schnee fiel zwischen November und März. In der besten Zeit, da habe die Schischule Seefeld, die er heute stellvertretend leitet, 170 Lehrer beschäftigt. Heute seien es noch zwischen 70 und 90. Natürlich habe es immer schon Jahre ohne Schnee gegeben. 1964 etwa, als er als kleiner Junge erlebte, dass Soldaten Schnee im Rucksack aus Axamer Lizum holten. Weil da Olympiade war in Seefeld, und eine Olympiade ohne Schnee, das geht nun wirklich nicht. Aber zum Abschluss der Spiele, am 9. Februar, da schneite es dann. Heute verlassen sich die Seefelder auf die Kraft der Schneekanonen.

Seefeld – Wer hat´s erfunden? Mein Großvater. Dienstbar: 1958 gebaut, bringt die nostalgische Pendelbahn Wintersportler und Wanderer noch immer sicher zum Gipfel

Dienstbar: 1958 gebaut, bringt die nostalgische Pendelbahn Wintersportler und Wanderer noch immer sicher zum Gipfel © Foto: Stephanie Füssenich

„Sonst könntest du im März ja nicht mehr fahren“, sagt Werner Seelos und steigt auf seine Skier. Er nimmt die Abfahrt bis ins Tal, vorbei an der Rosshütte an der Mittelstation, unter der blauroten Standseilbahn hindurch. Mit dem Auto geht es zurück zum Geigenbühel, wo Schüler der Schischule Seefeld den Parallelschwung erlernen sollen. Den alten Schlepplift hat sein Großvater bauen lassen, als den ersten im Ort. Überhaupt, der Großvater: Toni Seelos. Ein legendärer Skifahrer. Wenn man so will, dann hat er den Seefeldern den Sport geschenkt. Nicht nur weil er den ersten Lift betreibt, als Rennfahrer viermal Weltmeister wird und den Nachwuchs trainiert. Sondern weil er die Art und Weise erfindet, wie wir bis heute bergab fahren: im Parallelschwung um die Kurve. Toni Seelos verändert die Gesetze des Skilaufs für immer.

Seefeld – Wer hat´s erfunden? Mein Großvater. Erbstück: Den Lift am Geigenbühel hat Werner von seinem Großvater übernommen; die Einstiegshelfer sind für ihn unverzichtbar

Erbstück: Den Lift am Geigenbühel hat Werner von seinem Großvater übernommen; die Einstiegshelfer sind für ihn unverzichtbar © Foto: Stephanie Füssenich

Geboren 1911 in Seefeld als Anton Seelos, holt der junge Skirennläufer Silber bei der Ski-WM in Mürren in der Schweiz. Da ist er 20 Jahre alt. Tonis Bruder Johann, erzählt der Enkel heute, wäre vielleicht noch ein noch besserer Rennläufer geworden. Doch Johann stirbt im Krieg in Jugoslawien. 1933 holt Toni die Goldmedaille im Slalom und siegt auch in der Kombination. 1935 gibt es nochmal Gold bei der WM in Mürren, 1936 trainiert er die deutsche Nationalmannschaft, gilt dadurch als Profi und darf deshalb nicht am Rennen in Garmisch teilnehmen. Er startet aber als Vorläufer – und ist deutlich schneller als der Olympiasieger. Nach dem Krieg fährt er noch einige Rennen, trainiert den Österreichischen Sportverband und leitet bis 1981 die Skischule Seefeld. 2006 stirbt er mit 95 Jahren. Im Ort ist inzwischen die Ski-Sprung-Schanze nach ihm benannt. Aber das ist nicht das Einzige, das bleibt.

Sein Enkel Werner zieht ein paar Schwünge auf der blauen Piste des Geigenbühels, dann bleibt er stehen und malt mit seinem Skistock Kurven in den weichen Schnee. „Früher“, erklärt er, „da fuhr jeder nach der Arlberg-Technik: parallel auf die Kurve zu, Stockeinsatz, ausstemmen und rum um die Kurve. Auch die Rennfahrer machten das so.“ Großvater Toni, sagt Werner, sei dann auf die Idee gekommen, einfach um die Kurve zu springen. Die Fähnchen, die die Tore beim Rennen markierten, seien damals noch viel niedriger gewesen, reichten höchstens bis zum Knie. Also stecke Toni Seelos Weidenruten in den Schnee, sprang beim Stockeinsatz drüber und drehte die Ski in der Luft – die Geburtsstunde des Parallelschwungs, bei dem wir heute zwar nicht mehr springen, aber die Ski durch Gewichtsverlagerung parallel drehen. „Dadurch wurde er um viele Sekunden schneller als die Mitbewerber.“ Schon in der frühen 30er-Jahren nutzt Seelos die neue Technik und gibt sie später als Trainer an die deutsche und die französische Nationalmannschaft weiter.

Seefeld – Wer hat´s erfunden? Mein Großvater. Enkel Werner mit einer Kundin bei seiner heutigen Arbeit als Skilehrer

Generationen auf Skiern Enkel Werner mit einer Kundin bei seiner heutigen Arbeit als Skilehrer © Foto: Stephanie Füssenich

Zurück in der Gegenwart. Werner weiß, dass sich vieles geändert hat, seit er sich als Dreijähriger am Anorak seines Großvaters festhielt, während der seine Skilehrer beaufsichtigte. Er hängt dennoch an den alten Zeiten. Am Fuß des Geigenbühels reiht er sich in die Schlange des Lifts ein und lässt sich den Bügel reichen. Als einer der wenigen Liftbetreiber heutzutage bezahlt er einen Einstiegshelfer. „Das mag altmodisch sein. Aber ich mag’s.“ Dass das Skifahren heute nicht mehr die erste Freizeitbeschäftigung ist, auch nicht bei den Seefelder Kindern, findet er naturgemäß schade. Seine ehemaligen Schüler wüssten heute noch, dass er ihr Lehrer war – und schickten ihre Kinder in die gleiche Schule. Überhaupt sei Seefeld das perfekte Gebiet für Einsteiger. „Mit den rasanten Abfahrten des Arlbergs kann die Region nicht mithalten. Aber für Familien, die eine Woche im Jahr zum Skifahren gehen, ist Seefeld Weltklasse. Das traue ich mich zu sagen“, sagt Werner.

Er selbst stand mit 18 Monaten zum ersten Mal auf Skiern, als er gerade Laufen konnte. Ein Rennläufer ist aus ihm aber nicht geworden. „Dafür fehlte mir der Killerinstinkt“, sagt er. Vielleicht auch die Lust am Risiko. „Ich bin lieber gesund, habe ich mir immer gesagt.“ Skilehrer ist er seit 1973, in der Sommersaison arbeitete er 35 Jahre lang als Direktor des Golfclubs. Heute genießt er seine freie Zeit, in der er mit seiner Frau lange Reisen unternimmt. Seinen Großvater aber, den bewundert er heute noch. „Auch als Mensch würde er von mir die Goldmedaille bekommen“, sagt Werner, stößt sich mit den Stöcken ab und wedelt den Hang hinab.

Gut zu wissen
Schischule Seefeld, Münchner Straße 142, A-6100 Seefeld, T. +43/(0)5212/2412, www.ski-seefeld.at
Seefeld – Wer hat´s erfunden? Mein Großvater. Generationen auf Skiern: Berühmt wurde der vierfache Skiweltmeister Anton Seelos für die Entwicklung des Parallelschwungs. Bis 1981 leitete Toni Seelos die Skischule seines Heimatortes

Generationen auf Skiern Berühmt wurde der vierfache Skiweltmeister Anton Seelos für die Entwicklung des Parallelschwungs. Bis 1981 leitete Toni Seelos die Skischule seines Heimatortes

Seefeld – Wer hat´s erfunden? Mein Großvater. Seefeld 1939: Skifahren wurde auch ohne Lift und präparierte Pisten zum Volkssport. Von Anfang an dabei war Toni Seelos, der den Sport in der Tiroler Ferienregion beliebt machte

Seefeld 1939 Skifahren wurde auch ohne Lift und präparierte Pisten zum Volkssport. Von Anfang an dabei war Toni Seelos, der den Sport in der Tiroler Ferienregion beliebt machte