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Eigene Ski bauen im Workshop: Handgemachte Maßski zwischen Holz, Handwerk und Herzblut

Detailansicht des Schichtaufbaus handgemachter Ski mit Holzkern, Faserlagen, Belag und Epoxidharz vor dem Pressen.

Eine Werkstatt, scharfe Stahlkanten und ein Wochenende voller Zweifel: Unsere Autorin wagt sich an den Bau ihrer eigenen Ski – und lernt dabei mehr als nur ein neues Handwerk. © Fotos Stefan Pabst

Um sich ein eigenes Paar Skier zu bauen, braucht es Fantasie und Mut. Und die Erfahrung von Profis. Unsere Autorin hat einen Workshop bei Build to Ride besucht – und dabei spannende Dinge über Holz, Teamgeist und sich selbst gelernt

Eigene Ski bauen: Ein Workshop zwischen Alpenidylle und Werkbank

Schon die Sache mit den Kanten habe ich unterschätzt. Bei Seminarleiter Axel sieht es ganz einfach aus, als er sie mit beiden Händen langsam in Skispitzenform bringt, als wären sie aus Gummi. „Dabei wird uns warm“, hatte er versprochen. „Mehr sag ich dazu nicht.“ Mir springen die dünnen, scharfen Metallteile wie Katzen fast ins Gesicht, statt sich geschmeidig um die Krümmung des vorgeschnittenen Belags zu legen. Autsch, denke ich. Das geht ja gut los. Ob ich handwerklich geschickt genug bin, um an einem einzigen Wochenende meine eigenen Ski zu bauen, da war ich von vornherein skeptisch. „Sie brauchen keinerlei handwerkliche Erfahrungen oder Vorkenntnisse“, heißt es auf der Homepage von Build to Ride. Also buchte ich den Workshop.

Collage aus einem Skibau-Workshop mit Detailaufnahmen von Kanten, Materialien, Werkstattarbeit und ersten Arbeitsschritten beim Bau handgemachter Ski.

– 1-5 Drucksache: Teilnehmer und Skier werden durchnummeriert – damit es keine Verwechslungen gibt. Das Logo von Build to Ride ist fast so einzigartig wie die Designs der Skier, die ein Laserdrucker in die Holzoberfläche brennt. – 6 & 7 Chefsache: Jeldrik und Axel sind für Expertenwissen und flüssiges Kunstharz zuständig.

Skibau ohne Vorkenntnisse – geht das wirklich?

Und das habe ich jetzt davon: Statt beim Wellness in einem der umliegenden Lifestyle-Hotels zu entspannen, stehe ich an einem eisigen Samstagmorgen kurz nach Allerheiligen in einer zugigen Werkstatt im oberbayerischen Farchant. Ich und sieben Männer, fast wie im Märchen. Hinterm Haus weiden Kühe, ein Bach plätschert, die Dorfstraße ist leer. Vom Geschlechterverhältnis abgesehen, ist unsere Gruppe bunt gemischt, vom Soldaten über den CEO bis zum Fußballtrainer sind die unterschiedlichsten Berufe vertreten. Eins haben wir gemeinsam: Unsere Welt sind die Berge, Skier oder Snowboard sind die Bretter, die für uns die Welt bedeuten. Man verzeihe mir den Kalauer.

Meine Beziehung zum Handwerk: kompliziert

Das Handwerk und ich, wir haben eine weniger herzliche Beziehung. In meiner Studentinnenbude schraubte ich einst regelmäßig unter Tränen Ikeamöbel falsch zusammen. Sägen, hobeln, Kanten schleifen ist eher nicht so meins. Sämtliche Renovierungsarbeiten zu Hause überlasse ich lieber den Profis. Aus gutem Grund. Unter Anleitung habe ich mal eine kleine Harfe gebaut, Hochbeete mit Schutzlasur bestrichen oder Gartenstühle abgeschliffen. Groß schief gehen konnte dabei nichts. Im Skibauseminar von Build to Ride verlangt man mehr von mir: Eschenholzkern, Faserverbundstoffe, Furnier, das sind die Bausteine, die ich an diesem Wochenende zusammensetzen werde, ganz wörtlich genommen. Unter Einsatz von hochgiftigem Epoxidharz, atmosphärischem Druck und meines Lebens. So kommt es mir zumindest vor, als ich am zweiten Tag Gehörschutz und Schutzbrille aufsetze und das erste Mal mit der Stichsäge hantiere.

Collage zeigt den Schichtaufbau, das Pressen, Designarbeiten und die Dokumentation beim Bau individueller Ski in einer Werkstatt.

– 1-3 Schicht für Schicht zum Schneespaß: Alle Elemente werden aufeinandergelegt, mit Kunstharz getränkt – und wie Baguettes auf Blechen in den Ofen geschoben. – 4 Raus aus der Komfortzone: Unsere Autorin wagt sich an die Stichsäge. – 5 Traumkombi: Leoprint & Pink. – 6 Seitenweise Sonderwünsche auf der Teilnehmerliste: jeder Ski ein Unikat.

Holz, Harz und Stahlkanten: So entstehen handgemachte Ski

„Du musst es einfach probieren“, sagt Axel Forelle, 38, Ex-Skirennläufer und Geschäftsführer von Build to Ride. Er scheint mir zu vertrauen – reiner Leichtsinn. Mein fertig laminiertes Skipaket liegt auf zwei Böcken, Mitstreiter Max und Michael halten es fest, während ich die Säge an den messerscharfen Stahlkanten entlangführe. Wie ein junger Hund schert sie immer wieder aus. Axel verschwindet derweil nebenan, zum Kantenschleifen mit Kollege Jeldrik.

Trotz einstelliger Temperatur in der Werkstatt wird mir jetzt richtig warm. Ist das der Angstschweiß oder steigt mir meine neu entdeckte Superkraft zu Kopf? Meine Skier habe ich 1A ausgeschnitten, findet Axel und haut mir so herzhaft auf die Schulter, dass ich fast vornüberkippe. Das Lob geht runter wie Öl, auch wenn ich ahne, dass er damit eigentlich nur mein Selbstbewusstsein aufbauen will. Egal, Hauptsache ist: Mein ganz persönliches Paar Ski hat Form angenommen.

Maßgefertigte Ski statt Massenware

Gestern noch ein kompakter Block, sind jetzt zwei schlanke Bretter mit Idealmaßen draus geworden: 155 Zentimeter lang, in der Mitte 68 Millimeter dick, 12 Zentimeter breite Schaufel. Massiver Echtholzkern, Eschenfurnier mit Leoprint, Stoßschutz in Pink. Maßgefertigt und handgemacht – von mir. Was Ahnungslose als Marke Eigenbau bezeichnen, nimmt eine völlig neue Bedeutung an.

Nach 15 Jahren Berufserfahrung und mehr als 8000 handgemachten Skiern („alles Protoypen“) – ist sich Axel sicher: „Es funktioniert, was wir hier treiben.“ Um die 1000 Euro kostet der Workshop inklusive Material und fertiger Skier am Ende, Sonderwünsche oder Bindung werden vor Ort extra abgerechnet. Einen Ski fürs Leben fertigt man bei Build to Ride, könnte man meinen. Tatsächlich erzählt Axel von Stammkunden, die jedes Jahr für die ganze Familie neue Skier bauen. Und das seit zehn Jahren.

Collage aus einem Skibau-Workshop mit Teilnehmern, Werkstattatmosphäre, Designarbeiten und fertigen handgemachten Ski.

– 1 & 2 Autorin Sandra Michel beim Schleifen und Lackieren. – 3  Die Biege machen: Axel Forelle, Geschäftsführer und Gründer von Build to Rde. – 4 & 5 Der große Moment, wenn vier Paar Skier und zwei Snowboards aus dem Ofen kommen – und fertig an der Wand stehen. Fehlt nur noch die Bindung.

Teamgeist in der Werkstatt: Warum Skibau auch Teambuilding ist

Heute ist jeder von uns zum ersten Mal da. Ich komme aus München, die anderen sind aus der Pfalz, aus Ulm oder Würzburg angereist. Zu sehen, wie aus wenig Material und Werkzeug ein Ski entsteht, ist ein Erlebnis für sich. „Wir bauen einen Spannungsbogen“, sagt Axel. Damit jeder mit einem Board oder einem paar Ski nach Hause fahren kann, darf nichts schief gehen. Keine Verletzungen, kein Stromausfall, keine Pannen.

So liegt zwei Tage lang eine leise Grundnervosität über uns – wie die federleichte Schneeschicht draußen auf den Gipfeln des Wettersteingebirges, die sich von der Alpspitze über den Waxenstein bis rauf zur Zugspitze ausbreitet. Axel sorgt dafür, dass die Stimmung gut bleibt: Beim Schleifen dröhnt Heavy Metal aus den Boxen, nachmittags gibt es Après-Ski-Sound. Immer wieder zu hören: das satte Ploppen von Flaschen mit Bügelverschluss. Abends wird der Getränkekühlschrank aufgefüllt.

Eine Nacht im Ofen: Wenn Schichten verschmelzen

Den wichtigsten Job übernimmt über Nacht der Ofen. Bei moderaten 80 Grad und atmosphärischem – mörderischem – Druck verschmelzen die einzelnen Elemente der Skier, die wir wie eine Lasagne übereinander geschichtet haben. Gar nicht schlecht, was uns bisher gelungen ist: fluchend die Kanten gebogen und mit Sekundenkleber am Belag fixiert, Glasfaser geschnitten, Carbon, Faser, Stoßschutz, Holzkern und Furnier millimetergenau übereinandergelegt, Schicht für Schicht sorgfältig mit Epoxidharz getränkt. Ein Fleece obendrauf, dann ab in den Vakuumsack – alles schaffen wir gemeinsam, zu zweit arbeiten wir jeweils an einem Paar Ski oder einem Snowboard. Ich lache nervös, als Axel erklärt: Wenn einer von uns ein Loch in seinen Sack reißt, „werden auch alle anderen Skier nix“. Die Begründung habe ich vergessen – die Sorgfalt, mit der wir arbeiten, nicht. Kein Zufall, dass Build to Ride auch Teambuilding für Unternehmen anbietet.

Design auf dem Ski: Persönlichkeit, Lasergravur und Leoprint

Beeindruckend ist die Hingabe, mit der die anderen Teilnehmer die Oberfläche, teils sogar die Unterseite ihrer Skier oder Boards gestalten. Mein Favorit ist Saschas Modell. Ins helle Holzfurnier hat der Laserdrucker einen Adler gebrannt. Auf der rechten Hälfte ist das Schwanzgefieder des Südtiroler Vogels zu sehen, links der Kopf des Tiroler Adlers. Sascha hat Familie in beiden Ländern; der untere Teil der Skier ist für das Familienwappen reserviert.

Nach all dem symbolischen Ernst fühle ich mich ein bisschen underdressed: kein Wappen, kein Adler, kein Familienerbe. Ich hätte einfach blankes Furnier gewählt – neutral, dachte ich. Doch Axel lässt nicht locker. Als er nach meinem Lieblingsdesign fragt, gestehe ich: Auch auf meinen Skiern hätte ich gern Leoprint – wie auf meinen Taschen und Blusen.

Collage mit letzten Arbeitsschritten im Skibau wie Bindungsmontage, Schleifen, Kantenbearbeitung und Detailansichten fertiger Ski.

– 6-9 Bereit für eine feste Bindung: In der Skischule Garmisch-Partenkirchen bekommen die Skier Marke Eigenbau den letzten Schliff, Diamantenmuster im Belag inklusive. – 10 Kosten für zwei Tage Workshop inklusive Material: etwa 1000 Euro. Das Gefühl, die fertigen Bretter in der Hand zu halten: unbezahlbar.

Zwischen Zweifel und Stolz: Entscheidungen unter Zeitdruck

Dann geht alles ganz schnell: kurz gegoogelt, einen Screenshot eines schönen Musters gemacht, ins Bildprogramm geladen – und schon legt der Laserdrucker los. Nach zwanzig Minuten prangt eine herrliche Fellzeichnung auf dem Eschenfurnier.

Die anderen Teilnehmer haben sich ähnlich detailliert vorbereitet wie Sascha, wochenlang nach der idealen Schrift für ihr persönliches Motto gesucht oder Fotos für die Unterseite des Skis zusammengestellt. An diesem Wochenende werden einige Last-Minute-Entscheidungen getroffen – und wieder verworfen. Ähnlich schwer muss die Entscheidung für ein Tattoo fallen.

Wenn Denken Pause macht und die Hände übernehmen

Die eigene Persönlichkeit aufs Brett zu bannen, ist nicht nur physikalisch unmöglich. Für mich ist Identität etwas Lebendiges, das sich ständig verändert. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass ich mich einmal freiwillig in eine Werkstatt stelle?

Während ich darüber nachdenke, ob man Charakter und Vita auf ein Stück Holz bannen kann, wird mir etwas ganz anderes klar. Sobald die nächste Schicht Harz angerührt ist oder die Kante nachgezogen werden muss, zählt nur noch, was wir tun. Vielleicht ist das der Punkt, an dem echtes Handwerk beginnt. Am Ende ist es erstaunlich befreiend, wenn das Denken kurz Pause hat und die Hände übernehmen – eine durch und durch analoge Erfahrung. Bevor ich jetzt zu philosophisch werde, schickt mich Axel schon los, die Kabeltrommel zu holen. Sobald das Skipaket im Vakuumsack liegt, wird dieser mit einem Schweißgerät versiegelt. Flach und kompakt wie eine riesige Packung Südtiroler Speck – so liegen die Schichten jetzt darin, bereit für die Nacht im Ofen.

Vom Juristen zum Skibauer: Axels Weg

Axel selbst hat nach einem Jurastudium den Sprung von Schreibtisch und Rechner ins Freie gewagt. Von Oktober bis Mai steht er jedes Wochenende in der Werkstatt, wochentags auf Skiern. Rein beruflich, versteht sich. „Wenn du wissen willst, was ein Ski kann, musst du ihn unter widrigen Bedingungen testen“, sagt er. Ob Neuschnee oder Buckelpiste, meistens versucht er, den passenden Ski aus seinem riesigen Fundus zu fischen. Manchmal sucht er sich aber auch absichtlich den falschen raus. Dann lernt er am meisten. Mit dem Rennski geht es in den Sulz oder mit Freeridern auf die Weltcup-Strecke, nur um zu spüren, was das Gerät aushält. „Und das ist viel. Bis mir das Ding um die Ohren fliegt.“

Teilnehmer eines Skibau-Workshops richten Stahlkanten auf einem Holztisch aus und bereiten den Belag für handgemachte Ski vor.

Klare Kante zeigen: Axel Forelle (l.) erklärt, worauf es ankommt, wenn die Stahlkanten am Belag fixiert werden.

Sein Lieblingsski? Einer der ersten, den er gebaut hat. „Bockhart, sauschwer, super aggressiv zu fahren“, sagt er. Monstermäßig anstrengend, aber unheimlich präzise. „Den würde ich nie hergeben.“ Das Design ist gewöhnungsbedürftig, ein rotes Muster, das an Schlangenhaut erinnert. Mein Leoprint hat dagegen echte Klasse. „Wie mein Ski ausschaut, ist mir völlig wurscht“, sagt Axel.

Vorspannung, Rocker und die perfekte Krümmung

Aus technischer Sicht spielen Äußerlichkeiten keine Rolle, jetzt geht es an den Kern der Sache. Um Vorspannung und die perfekte Krümmung der Bretter. Faustregel: Je stärker die Vorspannung, desto sportlicher fährt es sich. Für Auftrieb im Tiefschnee sorgt dagegen der so genannte Rocker, auch ein Spannungsverhältnis, aber in die andere Richtung. Was ich mir wünsche: die Familienkutsche unter den Skiern – morgens, wenn die Kinder im Skikurs sind, über die frisch präparierten schwarzen Piste carven, nachmittags gemeinsam durch den Sulz gleiten. „Alles möglich“, versichert Axel, von Tourenski bis Race Carver könne ein Ski von Build to Ride in sämtlichen Einsatzgebieten brillieren.

Couture für die Piste: Ein Sportgerät nach Maß

Wir bauen uns hier also nicht nur ein schönes Paar Ski, sondern auch ein funktionales Sportgerät – maßgefertigt für die individuellen Bedürfnisse. Couture für die Piste, das schafft kein Modell von der Stange.

Ich bin inzwischen schwer beeindruckt davon, wie souverän Jeldrik und Axel uns durch den Workshop begleiten. Wie beim Cruisen durch frischen Pulverschnee führen sie uns Schritt für Schritt durch die einzelnen Arbeitsschritte. Zwischendurch geht es auch mal auf vereiste Nordhänge (Stichsäge! Epoxidharz!). Das kostet Kraft und Überwindung, saubere Technik belohnt uns aber mit einem makellosen Ergebnis.

Der letzte Schliff: Vom Rohling zur Piste

Und was für Schönheiten meine Skier geworden sind. Für den letzten Schliff sorgt ein Ski-Service-Automat in der Skischule Garmisch-Partenkirchen. Der Chef persönlich montiert eine nigelnagelneue Bindung, frisch gewachst nehme ich sie in Empfang. Wie sich meine Leoski auf der Piste verhalten werden, wird sich zeigen. Was ich jetzt schon weiß: Ich und das Handwerk, da wird doch noch Liebe draus.

Als ich ins Freie trete, riecht es nach Schnee.

Gut zu Wissen

build 2 ride GmbH

Heubergweg 15
82490 Farchant

Workshops und Seminare für Skibau, Snowboardbau, Splitboardbau und Teambuilding. Ab 690 Euro für Grundmaterial zur Erstellung der Sportgeräte inkl. 2-tägigem Workshop unter fachkundiger Anleitung. Zusatzkosten entstehen durch die individuelle Designwahl, die zusätzlich wählbaren technischen Komponenten und die Bindungswahl.

www.build2ride.com