Faszinosum Ortler

Hans Kammerlander über den höchsten Berg seiner Heimat Südtirol – den Ortler

Der König von Südtirol: Der Ortler von der Schaubachhütte aus gesehen. © Fotos: Hans Kammerlander

Hans Kammerlander über den höchsten Berg seiner Heimat Südtirol, der ihn gelehrt hat, was Verantwortung heißt

Als ich als junger Bergsteiger anfing, meine Heimat himmelwärts zu erkunden, war er ein frühes Sehnsuchtsziel: der Ortler. 3905 Meter hoch, imposant in seiner Gestalt, von Gamsjäger und Bergführer Josef Pichler 1804 zum ersten Mal bestiegen. König, Riese und Monarch sind drei weitere vielsagende Namen, unter denen er firmiert. Fasziniert hat mich an ihm vor allem eines: die 1400 Meter hohe Nordwand.

Sie ist die höchste Eiswand der gesamten Ostalpen, auch wenn der Fels nun an immer mehr Stellen durchblitzt. Ich war gerade 18 Jahre alt, als ich mit meinem Freund Werner Beikircher beschloss, sie zu durchsteigen. Zu der Zeit erlebte das Eisklettern einen Boom, und für mich war es an der Zeit, meinen Radius zu erweitern. Im östlichen Teil von Südtirol gab es für mich keine vergleichbare Herausforderung mehr. Wir stiegen nachts in die Wand ein und erreichten den Gipfel mit der Freude, wie sie einem nur die Jugend schenken kann.

Die Bergführerprüfung abzulegen war längst ein festes Ziel. Ich wusste, dass ich schwierige Touren vorweisen müsste, um überhaupt antreten zu dürfen. Da kam mir der Ortler gerade recht. Als Bergführer kehrte ich schließlich auch zum Berg zurück. Ich arbeitete damals in der Alpinschule von Reinhold Messner und hatte zwei Kunden auf den Gipfel geführt. Wir waren früh Richtung Tal unterwegs. Als wir gerade einen Gletscher passierten, ging oberhalb von uns eine Eislawine ab. Einen meiner Schützlinge erwischte es, er wurde zum Glück nicht schwer verletzt. Der Bergführer, der mit seiner Gruppe hinter uns ging , und einer seiner Gäste, wurden mit einer solchen Wucht getroffen, dass sie starben. Das hat meine Art, über den Berg zu denken und zu handeln, verändert. Das Blauäugige war weg; mit einem Mal wurde mir die Verantwortung vor Augen geführt. Und dass es immer ein Restrisiko gibt.

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Ernst Reinstadler hat als Bergführer weit über tausend Mal Gäste auf den Gipfel geführt. Ich meinte mal zu ihm, so schön könne der Berg doch gar nicht sein. Aber er sagte, er blende das komplett aus. Wichtig sei, keine Routine aufkommen zu lassen. Denn Routine ist in diesem Job gefährlich. Er lebt von der Freude seiner Gäste, die er glücklich und müde nach unten bringt.

Alpinistisch hat mich der Berg lange nicht mehr interessiert. In meiner Profizeit bin ich 1991 noch einmal zurück und habe mit Hans-Peter Eisendle ein ehrgeiziges Projekt durchgezogen. Innerhalb von 24 Stunden haben wir die Nordwände von Ortler und Großer Zinne bestiegen und die 250 Kilometer lange Strecke zwischen den beiden bekanntesten Bergen Südtirols mit dem Rad zurückgelegt. An diesem Tag war der Berg ein Sportgerät, da hast du keine Zeit, dir die Landschaft anzuschauen. Es zählte einzig der Blick auf die Uhr.

Dieses Jahr war ich mit einer Gruppe in Sulden, am Fuß des Ortlers. Aber es ging nicht nach oben, wir haben eine Runde um den Berg gemacht und das Panorama genossen. Ich verstehe jeden, der einmal oben stehen möchte. Mich selbst reizt das nicht mehr. Lange Märsche durch das Eis: Davon habe ich in meinem Leben wahrlich genug gehabt. Ja, auch das habe ich an diesem Berg gelernt: Ich bin kein Typ für die Wiederholungstaste. Trotzdem hat der Ortler eine besondere Bedeutung. Als Faszinosum für Bergbegeisterte, als Wahrzeichen meiner Heimat. Und als früher Lehrmeister auf meinem Weg zu den höchsten Bergen der Welt.

Der Extrembergsteiger

Der 1956 in Südtirol geborene Extrembergsteiger gehört zu den bekanntesten seines Fachs. Er stand auf 12 Achttausendern und meisterte als Erster eine von zwei Varianten der Seven Second Summits. In jeder Ausgabe von ALPS erzählt Kammerlander eine Geschichte, die ihn besonders geprägt hat.

Web: www.kammerlander.com