Vor 20 Jahren definierte Architekt Matteo Thun mit der „Pergola“ die Südtiroler Gastfreundschaft neu. Hannes Peer gelang im angrenzenden „Spazio 46“ der Schulterschluss
Die Anfahrt mit dem Auto ist verheißungsvoll. Gerade hat man das Tal, durchzogen vom schimmernden Silberband der Etsch, verlassen, als sich die Straße hinauf Richtung Algund windet: eine Südtiroler Gemeinde, die während der Sommermonate für ihren Obst- und Weinbau bekannt ist. Nach dem Ortskern geht es unter Galerien hindurch, durchrankt von Reben, die noch kürzlich voll praller Trauben hingen. Inzwischen hat der Winter Einzug gehalten und die liebliche Landschaft mit zartem Weiß zugedeckt.
Die „Pergola“ schmiegt sich terrassiert auf drei Ebenen harmonisch in den Hang. Der Südtiroler Architekt Matteo Thun hat sie vor 20 Jahren erbaut – ungewöhnlich zu dieser Zeit mit den flachen Dächern und Fassaden aus naturbelassenem Lärchenholz: „wie Streichholzschachteln“ witzelte so manch Einheimischer, doch das ist lange her.
Karin Innerhofer war damals noch ein Teenager, kurz vor dem Absprung in die weite Welt. Ihr Vater Josef Innerhofer, ein Bozener Unternehmer, hatte Matteo Thun ins Boot geholt und so entstanden im kreativen Austausch zwölf Suiten sowie zwei Penthäuser. Während ihre Mutter Ruth als liebevolle Gastgeberin mit der „Pergola“ zusammenwuchs, verschlug es Karin nach dem Abitur zunächst nach Berlin auf die Schauspielschule, später zum Studium der Romanistik und Kommunikationswissenschaften nach Wien, Montreal, Rom und Paris. Es folgten Stationen in London und Singapur, wo sie für internationale Konzerne in der Kommunikationsabteilung arbeitete – doch im Hinterkopf weilte der Gedanke, irgendwann in die Heimat zurückzukehren. Und dann brach Corona aus. Mit dem letzten Flieger landete Karin in Innsbruck: „Über die Grenze musste ich zu Fuß,“ erinnert sie sich an diese bizarre Zeit. „Mal durften wir aufsperren, dann musste wieder geschlossen werden.“
Tage, die Karin nutzte, um das Buchungssystem zu modernisieren und Pläne über ein Rebranding zu schmieden: „Für mich war klar, sollte ich bleiben, dann ganz oder gar nicht!“
Im Nachhinein hätte der Zeitpunkt nicht besser fallen können, denn ihre Mutter Ruth wollte sich allmählich aus dem Tagesgeschäft zurückziehen. Karins Vater Josef hatte schon immer mit dem Gedanken geliebäugelt, im oberen Teil ein zweites Gebäude zu errichten – die Zeit schien nun reif. Gemeinsam suchten die beiden nach einem Architekten und entschieden sich für den Bozener Thomas Kienzl: „Die Bausituation“, erinnert sich Karin, „war recht kompliziert, weil wir es mit einer extremen Hangsituation zu tun haben. Deshalb musste auflagenbedingt eine Zyklopenmauer aus großen Gesteinsbrocken ganz ohne Mörtel errichtet werden, um das obere Gelände vor dem Abrutsch zu sichern.“
Als noch größere Herausforderung entpuppte sich allerdings die Suche nach einem geeigneten Innenarchitekten. Eine internationalen Wohnzeitschrift machte die Innerhofers auf Hannes Peer aufmerksam, einen Südtiroler, der sein Studio für Architektur und Innenarchitektur in Mailand führt und unter anderem Möbel für die renommierte Marke Minotti entwirft. Die Vision nahm Gestalt an: „Unser erstes Telefonat war sehr intensiv“, schwärmt Karin: „Hannes investierte viel Zeit, und ich spürte, dass wir absolut auf einer Wellenlänge lagen.“
Die Gebäudestruktur, der Rahmen, waren vorgegeben: im Erdgeschoss sollte ein zweites Spa mit Sauna entstehen, zu dem auch die Gäste der Pergola Suiten Zugang haben, ebenso wie zu dem Pool auf dem Dach. Für das Mittelgeschoss war ein großzügiges Loft angedacht, „Spazio 46“, was übersetzt „Raum“ an der Hausnummer 46 bedeutet.
„Die architektonischen Vorlagen waren stark”, erzählt Hannes Peer, „mit einer klaren Präsenz, die das Gelände und die Umgebung seit jeher prägt. Innerhalb dieses Rahmens zu arbeiten, bedeutete, die bestehende Sprache nicht zu brechen, sondern sie weiterzuentwickeln – in Nuancen, in Materialität, in Atmosphäre. Es ging darum, das Vorhandene zu lesen und ihm eine neue Stimme zu geben, ohne seine Identität zu verlieren. Diese Ambivalenz zwischen Respekt und Interpretation war das Spannende an diesem Projekt.“
Hannes Peer, der seine Handschrift als eine Form von emotionaler Realität beschreibt, arbeitet strukturell klar, gleichzeitig sinnlich. Ihn interessiert der Moment, in dem Reduktion Tiefe bekommt – durch Licht, Textur und Proportion: „Bei ,Spazio 46’ war es mir wichtig, das Lokale mit dem Internationalen zu verweben: handwerkliche Präzision aus Südtirol und eine architektonische Sprache, die an Frank Lloyd Wright oder Carlo Scarpa erinnert.“ Peer beschränkte sich auf eine kleine, aber feine Auswahl an Materialien: Südtiroler Gneis aus dem Passeiertal, Walnussholz und mineralischen Putz. „Dass es einen Loftcharakter haben würde, ist bei uns Leitmotiv,“ erzählt Karin Innerhofer, „auch die Suiten in der Pergola haben nur Schränke als Raumteiler.“
Im großzügigen Badezimmer genießt der Gast beim Duschen Privatsphäre, die Toilette trennt eine massive Tür. Für die Gastgeberin sind die offene Feuerstelle sowie das raumteilende Regal, das in seiner skulpturalen Optik an die Handschrift Brancusis erinnert, die Herzstücke im Loft: „Das Regal ist für mich der Hingucker. Es spiegelt Hannes‘ Stil wider, der für mich Funktionalität, gutes Südtiroler Handwerk und Kunst vereint.“ Die Auswahl der Möbel, beispielsweise Vintage-Tische von Gianfranco Frattini für Cassina aus den 60er-Jahren oder die dänischen Baca Table Lamps, die Nils Thorsson ebenfalls in den 60ern für Royal Copenhagen entwarf, sorgen für ein Ambiente, das eher an ein privates Zuhause erinnert denn an ein Hotel.
„Wenn ich dort einziehen würde“, sagt Hannes Peer, „wäre mein Lieblingsplatz die Fensterbank mit Blick auf die Weingärten. Dort verändert sich das Licht ständig, die Farben wechseln mit der Jahreszeit und man spürt, wie nah die Architektur an der Landschaft gebaut ist. Es ist ein stiller, kontemplativer Moment, in dem sich alles zusammenfügt: Material, Natur und Zeit.“ Wer dort zum intimen Frühstück sitzt, versorgt mit frischen Croissants und eingedeckt mit regionalen Produkten der hauseigenen Bottega, weiß, was er meint.
Pergola Experience
Bestehend aus „Pergola Residence“ und „Spazio 46“
St.-Kassian-Weg 40/46
39022 Algund (BZ)
sowie
Haus Engadein
Engadein 3
39056 Oberinn (BZ)




