Das Val Lumnezia, das größte Seitental der Surselva im Schweizer Kanton Graubünden, ist als „Tal des Lichts“ bekannt. Das muss einen Fotografen interessieren. Seit 2015 beschäftigt sich der Schweizer Sandro Livio Straube intensiv mit der Natur und der Kulturlandschaft dieses sonnigen Alpentals
Berge bleichen“ – so lautet der Titel eines Fotobuchs, das die langjährige Auseinandersetzung des Künstlers mit der Lebenswelt seiner Heimatregion in den Fokus rückt. Schon der Titel verrät das Wesen der Bilder: Motive, die vom ausbleichenden Sonnenlicht in den Bergen gezeichnet sind, offenbaren sich hier in ihrer stillen Vergänglichkeit. Mit seiner subjektiven Tagebuch-Fotografie setzt Straube einen Zweig der zeitgenössischen Fotokunst fort, der in den letzten Jahren verstärkt an Bedeutung gewonnen hat. Es ist weniger eine Aneinanderreihung von Einzelbildern als vielmehr eine poetische Collage, die sich zu einem stimmungsvollen Ganzen fügt. Im Zentrum steht die Vergänglichkeit – die Zerbrechlichkeit von Lebewesen und Dingen. Diese Welt hoch oben in den Bergen erscheint uns wie eine blasse Insel, auf der die Zeit ihre Spuren hinterlässt. Über die Jahre verändern sich die Dinge: Das Holz der Hütten bleicht aus, die Farbe blättert ab.
Auch die Berge selbst wirken ernst und schweigsam. Menschen sucht man hier vergeblich, doch gerade ihre Abwesenheit verleiht der Szenerie eine geheimnisvolle Aura. Der 1992 in Zürich geborene Architekt und Fotograf, der heute in Vella in Graubünden lebt und arbeitet, hat seine Bilder meist mit einer analogen Mittelformatkamera aufgenommen. Man spürt den Architekten im Fotografen: „Architektur ist eine Baukunst. Dahinter steht ein Abbild“, hat Straube in einem Interview erklärt. So sind es immer wieder architektonische Strukturen, die er ins Bild setzt – Momentaufnahmen einer Welt, „die keinerlei Anspruch auf Sinn und Glanz erhebt, ein Ort, den man sich selbst überlässt. Diese Qualität ist heute selten geworden.“
Das Buch lässt sich auch als Metapher lesen – für Entschleunigung und die Abkehr von einer übersättigten Welt. „Berge bleichen auf vielfältige Weise: durch Erosion, Sonne, Regen. Sie bleichen aber auch ihre Umgebung durch ihre pure Kraft und Masse von Gesteinsformationen“, beschreibt der Fotograf seine Beobachtungen. So offenbart sich eine Landschaft, die in ihrer stillen Veränderung eine eigene, fast meditative Schönheit entfaltet.
Auf einem der Bilder taucht eine Kapelle auf, die sanft im Schnee zu versinken scheint. Ein anderes zeigt den Kopf eines Pferdes mit durchdringend blauen Augen. Wir blicken auf eine verschneite Waldlichtung, auf Baumstämme, die still im Schnee ruhen, und auf eine hölzerne Scheune, die von der Zeit gezeichnet ist. Nicht alle dieser lakonischen Fotografien entfalten für sich allein die volle Wirkung – doch im Zusammenspiel offenbart „Berge bleichen“ einen besonderen Zauber: Es zeigt gerade das, was sonst übersehen wird, das scheinbar Unbedeutende.
Damit stellen sich diese Aufnahmen bewusst gegen die Strömungen der Gegenwartskunst, auf die Klaus Honnef bereits 1992 in seinem Text „Im Geiste des Design“ hinwies. Was wir hier sehen, ist etwas ganz anderes als die vielen eleganten, modischen und oft anspruchslosen Kunstwerke unserer Zeit. Wir betrachten Bilder von Orten, die keinen Glanz, keinen offensichtlichen Sinn beanspruchen. Dieses Buch lädt uns ein, solche Orte mit neuer Aufmerksamkeit zu erforschen. Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive lässt sich die Schönheit des Gewöhnlichen als eine Form der Alltagsästhetik begreifen. Doch die Sehnsucht richtet sich oft gerade auf das Unspektakuläre, weil es Raum schafft für eine frische Wahrnehmung. Diese Bilder suchen nicht das Außergewöhnliche, sondern das Wesentliche.
„Berge bleichen“ ist ein Fotobuch, das mit jedem Griff an Tiefe gewinnt. Es lässt uns immer besser verstehen, was der Fotograf meint, wenn er sagt, dass „Berge bleichen“ als eine Flucht aus der übersättigten Dichte unserer Gesellschaft verstanden werden kann. „Diese Bilder sind Sinnbild eines Zyklus aus Werden, Sein und Vergehen“, schreibt Melody Gygax in ihrem Beitrag zum Buch. Die Schönheit des Gewöhnlichen, des Vertrauten, muss vielleicht gerade jetzt wieder verteidigt werden – in einer Welt, die unaufhörlich nach neuen, spektakulären Bildern verlangt.

Die Schwarz-Weiß- und Farbaufnahmen aus dem Alpental Val Lumnezia zeugen von einer erfüllten Gegenwärtigkeit, die die Dinge in ihrer eigenen Schönheit sichtbar macht.
Berge bleichen
Sandro Livio Straube
„Berge bleichen“ ist Fotografie und Lebensform zugleich. Unter dem Eindruck eines alles ausbleichenden Sonnenlichts in den Bergen schafft Sandro Livio Straube seit 2015 eine fortlaufende Bildserie, die von Entschleunigung und Entsättigung spricht. 21,5 × 27,0 cm, 180 Seiten, 62 farbige und 50 s/w Abbildungen, Hardcover in Leinen, Kerber Verlag, 42 €.




