Die grandiose, fordernde Skitour auf den höchsten Gipfel der Goldberggruppe ist Abschluss einer langen Wintersaison. Das hochalpine Gipfelerlebnis verdient man sich mit einem langen Aufstieg.
Über dem schneefreien Parkplatz im Rauriser Tal blicken der Hohe Sonnblick und der Hocharn in ihrem noch bläulich gefärbten, eigentlich weißen Gewand auf uns herab. Es ist sechs Uhr morgens Ende April, wir packen unsere Ausrüstung für die bevorstehende Skitour auf den Hocharn aus dem noch nachtwarmen Camper in unsere Rucksäcke ein.
Start im Rauriser Tal: Früher Aufbruch zur Skitour auf den Hocharn
„Steigeisen? Pickel?“, fragt „Don Cevedale“ uns, beides in seinen Händen über dem Rucksack haltend. Man könnte meinen, dass Falk diesen Spitznamen trägt, weil er wie gut gealterter Rum ist: braunes Antlitz, sanftes Gemüt, ein guter Freund, in dessen Anwesenheit einem warm ums Herz wird. Tatsächlich trägt er diesen Nom de Guerre aber mit Stolz und etwas Selbstironie, seit er mit mir vor wenigen Wintern auf dem Monte Cevedale in der Ortlergruppe stand. Der 3759 Meter hohe, vergletscherte Bergriese war seine erste Hochtour auf Skiern, bei der wir am Ende noch Steigeisen und Pickel für den steilen Gipfelhang benötigten.
Ausrüstung und Erfahrung: Mit oder ohne Steigeisen zum Gipfel?
„Naa, des braucht‘s ned. Da is nix. Und wenn, drah i um, i schlepp da koa extra Gwicht rauf“, antwortet ihm Pit. Würde Pit ein Gipfelbuch führen, es hätte Hunderte von Einträgen, davon einige beachtliche. Wie die 1700 Höhenmeter, die uns bis zum Gipfel bevorstehen. Über uns ist blauer Himmel, die Vögel zwitschern munter ihre Frühjahrsstimmung in den Morgen, aber komischerweise regnet es gerade.
Der Zustieg: Zu Fuß zur Schneegrenze im Frühjahr
Bis zur Schneegrenze müssen wir eine gute Stunde das Tal gen Süden zum Fuß der Goldberggruppe gehen. Das Gebirge wurde 1845 so benannt. Die Gegend war seit Jahrhunderten bekannt für ihren Goldreichtum, der aber schon lange versiegt ist.

– 1 Dort oben leuchten die Berge, da unten leuchten wir: auf dem Wanderparkplatz Kolm Saigurn. – 2 Mit Stock über Stein zum Schnee: im Lacheggraben unterhalb der Nordwand der Goldberggruppe. – 3 Wolkenbrecher: der Hohe Sonnblick im Rücken.
Leckts mi
doch alle
am A …,
ihr seids ja
wahnsinnig.
Aber geil is`
scho.
Aufstieg unter dem Hohen Sonnblick: Weite Hänge und Lawinenspuren
Endlich auf Skiern, queren wir die weiten Hänge unterhalb der Nordwand des Hohen Sonnblicks, auf dem seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine Wetterstation steht, die seit der Errichtung durchgehend bewartet ist. Aus den Wänden über uns haben sich im Winter beachtliche Lawinen entladen, deren Ausläufer wir streifen, bis wir am langen Aufstieg zum Hocharn stehen. Der Schnee ist schon jetzt am frühen Morgen schwerer als gedacht. Diese Tour wird der Abschluss einer langen Skitourensaison werden.
1.700 Höhenmeter zum Gipfel: Kräfte einteilen auf der Hocharn-Skitour
Pit zieht jetzt in unaufgeregtem, aber beachtlichem Tempo davon. Don Cevedale hat zwar seine Komfortzone verlassen, hängt aber hinterher. Auf den letzten zwei- bis dreihundert Höhenmetern wird es zäh für ihn und eine Coaching-Stunde für mich. Die Frühlingssonne brennt durch die wenigen Wolken, die uns immer wieder einhüllen, bremsend auf uns herunter. Ich besinne mich auf meine längst vergangene Zeit als Zivildienstleistender, in der ich auch Menschen mit körperlichen Einschränkungen Treppen rauf- und runtergeholfen habe.
Motivation am Berg: Durchhalten auf den letzten Höhenmetern
„Falk, ein Schritt nach dem anderen!“ „Wer langsam geht, kommt auch auf den Gipfel.“ „Der Cevedale ist 500 Höhenmeter höher gewesen!“ Motivationssprüche aus der Hölle. Aber sie wirken, gerade weil sie so „gschert“ sind und Falk ein Mensch ist, der über sich lachen kann.
Gipfelerlebnis am Hocharn (3.254 m): Panorama und Wetterphänomene
Der „Don“ kommt ohne Steigeisen den letzten Anstieg nach dem Skidepot bei uns am überraschend kleinen Gipfelkreuz an. Der Großglockner, den man angeblich westlich von hier so fantastisch nah sehen kann, ist in Wolken gehüllt. Am Hohen Sonnblick, zwei Kilometer Luftlinie südlich von uns thronend und mit seinen 3106 Metern Höhe knapp 150 Meter tiefer als wir gerade stehen, bietet sich ein meteorologisches Schauspiel: Einem Deich gleich stemmt der Berg sich gegen die Wolkenfront aus dem Süden, die es nicht vermag, ihn zu übersteigen.
Abfahrt im schweren Firn: Kraftakt im Frühjahrsschnee
Falk kann kaum glauben, dass er es bis zum Gipfel geschafft hat. Ich auch nicht. „Leckts mi doch alle am A …, ihr seids ja wahnsinnig. Aber geil is` scho“, und schaut grinsend in sein Selfie. „Soll ich dich ab jetzt ‚Hoch Arnie‘ nennen?“, frage ich ihn, erschöpft, glücklich und voller Adrenalin. Die Abfahrt ist Schwerstarbeit. Jeder Schwung im schweren Frühlingsschnee ist wie Wedeln mit Blei an den Füßen. Ich höre den Don hinter mir fluchen.
Rückkehr ins Tal: Skitour-Finale mit Augenzwinkern
Zurück an Pits Bus steht er aber schon da, obwohl er kurz zuvor auf der ewig langen, schneefreien Forststraße noch weit hinter uns war. „So Burschen, seids auch schon endlich da. Mich haben Forstarbeiter mitgenommen. Als sie mich fragten, ob ihr wohl auch mitfahren wollt, hab ich gesagt, dass die das schon so packen“, freut er sich. „Waren die auch mal Zivis?“, frage ich ihn.

– 4 Aprilschmerz: Falk im Schlussanstieg zum Gipfel. – 5 Die drei von der „Dankstelle“: glücklich am Gipfelkreuz des Hocharn. – 6 Sahnehäubchen: Gipfelkreuz des Hocharn. – 7 Frühlingshafte Herbstzeitlose.
Die Skihochtour auf den Hocharn, den höchsten Gipfel der Goldberggruppe in den Hohen Tauern ist eine reine Frühjahrstour und erfordert absolut sichere Lawinenverhältnisse. Auf der Tour gibt es keine Einkehrmöglichkeit.
Ausreichend Kondition für 1700 Höhenmeter Aufstieg und Abfahrt sowie alpine Erfahrung sind nötig. Übernachtung möglich im Naturfreundehaus Kolm Saigurn (www.naturfreunde-huetten.at/salzburg/haus-kolm-saigurn) oder im Alpengasthof Ammererhof (www.ammererhof.at).
Idealerweise bleibt man zwei Nächte und besteigt auch den bekannteren Hohen Sonnblick mit Österreichs höchstgelegener Wetterstation, dem Observatorium Sonnblick.
Anfahrt über Rauris bis ins Talende nach Kolm Saigurn zum großen Wanderparkplatz. Die Mautstraße ist meistens ab Ende März geöffnet.
Weitere Touren und Inspirationen findest du im großen Überblick zu
Skitouren in den Alpen.




