Hannes Ringlstetter: „Ich wäre ein richtiges Arschloch geworden“

ALPS-Autor Klaus Mergel sprach mit Multitalent Hannes Ringlstetter über Heimatsound, Dialekt und die bayerische Kultur

Widersprüchliche Wesen ALPS-Autor Klaus Mergel sprach mit Multitalent Hannes Ringlstetter über Heimatsound, Dialekt und die bayerische Kultur © Foto: Manuel Uebler

ANZEIGE
Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Wer sich mit HANNES RINGLSTETTER zum Interview trifft, kann sich darauf gefasst machen: Gemütlich wird das nicht. Aber sehr ehrlich

Der Himmel über Oberbayern meint es gut mit den Vätern: Bombenwetter an Christi Himmelfahrt im Berchtesgadener Land. Die Sonne brennt, der Thumsee bei Bad Reichenhall glitzert, die Berge verheißen Gipfelglück. Und im Café am See werden die neuen Dirndl und Lederhosen präsentiert. In diesem Postkartenidyll sitzt einer, der so gar nicht hierher passt. Oder vielleicht doch? Schwarzer Anzug, schmale Krawatte, ein „Man in Black“ wie Johnny Cash. Der Mann in Schwarz heißt Hannes Ringlstetter: bayrischer Kabarettist, Musiker, Schauspieler und Niederbayer aus Überzeugung. An diesem Abend tritt er mit seinem Programm „Solo+“ in Bad Reichenhall auf. Merkt man gleich: Zahlreiche (weibliche) Fans nähern sich: scheu, aber bestimmt, fragen nach Autogrammen. Eine Dame bedauert, heute nicht kommen zu können, weil sie „den Hund heut hat“. Der Künstler drauf, saufrech, aber charming: „Und einschläfern an Christi Himmelfahrt geht auch schlecht.“

 
ALPS: Ein Niederbayer im tiefsten Oberbayern. Fast schon Österreich. Wie fühlt sich das an?
Hannes Ringlstetter: Immer wenn ich in dieses Oberbayern komme, vor allem in diese Alpenregion, denk ich mir: eigentlich total schön. Aber nach einer gewissen Zeit wird’s mir zu postkartig. Für mich besteht Bayern nicht nur aus dem Idyll. So wie es in den USA auch nicht überall wie in New York oder Hollywood aussieht. Ich finde es schade, dass dieser etwas depressivere Teil Bayerns nirgends vorkommt.

ALPS: Der Bayer gilt aber auch als gemütlich – und streitbar.
Ringlstetter: Er ist eben ein widersprüchliches Wesen. Auf der einen Seite extrem hart. Auch abgrenzend, zu Fremden, also ängstlich. Und er hat halt dieses Problem mit der Nähe. Der Bayer hat noch mehr Probleme damit, als es der Mann ohnehin schon hat. Und um damit klarzukommen, um überhaupt Kontakte zu haben, dafür hat der Bayer den „Schmatz“.

ALPS: Schmaatz, mit hellem, offenen „a“?
Ringlstetter: Ja, das was im Englischen der Smalltalk ist. Man muss nicht ernsthaft miteinander reden, aber kann stundenlang dahinkommunizieren. Einer bringt einen Spruch, der andere den nächsten. Am besten pseudophilosophisch: dass man das Gefühl hat, es geht doch um was. Das ist es, was die bayrische Gemütlichkeit ausmacht, dass man lange zusammensitzt. Sehr lange reden, aber nix sagen. Damit das Gespräch nie zu Ende ist.

ALPS: Eine einsame Berghütte, wäre das was für dich?
Ringlstetter: Keine Chance. Furchtbare Vorstellung. Wobei: Wenn ich so Dokumentationen im Fernsehen sehe, wo Leute das machen, finde ich das großartig. Da denk ich mir jedes Mal, würd ich gerne können! Ich weiß aber, dass ich es nicht kann. Ich muss Sachen schaffen. Ohne Zwang, ich leb das halt. Dann lieber Straßenmusik quer durch Europa.

ALPS: Schönes Stichwort! Wieso ist Heimatsound plötzlich so angesagt?
Ringlstetter: Zum einen ist das so eine allgemeine Laptop-Lederhosen-Nummer. Zum anderen gibt es in einer globalen Welt viel Unsicherheit und Angst, was die eigene Identität betrifft. Da wird es draußen immer größer, im Mikrokosmos immer kleiner. Und man fragt sich: Was können wir hier eigentlich? Dann hat es natürlich gedauert in Bayern, bis musikalischer Crossover möglich war. Um in der Sprache der Heimat zu singen. Brass Banda haben ja nichts Neues erfunden. Haindling ist dasselbe in langsam.

IM UMGANG MIT AUTORITÄTEN BIN KONSERVATIVER ANARCHIST

ALPS: Ist das gut oder schlecht für die bairische Kultur?
Ringlstetter: Ich hab ein kleines Problem mit der inflationären Betonung des Heimatbegriffs: Heimatsound, Heimatrauschen, Sound of Heimat und, und, und. Es wird immer ausgelutscht, bis nichts mehr übrig bleibt. Darum habe ich bei der neuen Platte auch ein anderes Konzept gewählt, das der musikalischen Reise.

ALPS: Und wie schaut das aus?
Ringlstetter: Jedes Lied hat einen anderen musikalischen Stil. Das eine spielt in Paris, das nächste in New York: Das klingt dann auch so – aber halt auf Bairisch. Dann springst du nach Budapest und machst den Gypsy, dann in Wien ein Wiener Lied. Das finde ich interessanter, das aufzubrechen. Mit Identität reisen in eine Welt, die ein bisschen größer ist als vor 30 Jahren.

ALPS: Du hast vor 25 Jahren auch schon auf Bairisch gesungen. Hat aber nur regional funktioniert. Warum?
Ringlstetter: Das gab es das damals nicht: US-Rockmusik mit bairischen Texten. Es gab Alpenrock wie Hubert von Goisern, mit Akkordeon und E-Gitarre. Aber Rockmusik auf Bairisch nicht. Und wir hatten kein Showkonzept. Und Bierzelt war sowieso nicht. Nicht zuletzt: Unsere beste Platte, „Himmelfahrt“, kam raus, als die ganze Musikindustrie zusammenkrachte beim Übergang von analog zu digital, zum Internet. Es gibt praktisch kein Video von Schinderhannes auf YouTube.

Hannes Ringlstetter im ALPS Interview. Im Juli 2016 erschien das neue Album „Paris, New York, Alteiselfing“ von Ringlstetter als Band (Millaphon). Tour-Termine auf www.hannesringlstetter.de

Im Juli 2016 erschien das neue Album „Paris, New York, Alteiselfing“ von Ringlstetter als Band (Millaphon). Tour-Termine auf www.hannesringlstetter.de © Fotos: Manuel Uebler

ALPS: Weitere 20 Jahre davor hat es auch schon mal funktioniert mit bairischem Pop: Willi Michl brachte den Blues nach Bayern, Konstantin Wecker den Chanson.
Ringlstetter: Ich denke, das sind so Wellen. Und die, die du da ansprichst, waren ja Teil einer Bewegung. Das war politisch damals: Friedensbewegung, Anti-Atomkraft. Brass Banda, der Keller Steff und wie sie alle heißen, sind ja komplett unpolitisch. Da geht es eher darum: Ich bin so wie ich bin, und da lass ich mir nicht dreinreden.

ALPS: Anarchie?
Ringlstetter: Ich hab ein festes Wertekonstrukt, das null anarchistisch ist. Aber im Umgang mit Systemen und Autoritäten bin ich’s dann schon. Dann bin ich ein konservativer Anarchist.

ALPS: Ist Tracht ein Ausdruck von Heimat?
Ringlstetter: Schwierig. Wenn du dir Fotos anschaust aus den 1920er-Jahren, am Gäubodenfest, Gillamoos oder Oktoberfest, dann siehst du alle Männer so, wie ich heute angezogen bin. Der schwarze Sonntagsanzug. Das Sonntagsgwand. Nicht das Gesinde-Gewand – was Tracht eigentlich ist. Zusätzlich habe ich ein Problem, wenn Dinge, die lokal verortet sind – wie etwa die Miesbacher Tracht – exportiert werden. Wenn die Waldlerweiber mit ihrem Angermeier-Dirndl rumhüpfen, ist das halt Fasching. Das ist nicht schlimm und auch nicht böse, sollen sie rumrennen, wie sie wollen. Aber mir gefällt es halt nicht.

ALPS: Bayern ging früher bis Tirol. Was unterscheidet die Alpenbewohner heute vom Rest?
Ringlstetter: Der Unterschied besteht doch viel weniger zwischen Bayern, Tirol, Österreich, Franken, Allgäu oder Schwaben als zwischen Stadt und Land. Es geht um urban oder rural. Die Menschen in den Großstädten führen meist identische Leben. Es geht um Wirtschaft, Job, um den Lebensstandard, den man halten muss. Darum, keine Alternative zu finden, wegzugehen, dafür aber ständig zu verreisen. Und darum, meist doch nicht wirklich teilzunehmen an dem städtischen Leben, etwa mit seinem Kulturangebot. Denn man könnte ja, wenn man wollte! Dadurch, dass Bayern in erster Linie ein rural strukturiertes Land ist, hat es eine andere Lebensenergie.

ALPS: Was macht die aus?
Ringlstetter: Dass man, wenn man sich nicht ganz blöd anstellt, zu einer relativen Zufriedenheit im Leben kommt. Die kann man als kleingeistig oder un-weltmännisch interpretieren. Aber ich finde es echt eine Leistung, wenn man in einer so turbulenten Welt so lebt, dass man Zufriedenheit erlangt. Das können die auf dem Land besser.

Hannes Ringlstetter im ALPS Interview. 2016 war Hannes Ringlstetter überwiegend Solo unterwegs

Multitalent 2016 war Hannes Ringlstetter überwiegend Solo unterwegs © Foto: Manuel Uebler

ALPS: Du wohnst in München, aber auch auf dem Land. Stehst du manchmal zwischen den Welten?
Ringlstetter: Nein, aber das liegt an meinem Beruf. Wenn ich aufs Land zurückkomme, und Stress hatte oder zu lange weg war, weiß ich mittlerweile, was ich tun muss, damit ich in den Groove komme.

ANZEIGE

ALPS: Was denn?
Ringlstetter: Dann geh ich eine Stunde in den Wald oder setz mich an den Steg und schau ins Wasser. Ich brauche Umgebungen. Das mit der inneren Mitte kann ich allein nicht. Ich brauch Orte. Die Hilfe von Natur – oder in der Stadt die Hilfe von Leben.

ALPS: Bekommst du die dort?
Ringlstetter: Schlecht. Bei uns im Westend ist immer donnerstags Markt. Dann kaufen die urbanen Typen wie ich so Sachen. Etwa einen Saibling vom Ammersee. Man fühlt sich total bio. Und dann nehm ich den Saibling mit heim und denk mir: Hab ich jetzt grad für vier Saiblingsfilets 28 Euro zahlt, ist das so? Dann bin ich zwei Tage drauf bei mir daheim auf dem Land, da ruft mich ein Spezl an, der Franz, und sagt: „Übermorgen haben wir Fischräuchern. Kommst vorbei und nimmst dir vier Forellen mit.“ Und zahl dann für vier ganze Forellen 12 Euro. Und denk mir: Irgendwas ist anders.

ALPS: Warum dann nicht ganz raus aufs Land?
Ringlstetter: Meine Frau hat zwei Kinder, die in der Stadt aufgewachsen sind. Deswegen war immer klar, dass wir als Familie in München bleiben.

AUF DEN DÖRFERN GIBT ES KEINE FRAUEN AM STAMMTISCH. AUS, ENDE DER DURCHSAGE

ALPS: Du bringst die nicht raus?
Ringlstetter: Keine Chance. Für mich ist das aber auch interessant, wie die aufwachsen. Wo die Gemeinsamkeiten enden. Dass die sich ein Leben in einer anderen Form gar nicht vorstellen können. Auf der anderen Seite sind sie viel früher dran. Wenn du mit sechs oder sieben Jahren das erste Mal U-Bahn fährst und siehst deinen ersten Junkie, dann macht das was mit dir. Auf dem Land sieht man erst mal nur Bauern, die saufen. Ohne Wertung, das ist halt nur anders.

ALPS: Immer noch? Ist die Zeit denn stehengeblieben?
Ringlstetter: Das sag ich ja immer. Gestern Abend nach der Show kommen vier so Trachtler in das Lokal. Alle gut besoffen. Die redeten und agierten dann am Stammtisch, dass ich mir dachte: Vom Islam sagt man immer, der sei 150 Jahre zurück. Aber die sind auch 150 Jahre zurück.

ALPS: Wie das?
Ringlstetter: Die hatten diese Schweinefleischfressen, die du nur hinkriegst, wenn du ausschließlich und viel Schweinefleisch isst. Und Bier saufst. Machen zwar Facebook, klar, aber da sind dann doch bloß wieder Trachtlerfotos drin. Deswegen haben die auch Angst vor Überfremdung, weil sie, so glaube ich, auf dem Niveau der Vergangenheit sind.

ALPS: Josef Hader sagte dazu: „Ich komme von einem Bauernhof. Kinderarbeit, Kopftuch tragende Frauen und Männer, die mehr dürfen als ihre Gattinnen, das sind mir seit der Kindheit wohlbekannte Lebensweisen.“
Ringlstetter: Bayern ist ein Land, wo die Frauen noch Kopftücher auf den Feldern tragen. Wenn jetzt ein Kopftuchverbot durchgesetzt wird, müssen sie denen das Tuch auch runterschrauben. Da bin ich gespannt. So leicht ist es natürlich nicht, das Thema ist komplexer. Doch es ist schon erstaunlich, wie schnell Ressentiments aufkommen, obwohl es bei uns auch nicht viel anders ist. Auf den Dörfern gibt es keine Frauen am Stammtisch. Aus, Ende der Durchsage.

ALPS: Wäre es denn angebracht, Asylbewerber in Bairischkurse zu schicken?
Ringlstetter: Ich persönlich bin immer eher gegen deutsche Pädagogik … aber Wien ist ein gutes Beispiel, wie so was schon lange funktioniert. Am Naschmarkt findest du die Vietnamesen, die machen Sushi. Daneben ein Türke mit Falafel. Und die reden alle dieses gebrochene Wienerisch. Weil man in Wien Dialekt spricht im Gegensatz zu München.

ALPS: Bedauerlich?
Ringlstetter: Naja, auch der Dialekt soll sich grundsätzlich verändern. Das ist normal, alles Statische stirbt aus oder gehört ins Museum. Ich wäre gespannt, wie Bairisch dank der Migranten in hundert Jahren klingt. Von der Geschichte her ist diese Sprache je eh schon durchsetzt vom Französischen, aus der Napoleonischen Zeit: Trottoir, Potschamperl…

ALPS: …oder Fisimatenten.
Ringlstetter: Genau. Das hat sich immer verändert. Nur heute tun alle so, als ob das genau so bewahrt werden muss.

ALPS: Was gehört sonst noch zur Teilnahme an der bairischen Gesellschaft?
Ringlstetter: Ich glaube, dass es einen Riesenunterschied macht, ob du sprachlich dabei bist. Bei uns daheim wurde bairisches Hochdeutsch gesprochen, mein Vater war Gymnasiallehrer. Deswegen kann ich relativ dialektfrei reden, dass man mich überall versteht. Trotzdem kann ich sofort umschalten. Ich hab immer beides gehabt: Stadt und Land, Bildungsbürgertum und Bauernkultur.

ALPS: Und heute?
Ringlstetter: Je älter ich werde, umso wohler fühle ich mich unter einfachen Leuten. Und immer unwohler unter elitären Arschgeigen. Ich pack das nicht mehr, dieses intellektuelle Geschwafel, find ich inzwischen total öde. Ich war aber früher selbst so einer, ich konnte das stundenlang machen.

ALPS: Apropos Ausdauer: Du hast lange durchhalten müssen, bis der Erfolg kam.
Ringlstetter: Stimmt, 20 Jahre.

ALPS: Schlimme Jahre?
Ringlstetter: Das war schon gut so. Zwischen 20 und 30 darfst du einfach keinen Erfolg haben. Wenn ich den Erfolg, den ich jetzt habe, mit 25 gehabt hätte, wäre ich ein richtiges Arschloch geworden.

DER ALLES-BAYER

Hannes Ringlstetter im Interview mit AlpsSCHINDERHANNES © Foto: Manuel Uebler

Hannes Ringlstetter einen Newcomer zu nennen, wird dem bayrischen Allroundkünstler in keinster Weise gerecht: 1970 in Straubing geboren, wird er zu Studienzeiten in den 1990ern in Regensburg mit seiner Band Schinderhannes zur regionalen Größe. Er startet als Redakteur bei einem regionalen TV-Sender – und landet wieder auf der Bühne: als Kabarettist bei „Ottis Schlachthof“, in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft im Lustspielhaus – und seit 2007 mit Soloprogrammen auf Tour.
 
ERFOLG
Richtig bekannt wurde der Mann mit dem warmen Niederbayernslang dann doch durchs Fernsehen: ab 2012 als Stammgast von Günther Grünwald, seit 2011 als Autoschrauber Yazid beim Bayernkrimi „Hubert und Staller“ sowie bis 2015 als Gastgeber vom „Vereinsheim Schwabing“. In den vergangenen Jahren schließlich zurück zu den Wurzeln – zur Musik. Und zwar ganz heimatverbunden, auf bairisch. Mit Countrysongs (Projekt „Ringl on Fire“) oder mit seiner Band beim Wildern in den Musikstilen der Welt auf dem neuem Album „Paris, New York, Alteiselfing“ (so lautet auch der Titel seines Buches, erschienen 2015).

 
TERMINE
Am 01.7 erscheint das neue Album „Paris, New York, Alteiselfing“ von Ringlstetter als Band (Millaphon). Ab 12.7. ist Sommertourstart durch Süddeutschland; alle Termine auf www.hannesringlstetter.de