Um vier Uhr morgens beginnt der Tag, lange bevor die Sonne über den Bergen steht. Kühe holen, melken, Käse machen, Stallarbeit – und am nächsten Morgen alles von vorn. Für einen Alpsommer tauscht Nathalie Volz Bürojob und Alltag gegen ein Leben, das körperlich kaum fordernder sein könnte. Was sie in der Schweiz findet, ist kein romantisches Bergidyll. Sondern etwas sehr viel Wertvolleres.

Fünf Wochen auf der ersten Alp – und schließlich ein ganzer Sommer in den Schweizer Bergen: Die Erfahrung verändert Nathalie Volz’ Blick auf Arbeit, Zeit und das eigene Tempo. © Foto: Theresia Taiber
Um vier Uhr morgens beginnt der Tag
Um vier Uhr morgens liegt die Welt noch in tiefem Schwarz. Nur das gleichmäßige Läuten der Kuhglocken durchbricht die stille Bergluft. Mein Atem steigt als feiner Nebel empor, während ich den Hang hinaufsteige, um die Kühe zu holen. Sechshundert Kilometer trennen mich von meinem früheren Leben – hier beginnt mein dritter Almsommer und zugleich mein erster in der Schweiz.
Vor zwei Sommern hatte ich bereits Zeit in den Berchtesgadener und Chiemgauer Alpen verbracht. Doch diesmal sollte alles ursprünglicher, echter sein. Keine Gästebewirtung, kein Hüttenbetrieb. Der Fokus lag allein auf dem Melken der Kühe und der Herstellung von Käse. Arbeiten, nicht inszenieren.

Weit weg vom gewohnten Alltag: Hoch über dem Tal liegt die Alp inmitten von Weiden und Bergen – Arbeitsplatz und Lebensmittelpunkt für einen Sommer.© Foto: Theresia Taiber
19 Kühe, ein Kupferkessi und kein Pausenknopf
Die Stelle fand ich durch eine Anzeige im Internet. Dafür kündigte ich meinen Bürojob, tauschte den eleganten Audi gegen einen geländegängigen Suzuki und verabschiedete mich von festen Arbeitszeiten, ergonomischem Stuhl und Kaffeeküche. Stattdessen erwarteten mich 19 Milchkühe, zwei Galtkühe, fünf Kälber – und gemeinschaftlich 65 Rinder auf der Alp.
Anfangs geben die Kühe täglich 260 bis 280 Liter Milch. Daraus entstehen drei Käsesorten, darunter der berühmte Berner Alpkäse AOP. Einen Monat vor Beginn meines Almabenteuers hatte ich in der Schweiz einen Käsekurs besucht, um bestens vorbereitet zu sein. Die Vorfreude war groß, die Motivation grenzenlos.

Um vier Uhr morgens beginnt die erste Arbeitsschicht: Kühe holen, einstallen und melken – Tag für Tag und ohne Pausenknopf. © Foto: Theresia Taiber
Was ich unterschätzt hatte, war die ungeheure Wucht dieser Umstellung. Um vier Uhr morgens aufzustehen, die Kühe zu holen, sie einzustallen und zu melken. Die schweren Melkeimer zu heben und in die Käserei zu tragen. Käsen am kupfernen Kessi über offenem Feuer. Den Stall ausmisten. Das Geschirr spülen. Den Käse wenden. Jeder Handgriff sitzt – oder kostet Kraft. Und Kraft ist anfangs ein knappes Gut. Muskeln wachsen nicht aus Idealismus.

Jeder Liter zählt: Die frische Milch wird direkt nach dem Melken weiterverarbeitet und später zu Alpkäse. © Foto: Theresia Taiber
Das Bergidyll hat eine andere Seite
Wochenlang begleiten mich Rückenschmerzen und ein steifes Genick. Die niedrige Stalldecke zwingt mich, die vollen Melkeimer mit eingezogenem Kopf zu tragen. So viele Handgriffe: Meine Hände werden rau, die Sehnen sind gereizt, die Finger schwergängig. Die Füße schmerzen von wenig komfortablen Gummistiefeln. Kein freier Tag, kein Pausenknopf.
Alles ist logisch. Der Körper gewöhnt sich. Doch leicht ist es nicht. Was mich trägt, sind die Tiere. Die Alpnachbarn, die ihre Hilfe anbieten. Die Landschaft – mit ihren Bachläufen, Wasserfällen und einem Bergsee, der an windstillen Tagen wie ein Spiegel zwischen den Gipfeln liegt. Traumhaft, so ungefähr stellt man sich das Paradies vor. Und doch wäre es naiv zu glauben, dass auf dem Berg die Welt automatisch besser wäre. Auch hier herrscht der Mensch – mit all seinen Facetten.

Käsen über offenem Feuer gehört zum täglichen Rhythmus. Aus der frischen Milch entstehen mehrere Käsesorten – darunter Berner Alpkäse AOP. © Foto: Theresia Taiber
Bürste, Salzwasser, Geduld: Jeder Käselaib wird während der Reifung regelmäßig von Hand gepflegt. © Foto: Theresia Taiber
Die Umstände sind anders, als wir es besprochen hatten. Das „Klo“ entpuppt sich als ein einfacher Verschlag mit einem Eimer, der auf dem Misthaufen entleert werden muss. Die Dusche ist außer Betrieb; waschen kann ich mich nur bei den Nachbarn auf dem nächsten Hügel. Dazu gesellen sich Unfreundlichkeiten der Almbesitzer, Spannungen, Worte, die lange nachhallen. Doch ich versuche, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren: die Arbeit, die Tiere, die Natur.
Manchmal bedeutet Durchhalten, weiterzugehen
Nach fünf Wochen treffe ich eine Entscheidung, die ich nie treffen wollte: Ich gehe. Nicht aus Schwäche, sondern aus Selbstachtung. Manchmal bedeutet Durchhalten nicht, zu bleiben – sondern loszulassen und weiterzugehen. Gedanklich bin ich schon auf dem Rückweg nach Deutschland, als sich plötzlich eine neue Tür öffnet: eine Alp im Nachbartal, mit ähnlichen Aufgaben und gleicher Verantwortung. Zwanzig Kühe melken. Berner Alpkäse AOP herstellen. Über 150 Käselaibe pflegen. Vier Alpschweine versorgen. Dort verbringe ich meinen Sommer bis zur Alpabfahrt. Drei Monate voller Höhen und Tiefen, Rückschläge und Fortschritte. Und immer wieder die Frage, die mich begleitet: Wofür das alles?

Arbeit, die Wochen weitergeht: Im Reiferaum lagern die Käselaibe auf Holzbrettern und werden regelmäßig gepflegt. © Foto: Theresia Taiber

Bürste, Salzwasser, Geduld: Jeder Käselaib wird während der Reifung regelmäßig von Hand gepflegt. © Foto: Theresia Taiber
Was von einem Alpsommer bleibt
Was ist es, das uns trotz schmerzender Muskeln, trotz schlafloser Nächte und trotz innerer Konflikte immer wieder zurückkehren lässt? Für mich ist es die tiefe Sinnhaftigkeit der Arbeit – das unmittelbare Ergebnis meiner eigenen Hände. Das Leben in Gemeinschaft mit den Tieren. Das Eingebundensein in eine wunderschöne Berglandschaft. Die Herstellung von selbst gemachtem Käse. Zu sehen und zu schätzen, was einem die Natur gibt.

Kein inszeniertes Hüttenleben: Die einfache Küche ist Wohnraum, Rückzugsort und Teil eines Alltags, der sich fast vollständig um Arbeit und Tiere dreht.© Foto: Theresia Taiber
Es ist das tägliche Meistern unvorhersehbarer Herausforderungen, der geschärfte Blick für das Wesentliche, die Erkenntnis, wie wenig es braucht, um wirklich zufrieden zu sein. Und dieses Gefühl am Abend: erschöpft zu sein – und doch erfüllt. Diese Erfahrungen sind kein romantisches Postkartenidyll. Sie sind roh, anstrengend, manchmal unbequem. Aber gerade darin liegt ihre Echtheit – und ihr unschätzbarer Wert.

Wenn der Arbeitstag endet, wird es still. Der Alpsommer romantisiert nichts – und gerade darin liegt für Nathalie Volz seine besondere Schönheit. © Foto: Theresia Taiber
Einen Sommer auf der Alp arbeiten – so findest du eine Stelle
Wer selbst einmal einen Sommer auf einer Alp oder Alm verbringen möchte, sollte wissen: Das ist kein Ferienjob. Gesucht werden körperliche Belastbarkeit, Verantwortungsbewusstsein und – je nach Aufgabe – Erfahrung mit Tieren, Landwirtschaft oder Käseherstellung. Für die Stellensuche gibt es einige seriöse Anlaufstellen.
Deutschland
Almwirtschaftlicher Verein Oberbayern e. V.
Vermittlung von Sennern und Sennerinnen sowie Almpersonal in Bayern.
www.almwirtschaft.com
Bayerischer Bauernverband
Regionale Kontakte zu Almbetrieben.
www.bayerischerbauernverband.de
Landwirtschaftliche Fachschulen
Oft Aushänge oder interne Vermittlungen von Saisonstellen.
Österreich
Almwirtschaft Österreich
Dachverband mit Stellenbörse.
www.almwirtschaft.at
LFI (Ländliches Fortbildungsinstitut)
Bietet Alm- und Käsekurse sowie Kontakte.
ww.lfi.at
Landwirtschaftskammern der Bundesländer
Regionale Vermittlung von Almpersonal.
Schweiz
Schweizerischer Alpwirtschaftlicher Verband (SAV)
Zentrale Anlaufstelle für Alpstellen.
www.alpwirtschaft.ch
zalp.ch
Online-Plattform für Alpstellen und Vernetzung in der Schweizer Alpwirtschaft
Agrarjobs / Agrix / Landwirtschaftsportale
Online-Plattformen mit saisonalen Ausschreibungen.
Südtirol
Bergbauernhilfe Südtirol
Vermittlung von Helferinnen und Helfern auf Berg- und Almbetriebe
www.bergbauernhilfe.it
Südtiroler Bauernbund
Informationen und Kontakte zu
Almbetrieben
www.sbb.it
Direktbewerbung
Sehr zu empfehlen ist der direkte Kontakt: auf den Almen nachfragen oder die Bauern direkt ansprechen.
Wichtige Voraussetzungen
Körperliche Belastbarkeit.
Bereitschaft zu langen Arbeitstagen ohne freien Tag.
Erfahrung in Landwirtschaft oder Tierhaltung von Vorteil.
Für Käseherstellung: entsprechende Kurse (z. B. Alpkäse AOP in der Schweiz).
Gut zu wissen
Ein Alp- oder Almsommer ist kein Ferienjob. Er bedeutet Verantwortung für Tiere, Produktion und oft auch alleinige Bewirtschaftung. Eine gute Vorbereitung – fachlich wie mental – ist entscheidend.




