Hans Kammerlander – „Wenn´s gut geht, bist a Held, wenn´s schief geht, bist halt tot“

Hans Kammerlander Interview ALPS. „Wenn´s gut geht, bist a Held, wenn´s schief geht, bist halt tot“

Früh übt sich: Mit Schlaghose und Hippie-Style eroberte Kammerlander die Südtiroler Dolomiten © Thilo Brunner

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Er führte ein Leben am Limit, lotete Grenzen aus und bewegte sich stets auf einem schmalen Grat zwischen Leben und Tod – Extrem-Bergsteiger und Kletterstar Hans Kammerlander über die essenziellen Fragen des Lebens

Servus, i bin der Hans.“ So begrüßt Hans Kammerlander stets seine Gäste in seinem Haus in Sand in Taufers im Ahrntal. Hans ist anders. Anders als alle anderen. Starallüren sind dem 61-jährigen Weltklassebergsteiger fremd. Den Hans, so scheint es, bringt nichts aus der Ruhe. Wirklich gar nichts. Selbst heute nicht, als die Visagistin die ganze Zeit mit ihren Pinseln in seinem Gesicht herumfuchtelt und der Tontechniker ständig an seinem Hosenbund herumhantiert. Hans lächelt das gelassen mit seiner gewohnt stoischen und sympathischen Ruhe weg. In wenigen Minuten geht es weiter mit dem Interview des Dokumentarfilmers Gerald Salmina. Der Regisseur hat Filme wie das Bergdrama „Mount St. Elias“ und spektakuläre Dokumentationen wie „One Hell of a Ride“ über die Kitzbüheler Streif produziert. Heute dreht Salmina mit Kammerlander. Es wird die erste große Dokumentation sein, die über einen Bergsteiger in die Kinos kommt. Kammerlander spult die Szene ab. Im Anschluss wird geredet. Über Berge. Über das Leben. Über den Tod.

 
ALPS: Herr Kammerlander, werden tödlich verunglückte Bergsteiger auf einem Achttausender geborgen?
Hans Kammerlander: Meistens ist das Risiko für alle Beteiligten zu groß. Deshalb kommt es nur ganz selten vor, dass jemand von dort oben „nach unten geholt“ und im Tal begraben wird. Außerdem ist für uns Höhenbergsteiger dort oben das würdigste Grab, das wir uns vorstellen können. Auf über 8000 Metern, im ewigen Eis. Wieso fragen Sie?

Vor wenigen Wochen sind Sie zum Manaslu in Tibet aufgebrochen und wollten an zwei Ihrer besten Freunde vorbei, die Sie dort vor 26 Jahren verloren haben. Warum haben Sie das gemacht?
Weil ich das Gefühl hatte, dass ich mit der Besteigung des weltweit achthöchsten Berges zwei Kapitel für mich abschließen kann.

„80 Prozent meiner Bergkameraden leben nicht mehr“

Welche Kapitel sind das?
Manaslu heißt ja „Berg der Seele“. Und um mein Seelenleben im Reinen zu halten, wollte ich das Todesdrama in Tibet vor 26 Jahren für mich verarbeiten. Deswegen habe ich mich mit 60 Jahren noch einmal dorthin aufgemacht. Das hatte ich dem Regisseur Gerald Salmina erzählt. Der war von meinem Motto so begeistert, dass wir nun einen Kinofilm darüber drehen.

Mit 3618 Meter Höhe nicht besonders hoch, dennoch geht es steil bergab am Mount Assiniboine. Der Berg in Kanada erhebt sich auf der Kontinentalen Wasserscheide an der Grenze zwischen British Columbia und Alberta

Mit 3618 Meter Höhe nicht besonders hoch, dennoch geht es steil bergab am Mount Assiniboine. Der Berg in Kanada erhebt sich auf der Kontinentalen Wasserscheide an der Grenze zwischen British Columbia und Alberta

Wie lautet Ihr Motto?
Schauen Sie, bei mir ist wahrlich nicht alles im Leben glatt gelaufen, sowohl privat als auch beruflich. Mehr noch: Ich habe viele ganz schreckliche Erlebnisse am Berg hinter mir. Mit dem Film will ich den Leuten zeigen, dass jeder seinen eigenen Weg zu Ende gehen soll. Egal wie der aussieht. Heute verlieren jedoch viele Menschen ihr Ziel aus den Augen. Ich wollte noch mal auf den Manaslu, um über die schrecklichen Ereignisse von 1991 hinwegzukommen. Das ist meine Art der Verarbeitung und damit schließe ich das zweite Kapitel.

Auf den Gipfel haben Sie es nicht geschafft. Warum?
Das Wetter war traumhaft. So etwas habe ich noch nie erlebt: jeden Tag blauer Himmel, Sonnenschein von morgens bis abends. Ich glaube, in den 17 Tagen habe ich keine einzige Wolke gesehen. Das Problem war jedoch der Schnee. Auf uns wartete zwei Meter frischer Neuschnee. Diese ungeheuren Schneemassen waren unmöglich zu bändigen.

Sind Sie enttäuscht?
Überhaupt nicht. Ich komme voller Dankbarkeit und Demut zurück. Früher wäre ich wahrscheinlich auf Teufel komm raus da hinauf, heute mache ich so etwas nicht mehr. Bei solch gefährlichen Lawinenverhältnissen ist es einfach besser, heimzugehen.

„Es gibt keine schönen Worte um die Todesnachricht zu überbringen“

1991 starben Friedl Mutschlechner und Carlo Großrubatscher. Was ist damals passiert?
Wir sind zu dritt aufgebrochen. Nach einer Weile entschied sich erst Friedl umzukehren, dann Carlo. Ich bin zunächst alleine weiter, musste dann aber auch umkehren, weil das Wetter nicht passte. Es war so unglaublich kalt, gleichzeitig tobte da oben ein Sturm. Als ich im Camp ankam, lag jedoch nur Friedl im Zelt. Von Carlo fehlte jede Spur. Also machten wir uns auf, um ihn zu suchen. Er lag 150 Meter weiter unterhalb des Lagers. Tot. Er hatte nur ein Steigeisen an den Füßen. Wahrscheinlich ist er oben am Eishang ausgerutscht und hat sich dabei das Genick gebrochen. Mir ist es bis heute ein Rätsel, wie so einem erfahrenen Bergsteiger so etwas passieren kann.

Was haben Sie dann gemacht?
Mir war klar, wir müssen wegen des schlechten Wetters so schnell wie möglich vom Berg runter. Es zog Nebel auf, gleichzeitig lag ein elektrisches Summen in der Luft. So, als würde gleich ein fürchterliches Gewitter über uns losbrechen. „Hans, wir warten noch ein bisschen, bis es aufklart. Sonst fallen wir noch in eine Gletscherspalte.“ Das waren seine letzten Worte.

Egal ob Freund- oder Seilschaft: Kammerlander auf einer der vielen Touren mit Reinhold Messner

Egal ob Freund- oder Seilschaft: Kammerlander auf einer der vielen Touren mit Reinhold Messner

Wieso traf der Blitz ausgerechnet ihn?
Friedl stand nur ein paar Meter von mir entfernt, hatte noch seinen Rucksack mit den Eispickeln rechts und links gen Himmel und Wetter gestreckt. Diese hat der Blitz regelrecht angezogen. Ich hatte meinen Rucksack schon in den Neuschnee gelegt und mit meiner gebückten Haltung einfach nur Glück. Das war alles so fürchterlich. Es roch nach Schwefel und gegrilltem Fleisch. Der Blitz ist Friedl direkt in den Kopf eingeschlagen.

Und Sie haben gar nichts abbekommen?
Meine Hand war verbrannt, weil ich das Seil in der Hand hielt. Friedl und ich waren ja als Seilschaft unterwegs. Das waren wirklich die schwersten Stunden meines Lebens, binnen vier Stunden verlor ich zwei richtig gute und enge Freunde. Mir war klar: Wenigstens muss ich jetzt heil vom Berg runterkommen, schließlich muss ich Friedls und Carlos Angehörigen die Nachricht übermitteln.

Wie haben Sie es gesagt?
Den ganzen Weg nach unten habe ich überlegt, wie ich es ihnen schonend beibringen könnte, musste aber feststellen, dass es keine schönen Sätze für so eine Nachricht gibt.

„Eines hat der Berg mich gelehrt: Demut, Demut und nochmals Demut“

Haben Sie Schuldgefühle? Sie waren im Trio der einzige mit hochalpiner Erfahrung.
Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen hart. Aber jeder, der sich entschließt, auf einen Achttausender zu steigen, weiß, dass er womöglich nicht zurückkommt. Friedl und Carlo waren zwei Bergführer, sie wussten also, was da oben passieren kann. In der Todeszone ist jeder für sein eigenes Leben verantwortlich. Selbstkritisch muss ich mir als Expeditionsleiter jedoch eingestehen, dass ich mit den Beiden hätte absteigen sollen und nicht alleine weiter Richtung Gipfel gehen. Deswegen fühle ich mich bis heute – auch wenn es blöd klingt –, ein bisschen mitschuldig. Nun ist aber nach dem Manaslu-Versuch alles gut. Ich fühle mich wirklich entlastet. Die Schuldgefühle sind deutlich weniger worden. Dafür bin ich dankbar.

Sie haben Frieden mit dem Manaslu geschlossen?
Ja, das habe ich. Dafür bin ich liebend gerne noch einmal bis ans andere Ende der Welt gegangen.

Jetzt geht’s los! Die Latten zeigen schon Richtung Tal, wenige Sekunden später wird Kammerlander das machen, was sich noch kein Mensch vor ihm traute: Kammerlander fährt 1996 mit den Skiern vom Mount Everest ­– dem höchsten Berg der Welt – ab

Jetzt geht’s los! Die Latten zeigen schon Richtung Tal, wenige Sekunden später wird Kammerlander das machen, was sich noch kein Mensch vor ihm traute: Kammerlander fährt 1996 mit den Skiern vom Mount Everest ­– dem höchsten Berg der Welt – ab

Waren Sie nervös? Die ganze Welt schaute nun wegen des Films auf Sie.
Nein, überhaupt nicht. Das hört sich vielleicht etwas angeberisch an, aber: Ich weiß, was ich kann und was nicht. So war es schon immer. Die Berge und ich sind eins, seitdem ich mit acht Jahren die Schule schwänzte und heimlich einem Urlauberpaar, die mich nach dem Weg fragten, auf den 3059 Meter hohen Moosstock folgte.

Das war damals schon ein riskantes Manöver. Wie oft mussten Sie schon um ihr Leben fürchten?
Mehr als ein Dutzend Mal. Am Nuptse, das ist ein Siebentausender gegenüber dem Everest, planten wir, dort oben zu übernachten, entschieden uns aber dagegen. Stunden später brach der halbe Gletscher ab und begrub alles unter sich – auch unser geplantes Lager. Am Ortler überlebte ich wegen zweier Sekunden. Die Lawine sauste keine zehn Meter hinter mir den Berg hinab und schluckte meinen Bergführerkollegen. Sie spuckte ihn nicht mehr aus. Und am K2 verpasste uns die Eislawine auch nur um ein paar Meter. Eigentlich ist es ein Wunder, dass ich noch lebe. Andere hatten nicht so viel Glück …

… wie Luis Brugger. 2006 stürzte er bei einer gemeinsamen Tour mit Ihnen auf 6800 Metern am Jasemba ab.
Wir kamen gerade vom Gipfel des Siebentausenders im Himalaya. Luis war gut 50 Meter vor mir. Als ich um die Ecke kam, war er plötzlich verschwunden. Wahrscheinlich hat er ganz einfach vergessen, sich zu sichern oder die falsche Schlaufe erwischt. Er ist mehr als 1000 Meter in die Tiefe gestürzt. Ich habe ihn einfach nicht mehr gesehen, nicht mal einen letzten Schrei habe ich von ihm gehört. Luis war einfach weg.

Was haben Sie gemacht? Erst mal um ihren Bergkameraden getrauert?
Es geht da oben um eines: ums Überleben. Die Zeit und den Platz zum Trauern haben sie in so extremen Situationen einfach leider nicht. Die Trauer und der Schock setzen immer erst später ein.

Einige Zehen sind Kammerlander auf dem Kangchendzönga erfroren. Doch der Südtiroler hat im Vergleich zum Bergkameraden Messner Glück. Kammerlander musste nicht ein Zeh amputiert werden

Einige Zehen sind Kammerlander auf dem Kangchendzönga erfroren. Doch der Südtiroler hat im Vergleich zum Bergkameraden Messner Glück. Kammerlander musste nicht ein Zeh amputiert werden

Luis Brugger ist ja nicht der Einzige.
Das tut schon verdammt weh. Mir sind eigentlich nur Daniel Wellig, Konrad Auer und Reinhold Messner geblieben. Alle anderen, und das sind mehr als 80 Prozent all meiner Bergkameraden, leben nicht mehr. Bei uns gibt es keine Fangnetze wie bei Skirennen, keine Reifenstapel wie in der Formel 1. Ein Fehler endet bei uns meist tödlich.

Haben Sie eigentlich Angst vor dem Tod?
Nein, gar nicht.

Dass, was Sie aber gemacht haben und noch machen werden, ist doch lebensmüde.
Ich kann und will Ihnen gar nicht widersprechen. Wir sind oft ans Limit und ganz oft auch darüber hinaus gegangen. Nichtsdestotrotz lebe ich einfach gerne. Und ich will noch ganz lange leben.

Sind Sie nie mit dem Gedanken aufgebrochen, dass Sie vielleicht nicht mehr zu Ihrer Familie heimkehren könnten?
Noch nie. Ich war immer der festen Meinung, dass ich zurückkomme. Der Kopf muss frei sein. Stressen habe ich mich noch nie lassen. Während andere am Abend vor dem Gipfeltag zehn Mal ihren Rucksack kontrollierten, bin ich ganz entspannt schlafen gegangen. Ich musste mir sogar immer den Wecker stellen, sonst hätte ich die eine oder andere Gipfelbesteigung schlichtweg verpennt.

Haben Sie die Gefahren verdrängt?
Na klar! Das ist wie im wahren Leben. Man denkt oft nur an die schönen Seiten, die schlechten vergisst man. Andererseits muss man das auch abkönnen. Wer ständig am Berg Angst hat, sollte entweder Pilze sammeln oder ins Wirtshaus Karten spielen gehen.

„Mich reizt nur noch das Erlebnis und die Verbundenheit mit der Natur“

Ihre größten Erfolge feierten Sie mit Reinhold Messner. Was können Sie, was er nicht kann?
Skifahren. Ich war zu dem Zeitpunkt vielleicht der Einzige auf der Welt, der ganz gut Klettern und ganz gut Skifahren konnte. Also jenseits der 8000-Meter-Grenze halt (grinst). Einfach war es für mich trotzdem nicht. Besonders am Nanga Parbat über die Diamir-Flanke. Die Wand geht 4000 Meter nahezu senkrecht hinunter. Die Hänge haben eine Neigung von 60 Grad. Die sind so steil, dass Sie beim Skifahren mit Ihrem Hintern den Schnee im Stehen berühren. Wenn Sie da auch nur einmal stürzen, haben Sie in Ihrem Leben keine Zahnschmerzen mehr.

Am 10. Mai 1991 verlor Kammerlander Karl Grossrubatscher und Friedl Mutschlechner am Manaslu. Ende 2017 missglückte erneut der Versuch, ihn zu besteigen

Am 10. Mai 1991 verlor Kammerlander Karl Grossrubatscher und Friedl Mutschlechner am Manaslu. Ende 2017 missglückte erneut der Versuch, ihn zu besteigen

Wie ist das Gefühl, wenn man den Mount Everest auf zwei Brettern hinunterfährt?
Unbeschreiblich. Allerdings habe ich dort oben knapp zehn Minuten gebraucht, um loszufahren. Zum einen, weil es ein mythischer Moment war. Bis dato ist ja noch kein Mensch vom höchsten Berg der Welt abgefahren. Zum anderen, weil ich wusste, dass dies doch mit ein paar Risiken verbunden ist, wenn man über die Nordflanke auf dem Rongbuk-Gletscher abfährt. Mit normalem Skifahren hat das ja nichts zu tun. Man bekommt keine Luft, der Schnee ist hart wie Beton, der Körper schreit unentwegt nach Luft, die Lunge brennt. Gesund ist was Anderes.

Die Abfahrt verlief nicht nach Plan.
Der Anfang schon. Dann stand ich allerdings mitten auf einem Eisfeld, konnte keinen Schwung mehr setzen. Zum Glück hing da noch ein altes Fixseil. An diesem habe ich mich rüber gezogen und einen Handschuh verloren. Bei minus 40 Grad keine gute Idee. Ich wusste, nur ein paar Meter weiter unten ist vor Kurzem ein Inder ums Leben gekommen. Mein Plan war, dass ich bis dahin abfahre und dann einen Handschuh von ihm leihe. Ohne ihn hätte ich bei der Eiseskälte meine Finger verloren.

Hatten Sie keine Ersatz-Handschuhe dabei?
Wenn ich vorschriftsmäßig unterwegs gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich nicht einen einzigen Rekord aufgestellt. Am 23. Mai 1996 bin ich nachmittags um fünf los – um die Zeit geht man normalerweise dort ins Bett. Mein Gepäck war ein Rucksack aus Fallschirmstoff, ein paar Ski, eine Windjacke und ein Liter Wasser. Das wog zusammen fünf Kilo. Ich hatte sonst nichts dabei. Ein Back-up gibt es bei solchen Expeditionen nicht. Ganz nach dem Motto: Wenn‘s gut geht, bist a Held, wenn‘s schiefgeht, bist halt tot.

Umgekommen wären Sie fast bei einer Expedition mit Reinhold Messner. Die Doppelüberschreitung von Gasherbrum II (8034 Meter) zum Hidden Peak (8080 Meter) wurden ihnen beiden fast zum Verhängnis.
Das war aber weniger meine Schuld. Der Gletscher war fies und ekelhaft mit richtig viel Schnee. Es gibt Gletscher, da können Sie eine Herde Rindviecher rüber treiben. Der Gasderbrum gehört nicht dazu. Im Gegenteil. Bis zur Hüfte sind der Reinhold und ich im Schnee versunken. Immer wieder habe ich zu ihm gesagt: „Reinhold, halte Abstand, halte das Seil auf Spannung“. Der Reinhold war aber noch nie so ein guter Seilexperte. Manchmal war der wirklich schlampig. Und dann ging mitten im Gletscher eine Art Falltür auf und ich stürzte 15 Meter in die Gletscherspalte.

Wie hat Messner Sie da rausbekommen?
Wir hatten weder Steigeisen an den Füßen noch einen Klettergurt, lediglich wie Luis Trenker zu seinen besten Zeiten ein Seil um die Hüften gelegt. Als ich dann runterfiel, zog es mir das Seil bis unter die Brust. Ich wusste: Ab jetzt habe ich noch 15 Minuten zu leben. Dann geht mir die Luft aus. Mein Glück war aber, dass ich relativ schnell an meine Steigeisen gekommen bin. Die habe ich mir angezogen und mich an den eisglatten Wänden hochgezogen. Wenn mir auch nur ein Steigeisen runtergeflogen wäre, hätte das meinen sicheren Tod bedeutet.

Was haben Sie von ihm gelernt?
Besonnenheit. Immer und immer bremste er mich. „Hans, heute lassen wir das. Der Gipfel läuft uns nicht weg. Wir haben jederzeit die Chance, hier wieder zurückzukehren.“ Er hat mir erst beigebracht, dass man auch umdrehen kann, ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren.

Bei einem Interview sagte er mal, dass „Freunde“ der falsche Ausdruck für Ihre Beziehung sei. Mehr als eine starke Seilschaft sei es nicht gewesen.
Ich sehe das anders. Wenn man acht Tage mit einem Menschen zusammen so etwas wie eine Doppelüberschreitung durchzieht und dann auch noch sieben Achttausender gemeinsam besteigt, dann muss ich diesem Menschen zu 100 Prozent vertrauen können. Und mein Leben kann ich nur einem Freund anvertrauen. Und Reinhold habe ich zu jeder Sekunde mein Leben anvertraut. Deshalb nenne ich Reinhold auch einen Freund. Glauben Sie mir, besonders nach meiner Alkoholfahrt wusste ich für mich, was Freundschaft bedeutet. Das sind diejenigen, die nach einem schweren Schicksalsschlag mit einem reden statt ständig nur über einen.

Sie verursachten vor vier Jahren einen Autounfall mit fünf Fahrzeugen, bei dem ein junger Mann starb. Im Blut wies man Ihnen 1,48 Promille nach. Wie kam es dazu?
Ein Bergsteigerkollege feierte Geburtstag. Ich habe in der Nacht zuvor kaum geschlafen, weil ich von einer Vortragsreihe aus Deutschland kam. Dann wollte ich mit ihm schnell anstoßen und gleich wieder heim. Ich blieb jedoch länger, trank noch das eine oder andere Glas.

Was genau ist passiert?
Ich geriet auf der Straße durch ein grelles Licht auf die Gegenfahrbahn. Dem Richter habe ich gleich klargemacht, dass dies der größte Fehler meines Lebens war. Es war mehr als ein Fehler. Nun habe ich ein Menschenleben auf dem Gewissen. Das wird mich bis an mein Lebensende begleiten. Ich wünschte, ich könnte es rückgängig machen. Diesen Gedanken habe ich täglich.

Sie bekamen zwei Jahre auf Bewährung, ein Jahr Führerscheinentzug wegen fahrlässiger Tötung und Alkohol am Steuer.
Zu Recht. Wie gesagt: Das war ja mein großer Fehler. Andererseits war ich in der Nacht nicht der Einzige, der falsch handelte. Die Öffentlichkeit sah das anders. Ich war der Buhmann.

Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, sind Vorbilder. An dem Abend waren Sie es nicht.
Wenn ich den Everest auf Skiern runterfahre oder quer durch die Antarktis laufe, warum soll ich dann ein Vorbild sein? Das ist Quatsch. Der Dalai Lama ist ein Vorbild, die Mutter Theresa. Ich war hingegen nie eines und will auch keines sein. Mir war ganz wichtig, dass dieses Thema, also die Alkoholfahrt, auch im Film vorkommt. Nicht nur die schönen Zeiten, sondern auch die schlimmen und schlechten Zeiten sollen thematisiert werden. Es wird nichts beschönigt oder in ein anderes Licht gestellt: schonungslos, offen, ehrlich.

Wenn Sie zurückblicken: was haben Sie von den Bergen gelernt?
Demut, Demut und nochmals Demut. Und den Unterschied zwischen Gipfelglück und Gipfelerfolg.

Was ist der Unterschied?
Als ich als achtjähriger Bub den Moosstock hier in meiner Heimat, dem Ahrntal, hinaufkletterte, war das für mich Gipfelglück. Als Bergsteiger-Profi kamen nur Gipfelerfolge hinzu. Dies ist mir überhaupt nicht mehr wichtig.

Blicken Sie auf ein erfülltes Leben zurück?
Absolut. Ich habe am Berg und im Leben einiges falsch gemacht, vieles aber auch richtig. Das Wichtigste in meinem Leben aber ist meine Tochter Zara. Sie lebt in Hamburg bei Ihrer Mutter. Daher sehe ich sie nicht so oft, was sehr schade ist. Wichtig sind mir natürlich auch die Berge, die ich in Zukunft noch besteigen möchte. Höhe und Steilheit spielen dabei wirklich keine große Rolle mehr. Mich reizt nur noch das Erlebnis und die Verbundenheit mit der Natur.

EIN BEWEGTES LEBEN

Hannes Ringlstetter im Interview mit AlpsKammerlander lernte in den Südtiroler Dolomiten das Klettern und Kraxeln. Dort legte er den Grundstein für seine späteren Expeditionen

Heimat
Der kleine Hans kam 1956 im Südtiroler Ahornach auf die Welt, als Kind Nummer sechs. Die Berge zogen ihn schon immer magisch an, weswegen er im Alter von acht Jahren beschloss, die Schule zu schwänzen und einfach mal seinen ersten Dreitausender zu machen.

 
Erfolge
Zusammen mit Reinhold Messner bestieg Kammerlander sieben Achttausender und schaffte das, was zuvor noch niemandem gelang: Das Erfolgsduo Messner/Kammerlander kraxelte binnen weniger Tage auf zwei Achttausender: erst auf den Gasherbrum II, dann auf den Hidden Peak. Die erste Doppelüberschreitung der Geschichte.

 
Schicksal
Am 28. November 2013 verursachte Kammerlander einen Autounfall mit fünf Fahrzeugen. Es starb ein junger Mann. Die Polizisten stellten bei der lebenden Bergsteiger-Legende 1,48 Promille fest

 
Der Film
„Manaslu – Berg der Seelen“ ab 14. Dezember 2018 im Kino! Mehr Infos unter www.manaslu-film.com