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Gletschersterben: Alpenverein misst größten Längenschwund bei Pasterze seit Messbeginn

Pasterze 2023. Foto: Luca Jänichen für POW

Pasterze 2023. © Foto: Luca Jänichen für POW

Der jährliche Gletscherbericht des Österreichischen Alpenvereins zeigt auf: 92 von 93 Gletscher in Österreich zogen sich zurück, die Pasterze sogar um 203,5 m, ein für diesen Gletscher deutlicher neuer Negativrekordwert. Der aktuelle Bericht kann als weiteres „Warnsignal an die Klimapolitik“ gelesen werden.

Die ehrenamtlichen Gletschermesser des Österreichischen Alpenvereins haben für ihren aktuellen Gletscherbericht 93 Gletscher in Österreich beobachtet oder vermessen: Alle außer einer zogen sich im Gletscherhaushaltsjahr 2022/23 zurück. Im Vergleich zum letztjährigen Bericht sind die einstigen Eisriesen von 2022 auf 2023 im Mittel um 23,9 m kürzer geworden. Dies ist nicht nur der dritthöchste Wert in der 133-jährigen Geschichte des Alpenverein-Gletschermessdienstes, sondern auch der letzten sieben Jahre zugleich. Den höchsten Längenschwund weist Österreichs größter Gletscher, die Pasterze (Kärnten), mit einem für diesen Gletscher neuen Negativrekordwert von 203,5 m auf, gefolgt vom Rettenbachferner (Tirol) mit 127,0 m. Für den Österreichischen Alpenverein ist ein ausnahmsloser Schutz der Gletscher und deren Vorfelder dringender denn je.

Ein „Wahrzeichen Österreichs“ schmilzt rasant weiter. Noch nie zuvor haben die ehrenamtlichen Gletschermesser des Österreichischen Alpenvereins einen höheren Längenrückzug bei der Pasterze gemessen: Im Vergleich zum letztjährigen Gletscherbericht zog sich der größte Gletscher Österreichs in seiner Länge um insgesamt 203,5 m zurück, für die Pasterze ein Negativrekordwert. Insgesamt verlor die Pasterze an der Gletscherzunge 14,03 Millionen m³ Eis, was einem Würfel mit einer Kantenlänge von 241 m (fast die Höhe des Donauturms in Wien) entspricht.

Gletschermesser bei der Arbeit, Pasterze 2023. Foto: ÖAV Gletschermessdienst / Andreas Kellerer-Pirklbauer

Gletschermesser bei der Arbeit, Pasterze 2023. Foto: ÖAV Gletschermessdienst / Andreas Kellerer-Pirklbauer

Gletscherhaushaltsjahr „außerordentlich gletscherungünstig“

„Generell verlief das Gletscherhaushaltsjahr 2022/23 in Österreich außerordentlich gletscherungünstig“, informiert Gerhard Lieb, der gemeinsam mit Andreas Kellerer-Pirklbauer die wissenschaftliche Leitung des Alpenverein-Gletschermessdienstes bildet. Wie Kellerer-Pirklbauer ist Lieb hauptberuflich am Institut für Geographie und Raumforschung an der Universität Graz tätig. „24 Gletschermesser des Alpenvereins haben für den aktuellen Gletscherbericht 2022/23 insgesamt 93 Gletscher in Österreich beobachtet oder vermessen: Alle Gletscher außer einer zogen sich in der Länge zurück. Knapp 99 Prozent der beobachteten Gletscher wurden also kleiner. Das Bärenkopfkees in der Glocknergruppe blieb stationär.“

Gletschermesser bei der Arbeit, Seekarlesferner 2023. Foto: ÖAV Gletschermessdienst / Markus Strudl

Gletschermesser bei der Arbeit, Seekarlesferner 2023. Foto: ÖAV Gletschermessdienst / Markus Strudl

Drei Rekordwerte innerhalb der letzten 7 Jahre

Der mittlere Rückzugsbetrag der 79 sowohl 2022 als auch 2023 vermessenen Gletscher betrug –23,9 m. An 14 weiteren Gletschern wurde die Tendenz durch Fotovergleiche oder Mehrjahreswerte ermittelt. In der 133-jährigen Geschichte des Alpenverein-Gletschermessdienstes ist dies der dritthöchste Wert hinter jenen der Messjahre 2021/22 mit –28,7 m und 2016/17 mit –25,2 m – alle drei Negativrekordwerte wurden also innerhalb der letzten 7 Jahre erreicht. „Eine zwar späte, aber sehr lange und warme Schmelzperiode im Jahre 2023 war erneut die Hauptursache für die äußerst gletscherungünstigen Gegebenheiten“, analysiert Andreas Kellerer-Pirklbauer vom Österreichischen Alpenverein. Und weiter: „Am vergletscherten Sonnblick wurde mit 15,7°C am 11. Juli 2023 ein neues absolutes Temperaturmaximum gemessen.“

Größter Rückzug in Kärnten und Tirol

Die maximalen Rückzugsbeträge lagen im Berichtsjahr 2022/23 deutlich über denen des Vorjahres, in dem sich kein Gletscher um mehr als 100 m zurückgezogen hatte. Im aktuellen Berichtsjahr waren die fünf Gletscher mit den höchsten Rückzugsbeträgen die Pasterze (Kärnten, Glocknergruppe) mit dem neuen Rekordwert für diesen Gletscher von 203,5 m, der Rettenbachferner (Tirol, Ötztaler Alpen) mit 127,0 m, der Sexergertenferner (Tirol, Ötztaler Alpen) mit 93,7 m, das Schlatenkees (Osttirol, Venedigergruppe) mit 92,8 m und der Fernauferner (Tirol, Stubaier Alpen) mit 68,0 m.

Gletscherbericht als „Warnsignal an die Klimapolitik“

Laut dem Gletscherbericht des Alpenvereins gibt es in Österreich keinen Gletscher mehr, der über ein Nährgebiet verfügt, das die bestehende Eismasse auch nur annähernd erhalten könne. „Die österreichischen Gletscher existieren nur mehr aufgrund der in der Vergangenheit angesammelten Eisreserven“, informieren Lieb und Kellerer-Pirklbauer. Der aktuelle Bericht kann laut den Leitern des Alpenverein-Gletschermessdienstes daher „als Warnsignal an die Klimapolitik“ gelesen werden.

Ausnahmsloser Gletscherschutz dringender denn je

Seit Jahren weist der Österreichische Alpenverein auf den dringenden und ausnahmslosen Schutz der Gletscher hin. Besonders zerstörerische Erschließungen von bisher unberührten Gletscherflächen sind laut Alpenverein in Zeiten der Klimakrise alles andere als zeitgemäß. „Ein Umdenken der Politik ist hier dringend notwendig! Wir müssen uns jetzt zu einem naturverträglichen Tourismus hinbewegen – Erschließungen von bisher unberührten Gletscherflächen sind Raubbauten an der Natur“ betont Nicole Slupetzky, Vizepräsidentin des Österreichischen Alpenvereins, die durch ihren Vater, den Geographen und Glaziologen Prof. Heinz Slupetzky, dem Thema Gletscher von Kindesbeinen an sehr verbunden ist.

Die Forderung nach einem ausnahmslosen Gletscherschutz, der neben den Gletscherflächen auch die Gletschervorfelder – die seit 170 Jahren eisfrei gewordenen Flächen – und Moränen umfasst, ist laut Alpenverein dringender denn je. „Neue Gletscher und Gletschervorfelder zu erschließen, bedeutet für uns ganz klar ein Überschreiten einer roten Linie“, betont Slupetzky.

Aktuell gibt es beispielsweise Ausbaupläne für das Skigebiet „Pitztaler Gletscher“, wo drei bisher skitechnisch unerschlossene Gletscher verbaut werden könnten. Bei den Erweiterungsplänen des Skigebiets „Kaunertaler Gletscher“ würde mit dem Gepatschferner sogar eine der größten noch verbliebenen Gletscherflächen der Ostalpen erschlossen. Erst im März hat die Tiroler Landesregierung festgestellt, dass für diese Pläne eine Umweltverträglichkeitsprüfung verpflichtend durchzuführen ist. Im Bescheid verweist die zuständige Behörde auf gravierende Umweltauswirkungen, mit denen zu rechnen ist und geht dabei z.B. von untragbaren Auswirkungen auf die Schutzgüter Landschaft und Erholungswert aus.

Timelapse Gepatschferner (Ötztaler Alpen) Juli 2020 bis Oktober 2023. (c) Martin Mergili (Uni Graz), Stefan Haselberger (Uni Wien/PHUSICOS)

Gletschermessdienst in Zahlen

Der Gletschermessdienst des Österreichischen Alpenvereins beobachtet bereits seit 133 Jahren die Gletscher in Österreich und registriert akribisch deren Längenänderungen. An einigen Gletschern werden zusätzlich Messungen der Fließgeschwindigkeiten und der Oberflächenhöhenveränderung durchgeführt, die ebenfalls massive Abnahme der Höhe des Eises und der Bewegungsgeschwindigkeiten zeigt. Die Gletscherberichte und die Fotodokumentationen aus den

Alpenvereins-Archiven vermitteln ein einzigartiges Bild von der Entwicklung der Gletscher in den Ostalpen und sind wissenschaftlich von nationaler und internationaler Relevanz.

Den beiden Leitern des Alpenverein-Gletschermessdienstes Mag. Dr. Gerhard Karl Lieb und MMag. Dr. Andreas Kellerer-Pirklbauer wurden für den Gletscherbericht 2022/23 von 24 Gebietsverantwortlichen („Gletschermessern“) 19 Berichte aus 17 Teilgebieten in 12 Gebirgsgruppen vorgelegt. Die Messkampagnen fanden zwischen 14.8. und 12.10.2023 statt.

Mehr Infos unter www.alpenverein.at/gletschermessdienst