Hans Kammerlander über Fehler am Berg und warum sie so menschlich sind
FNuptse-Südwand, 1997. Ein Ziel, wie für mich gemacht. Damals der höchste unbestiegene Berg der Welt, ein markanter Gipfel wie wenige andere. Die Bedingungen: perfekt. Ich brach mit meinem Freund Mauro Lutzenberger ins Hochlager auf. Am nächsten Tag wollten wir über die Südflanke bis ganz nach oben. Wir waren gerade dabei, das Zelt aufzubauen, da merkte ich, dass ich meine Eisschrauben nicht im Rucksack verstaut hatte. Wir diskutierten, wogen ab und immer wieder ärgerte ich mich darüber, so einen kapitalen Fehler begangen zu haben. Ein Weitergehen war nicht möglich, wir mussten umdrehen.
Routinefalle Berg: Wenn Erfahrung zur Gefahr wird
Der Mensch ist nicht dafür geschaffen, perfekt zu sein. In dem Moment, wo sich jemand dafür entscheidet, in die Berge zu gehen, können Fehler passieren und ein Restrisiko bleibt – egal wie vorsichtig jemand ist. Sicher, Fehler wie meiner damals in Nepal, sollten einem Profi nicht passieren. Und doch ist die Liste lang. Am Kangchendzönga verlor ich beinahe meine Zehen, weil in der Nacht Schnee in meinen Schuh rieselte. Er war aus meinem Schlafsack rausgerutscht, ein Fehler, ganz klar. Ich schaffte es zwar auf den Gipfel, aber danach wurde es kritisch. Oder bei der Gasherbrum-Doppelüberschreitung mit Reinhold Messner, als ich kurz nach diesem Husarenritt vor dem Erreichen des Basislagers in eine Gletscherspalte stürzte. Ein lapidarer Sicherungsfehler, weil die Konzentration nachließ. Da wäre ich um ein Haar gestorben.
Warum selbst Profis Fehler machen – und wie schnell es lebensgefährlich wird
Jeder, der Berge so erlebt hat wie ich in meiner Hochphase, kann solche Geschichten erzählen. Gerade wenn jemand sehr erfahren ist, wundern sich die Leute, wie so etwas passieren kann. Dann sind die Besserwisser schnell da, häufig mit Anschuldigungen, wie zuletzt bei Laura Dahlmeier. Wie oft ich gelesen habe, dass man bei den Bedingungen nicht hätte gehen dürfen. Oder wenn sich ein Unfall ereignet, in den Bergführer verwickelt sind. Wie konnte das passieren, heißt es dann. Niemand redet darüber, dass Erfahrene eben ständig in den Bergen unterwegs sind. Dann steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passieren kann. Häufig sind es Routinefehler im leichten Gelände. In der schwierigen Wand ist die Konzentration auf dem Höchstpunkt. Beim Abstieg über die Normalroute ist sie plötzlich weg. Dann passieren die meisten Unfälle.
Typische Fehler von Hobby-Bergsteigern – zwischen Leichtsinn und Übervorsicht
Bei Normalbergsteigern sind es andere Fehler, die sich negativ auswirken. Ein Hüttenwirt hat mir letzthin erzählt, dass spät am Abend zwei Wanderer auf seiner Schutzhütte in den Dolomiten ankamen. Am nächsten Tag beobachtete er, wie einer von ihnen ein Handyvideo anschaute, um zu verstehen, wie man die Wanderschuhe richtig schnürt. Wenn solche Figuren am Berg unterwegs sind, brauchst du dich nicht wundern … Es gibt aber auch das andere Extrem: Der Rucksack wiegt 20 Kilo, weil alles nach Lehrbuch drinsteckt und dazu noch einmal die komplette Reserve. Müdigkeit, Verlust des Gleichgewichts: Die schwere Last ist ein Risikofaktor. Ein bisschen abzuwägen wäre gut, um Gefahren zu vermeiden.
Fehler als Chance: Warum sie am Berg Leben retten können
Eines ist jedoch klar. Solange Menschen in den Bergen unterwegs sind, wird es Unfälle geben. Fehler sind menschlich, aber, und darauf kommt es an, sie sollten sich nicht wiederholen. Manchmal bewahren sie einen sogar vor Schlimmerem. Als ich nach unserer Rückkehr ins Basislager des Nuptse mit dem Fernglas nach oben schaute, war ich schockiert. Genau an der Stelle, wo unser Zelt stand, war ein Eisserac niedergegangen. Es wäre unser sicherer Tod gewesen. Aus diesem Fehler, den ich am Berg gemacht habe, ist also großes Glück entstanden.
Der 1956 in Südtirol geborene Extrembergsteiger gehört zu den bekanntesten seines Fachs. Er stand auf 12 Achttausendern und meisterte als Erster eine von zwei Varianten der Seven Second Summits. In jeder Ausgabe von ALPS erzählt Kammerlander eine Geschichte, die ihn besonders geprägt hat.
Web: www.kammerlander.com




