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Max von Milland: „Der Dialekt hat mir ein Stück Heimat nach Berlin geholt“

Max von Milland auf einer Straße in Milland bei Brixen in Südtirol

Zurück zu den Wurzeln: Max von Milland in Milland, der kleinen Fraktion von Brixen, die Teil seines Künstlernamens geworden ist. © Fotos: Silbersalz/Caroline Renzler

Max von Milland musste Südtirol erst verlassen, um zu verstehen, was Heimat für ihn bedeutet. In Berlin fand der Musiker nicht nur seinen Weg auf die Bühne, sondern auch zu seiner eigenen Sprache: dem Dialekt. Heute verbindet er Südtiroler Mundart mit internationalem Sound und bewegt sich ganz selbstverständlich zwischen Brixen, München und der großen Musikwelt. Im Gespräch mit ALPS erzählt er, warum Distanz den Blick auf die eigenen Wurzeln verändert, weshalb Dialekt für ihn Freiheit bedeutet – und warum er sich längst in zwei Welten zu Hause fühlt

Langer blauer Mantel, Spitzenbordüren an den Ärmeln. Zum Fotoshooting hat Max Hilpold die Tracht der Brixner Musikkapelle mitgebracht. Sie gehörte seinem Großvater. Mit Wurzeln spielen ohne sie zu verklären: Das passt zu dem 40-jährigen Südtiroler. Er weiß früh, dass er hinaus in die Welt will und hat doch nie den Bezug zu seinem Viertel verloren. Milland, eine kleine Fraktion von Brixen, ist heute Teil seines Künstlernamens. Da steht er also, am Ortsrand. Hinter ihm die Berge, der Himmel voller Kondensstreifen. Als wäre in ein Bild gerahmt, was ihn ausmacht: Er liebt die Natur und den Aufbruch. Der Deal mit seinen Eltern nach dem Abitur ist klar: Ein Jahr Berlin, um eine Musikausbildung zu machen. Danach soll etwas Vernünftiges kommen. An Neujahr kommt er an, mit halb ausgeschlagenem Zahn, die Spree gefroren, überall liegen Reste der Silvesternacht. Berlin begrüßt ihn mit Chaos. Und doch beginnt hier alles.

Muss man weggehen, um herauszufinden, was Heimat bedeutet?
Ich glaube, das hilft. Der Impuls wegzugehen, kommt oft aus der Sehnsucht, Neues zu sehen. Und irgendwann, unterwegs, kann sich die Perspektive drehen und man bekommt einen neuen Blick auf den Begriff Heimat. Ich habe erst in Berlin verstanden, wie sehr mir die Natur fehlt, weil sie in Südtirol einfach immer so nah war.

Max von Milland spielt Gitarre bei einem Schwarz-Weiß-Fotoshooting

Seine ersten Songs schrieb Max von Milland noch auf Englisch. In Berlin wechselte er zum Dialekt – und fand damit zu seiner eigenen musikalischen Sprache. © Foto: Silbersalz/Caroline Renzler

Südtirol ist eine kleine Realität: Musstest du weggehen, um erfolgreich sein zu können?
Der Stellenwert von Kunst in Südtirol ist: Es darf nur ein Hobby sein. Wenn du als Musiker davon leben möchtest, dann spielst du auf Hochzeiten oder in Hotels. Das sind natürlich nicht gerade tolle Aussichten, es ist alles etwas limitiert und eingeschränkt. Trotzdem gehen so viele Charakterköpfe aus dem kleinen Land hervor. Giorgio Moroder, Markus Lanz, Jannik Sinner – alle in unterschiedlichen Bereichen, aber so gut in dem, was sie machen. Das ist eine der guten Eigenschaften der Südtirolerinnen und Südtiroler, wir wissen, dass man sich anstrengen muss, um etwas zu erreichen.

In Berlin hat dein Weg zur Musik richtig angefangen. Wie hast du die Anfangszeit erlebt?
Ich sehe es noch vor mir, wie ich von Bergamo nach Tegel fliege, im Studentenheim ankomme und erst mal allein bin, ganz anders, als ich mir das vorgestellt hatte … Zudem hatten sich meine Eltern gerade getrennt, ich hätte nicht schnell mal für ein Wochenende heimkommen können. Es gab auch keine Videocalls. Ich wollte zwar unbedingt weg aus Südtirol, aber die Stadt empfing mich nicht mit offenen Armen.

 

Lieblingsspeise Vinschgerle mit Speck

 

Nie ans Aufgeben gedacht?
Trotz der Widerstände habe ich keine Minute daran gezweifelt, es nicht durchzuziehen. Das Jahr ging zu Ende, und ich spürte, dass ich noch nicht fertig war. Eine Kollegin aus der Musikschule in Berlin meinte, bei MTV suchen sie Leute. Ich habe mich beworben und der Rest ist Geschichte. Ist es nicht oft so im Leben? Wenn du etwas wirklich willst, dann passieren Dinge auch.

 

Und dein Weg wird lang, und a Hoch geht
mit eim Tief oft Hand in Hand – aber des
alles tuat nichts – wenn du woasch, wohin
und woasch wer du bisch.

 

Was war dein Job bei MTV?
Ich war Bandbetreuer von Acts wie „Kings of Leon“ oder auch den „Sportfreunden Stiller“, das war großartig. Von einem Tag auf den anderen war ich mittendrin. Es war eine einzige, durchgehende Fete. Ich war ständig auf Konzerten und unterwegs und habe viel gelernt über das Business. Somit hatte ich im Job ständig mit Musik zu tun und in der wenigen freien Zeit habe ich mit meiner damaligen Band gespielt.

Am Anfang habt ihr vor allem Coverversionen gespielt. Wann bist du endgültig zum Songwriter geworden?
Geschrieben habe ich schon in der Schulzeit, aber am Anfang noch viel auf Englisch. In Berlin saß ich dann einmal beim Texten und dachte plötzlich, dass ich nicht mehr im Wörterbuch nachschauen möchte, wie man etwas sagt. Es hat sich nicht mehr authentisch und echt für mich angefühlt. Ab dem Moment habe ich nur noch auf Dialekt geschrieben.

Hattest du Heimweh?
Ich glaube, es hatte damit zu tun, auch wenn ich mir das nie eingestanden hätte. Heute weiß ich: Der Dialekt hat mir ein Stück Heimat nach Berlin geholt.

Weil Sprache Identität ist?
Total. Auf Englisch kannst du dich mehr hinter dem Text verstecken. Ich musste mich fragen: Was sind die Themen, die mich interessieren? Was will ich eigentlich sagen? Es war ein Befreiungsschlag.

Hast du deshalb den Song „Woher i eigentlich kimm” geschrieben?
Mir ist erst dann bewusst geworden, wo ich herkomme. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es Max von Milland nicht geben würde, wenn ich nicht weggegangen wäre. Durch die Distanz habe ich die Heimatliebe erfahren. In dem Lied beschreibe ich aber auch, dass Heimat nicht zwingend auf die Geografie oder Herkunft begrenzt ist. Du fühlst dich dort daheim, wo du mit Menschen auf einer Wellenlänge bist.

 

Dahoam isch wo es seids
Ob do oder in der Welt vertoalt
Dahoam, immer nah bei mir
A wenn i mi mal wieder selbst verlier

 

Hat dir der Dialekt am Ende den Plattenvertrag ermöglicht?
Mit Sicherheit. Zur damaligen Zeit gab es einen kleinen Mundart-Hype. „LaBrassBanda“ war gerade groß. Es war schon surreal: Auf einmal saß ich in großen Meetingräumen mit Universal-Logo drauf und es ging um das Produkt, also mich. Ich war 23, kannte das Business ein bisschen von MTV, aber selbst drinzustecken, war schon was anderes. Heute weiß ich natürlich, dass da auch Luftschlösser gebaut werden und dass man schnell fallengelassen wird, wenn es sich wirtschaftlich nicht rentiert.

Herbert Pixner sagte im Gespräch mit ALPS einmal, dass er nie bei einem Major Label unterschreiben wollte, weil er hätte machen müssen, was andere wollen. Hast du nie gezweifelt?
Ich war am Anfang nicht so kompromisslos wie er. Ich wollte ja in den Mainstream rein und wollte, dass meine Lieder auf MTV und VIVA laufen, was ich ja dann auch geschafft habe. Heute weiß ich, dass ich die Erfahrung gebraucht habe, um zu verstehen, wie alles läuft und wer ich bin. Erst dadurch habe ich verstanden, dass ich selbst entscheiden möchte, wie ich wahrgenommen werde. Das ist Freiheit.

Wie möchtest du wahrgenommen werden?
In den 15 Jahren, die ich jetzt dabei bin, hat sich das Bild von mir immer wieder verändert. Am Anfang wurde ich manchmal belächelt, vielleicht auch wegen des Künstlernamens. Aber, wenn Menschen merken, dass das dein Weg ist und du diesen konsequent gehst, kommt immer mehr Respekt. Es fängt an, bei den Leuten präsent zu sein, die Fanbase im Alpenraum wird größer. Das ist eine schöne Phase jetzt.

Max Hilpold wollte immer auf die Bühne. Das Gitarrespielen bringt er sich selbst bei, heimlich bei einem Freund. Er weiß nicht, wohin ihn das alles führen wird, aber eines merkt er gleich: Er ist der geborene Frontmann. Einer, der sich um alles kümmert, der organisiert und schaut, dass die Leute unterhalten werden. Der, anders als manche Musiker, nach einem Konzert sofort raus zu den Leuten will. Weil er wissen will, warum sie da sind und wo sie herkommen. Etwa 40 Konzerte spielt Max von Milland mit seiner Band im Jahr. Ab und zu schneit er auch in der Agentur seiner Schwester rein und arbeitet an Projekten mit. Und dann ist da noch „Schachmax“, eine sehr unterhaltsame Sendung im regionalen Fernsehen. Survival-Nacht im Freien, Abiturprüfung nachholen: In jeder Folge stellt er sich einer neuen Aufgabe. Wenn das eine das andere ergibt, ist er im Flow.

Detailaufnahme von Max von Milland mit Gitarre und Spitzenärmeln der Brixner Tracht

Die Spitzen gehören zur Tracht der Brixner Musikkapelle, die einst Max von Millands Großvater trug. Zum Fotoshooting verbindet der Musiker damit Familiengeschichte und Gegenwart. © Foto: Silbersalz/Caroline Renzler

Du lässt dich nicht auf eine Sache festlegen. Welcher Beruf entspricht dir am meisten?
Ganz klar der des Musikers. Aber mir gefällt auch das Wirtschaftliche, die Organisation. Ich sage immer, es gibt den Wirtschaftsmax und den Künstlermax. Früher war der Wirtschaftsmax lauter. Heute lasse ich den Künstler mehr laufen. Das fühlt sich richtig an.

Schreibst du permanent Lieder?
Ja. Die Branche verändert sich. Die klassische Platte ist nicht mehr so existent, es geht viel um Singles und EPs mit ein paar Songs. Ich muss nicht mehr zwölf Lieder aufnehmen, es reichen fünf gute. Das gibt neue Freiheiten.

Gibt es Dinge, die man im Dialekt schwerer ausdrücken kann?
Die deutsche Sprache ist wie ein Skalpell. Unser Dialekt ist das nicht. Bei uns in Südtirol interessiert es niemanden, ob ich Latten oder Pfosten sage, wenn ich vom Fußballtor spreche. In Deutschland habe ich eine sprachliche Genauigkeit übernommen. Da muss ich aufpassen, denn es würde nicht zu meinen Liedern passen. Ich glaube aber nicht, dass Leute wegen meines Dialekts zum Konzert kommen. Musik ist eine universelle Sprache, der Dialekt ist sekundär. Die Musik, die Frequenzen reißen die Menschen mit. Es berührt sie, wenn sie merken, dass das ehrlich ist, was du machst.

Hast du mit der Zeit gelernt, was du in ein Lied geben musst, damit es gut wird?
Früher war ich zu detailliert in der Beschreibung, und ich habe dem Zuhörer zu wenig Raum gegeben für eigene Interpretationen. Das mache ich jetzt anders. Und ich notiere mir, wenn ich einen guten Gedanken oder Einfall habe. Wie bei „Hoi“: Ich merkte, dass dieser Südtiroler Gruß bei den Leuten eine Reaktion ausgelöst hat. Und das habe ich in mein Notizbuch geschrieben. Als ich mich zum Texten hingesetzt habe, war der Song nach zehn Minuten da. Aber immer geht es natürlich nicht so schnell.

 

Woasch, weil alles isch zu mochn,
wenn di trausch,
jo, alles isch zu mochn,
wenn di trausch
und dir vertrausch.

 

Was würdest du deinem jüngeren Ich sagen?
Mach dich locker, sei nicht so verbissen: Du musst deine eigenen Erfahrungen machen, du kannst sie nicht übernehmen. Und bleib dir treu.

Wie klingt der Sound von Brixen?
Das Leben pulsiert hier nicht gerade. Es ist also ein leises Lied (lacht).

Kommst du gerne her?
Immer wieder. Die Luft riecht anders, das Schild am Brenner mit Südtirol. Das heißt heimkommen. Aber ich liebe es auch, wieder wegfahren zu können. Nur in der großen Welt würde ich eingehen, nur in Brixen auch. Ich bin zwischen den zwei Welten daheim, das ist ein schönes Gefühl.

 

Lieblingswort im Dialekt Oschpele (ups, hoppla)

 

Was macht Südtirol aus?
Die Architektur, die Kulinarik, die Verbindung von Tradition, die in die Moderne geholt wird. Das machen wir gut.

Was schätzt du an München?
Es ist der perfekte Ort für Südtiroler. Wenn ich sage, wo ich herkomme, dann leuchten die Augen. München hat genau die richtige Größe, es ist nah an Südtirol und hat doch internationales Flair.

Hat dich deine Herkunft aus einer Grenzregion geprägt?
Schwer zu sagen. Die Vielfältigkeit zeichnet das Land aus. Ich bin für das verbindende, einladende, herzliche Südtirol und dafür, sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Mit dem Heimatbegriff habe ich mich viel beschäftigt, aber ich möchte mich nicht die ganze Zeit darüber definieren. Alleine, dass ich im Dialekt singe, ist ein Statement.

Max Hilpold steht auf. Im Hotel, das er als Treffpunkt für das Gespräch vorgeschlagen hat, steht zufällig eine Gitarre herum. Er nimmt sie in die Hand und fängt an zu spielen. Während er singt, wirkt nach, was er gesagt hat. Das Wandeln zwischen den Welten macht ihn glücklich. Im Frühjahr wird er mit seinem neuen Programm auf Tour gehen. Ein roter Faden zieht sich durch die Songs, einer, der universell ist. „La la la la la la la”, singt er, „Mir spiern heit lei Liebe.” Nur Liebe – das ist alles, was zählt.

Musiker Max von Milland mit Gitarre im Schwarz-Weiß-Porträt

Max von Milland schreibt und singt im Südtiroler Dialekt. Für ihn wurde die eigene Sprache zu einem Stück Heimat – und zu seiner musikalischen Handschrift. © Foto: Silbersalz/Caroline Renzler