Tracht muss nicht neu erfunden werden, um neu auszusehen. Manchmal genügt es, ihre vertrauten Bestandteile aus den gewohnten Zusammenhängen zu lösen. Ein Janker trifft auf Denim. Das Mieder verliert den dazugehörigen Rock und findet eine Hose. Zum Dirndl kommen nicht die erwartbaren Trachtenschuhe, sondern Slingbacks oder Mules. Und eine klassische Weste funktioniert plötzlich mit Poloshirt und moderner Wollhose.
Genau davon erzählt die Modestrecke aus ALPS 70. Ihre Looks behandeln Tracht weniger als festgelegte Kombination denn als Garderobe, aus der sich einzelne Stücke herauslösen und neu zusammensetzen lassen.
Der Janker verlässt die Trachtengarderobe
Besonders deutlich wird das beim Janker. Stajan, Lodenfrey, Grasegger und Heinzelstück zeigen ihn in unterschiedlichen Materialien und Interpretationen – Stylistin Yuliya Hasanov kombiniert ihn jedoch nicht ausschließlich mit klassischen Trachtenstücken.
Schon der Auftakt der Strecke macht das Prinzip sichtbar: Model Hubert trägt einen Trachtenjanker von Stajan und eine Lodenfrey-Weste zur Bogner-Jeans. Model Sophie kombiniert ihren Stajan-Janker mit einem Denim-Midirock, Model Chiara einen Denimjanker mit weit ausgestellter Jeans. Traditionelle Form und zeitgenössische Silhouette stehen dabei nicht gegeneinander. Sie ergänzen sich.
Auch bei der Herrenmode funktioniert dieser Ansatz. Walk, Loden und Cord treffen auf Poloshirt, moderne Wollhose oder ein schlankes Tailoring. So wird aus dem klassischen Trachtenjanker ein Kleidungsstück, das weit über seinen traditionellen Anlass hinaus funktioniert.
Das Dirndl braucht keinen Traditionsbruch
Ähnlich ergeht es dem Dirndl. Die Modelle von Traumtrachten und Heinzelstück werden nicht dadurch modern, dass man ihnen ihre charakteristischen Merkmale nimmt. Mieder, Bluse, Rock und Schürze bleiben klar erkennbar.
Neu wirkt vielmehr das Drumherum. Samt-, Leder- und Fake-Fur-Taschen aus der Pasticcino-Linie von Weekend Max Mara, Slingback Pumps von Valentino oder Mules von Aeyde verschieben den Look aus dem ausschließlich traditionellen Kontext in eine selbstverständliche moderne Garderobe.
Das Dirndl muss sich dabei nicht verkleiden, um zeitgemäß zu wirken. Gerade die Spannung aus vertrauter Silhouette und unerwartetem Styling gibt ihm eine neue Präsenz.
Tracht wird zum Baukastensystem
Noch interessanter wird es dort, wo die vollständige Tracht ganz aufgelöst wird. Chiara trägt ein Trachtenmieder von Grasegger zur passenden Trachtenhose. Sophie kombiniert Brokatjanker und Trachtenrock, andernorts trifft der Glockenrock von Heinzelstück auf Kurzarmpulli und Janker.
Solche Looks zeigen, wie vielseitig einzelne Elemente einer Trachtengarderobe sein können. Mieder, Weste, Janker oder Rock müssen nicht auf ihren angestammten Partner warten. Sie funktionieren als eigenständige Kleidungsstücke – und eröffnen damit wesentlich mehr Kombinationsmöglichkeiten.
Accessoires setzen den Kontrapunkt
Eine wichtige Rolle spielen dabei die Accessoires. Sie müssen nicht aus der Trachtenwelt stammen, um mit Tracht zu funktionieren. Im Gegenteil.
Die Pasticcino Bags von Weekend Max Mara tauchen in Samt, Leder und Fake Fur auf. Dazu kommen Schmuck von Kurt Geiger, die augenzwinkernde „Saucisse Blanche“ von Carl Weishaupt sowie Schuhe von Valentino, Aeyde, HalfS und Marco Tozzi.
Gerade diese Details verhindern, dass aus den Kombinationen ein historisierendes Gesamtbild entsteht. Sie setzen kleine Brüche – und geben den Looks Individualität.
Moderne Tracht kennt ihre Herkunft
Darin zeigt sich eine der interessantesten Entwicklungen alpiner Mode: Tradition und Zeitgeist müssen keine Gegensätze sein.
Ein Janker darf ein Janker bleiben. Ein Dirndl muss seine Silhouette nicht aufgeben. Loden, Walk, Brokat oder Cord brauchen keine modische Rechtfertigung. Entscheidend ist vielmehr, wie diese Stücke heute getragen und miteinander kombiniert werden.
Die Mode aus ALPS 70 versteht Tracht deshalb nicht als festgelegten Dresscode. Sie behandelt sie als Garderobe mit Geschichte – und genau diese Geschichte macht sie interessant für neue Kombinationen.
Fotografiert wurde die Strecke im Alpinen Museum des Deutschen Alpenvereins auf der Münchner Praterinsel. Sonderausstellung, Bibliothek, Museumsgarten und die historische Höllentalangerhütte wurden für einen Tag zur Kulisse der Mode. Dem Museum selbst und der Frage, wie dort alpine Geschichte bewahrt und ihre Zukunft verhandelt wird, widmen wir einen eigenen Beitrag.
Fotos
Stefan Pabst @stpabmuc
Styling
Yuliya Hasanov @yuliya.hasanov
Photo-Assistant
Isabella Pötter, @isidiekamerafrau
Styling-Assistant
Nata Pysarenko, @dr.natapysarenko
Hair & Make-up
Katia Kostidou, @kayalized
Natalia Winkler, @nataliawinkler.makeup
Yvonne Kaspar, @yvonnekasparmakeup
Flechteria Team, @flechteria
Models
Sophie Hanisch @sophi.hx
Chiara Breiner @chiara.breiner
Hubert Kneisl @hubert__knl
Location
Alpines Museum des Deutschen Alpenvereins e. V., @alpinesmuseum_dav



















