Sechs Jahrzehnte lang lenkte Herbert Ritter den Skibus durch Schnee, Nebel und enge Kehren zwischen Warth und Schröcken. Er erlebte den Aufstieg einer ganzen Region, brachte Generationen von Gästen sicher auf die Piste und wurde selbst zur Legende des Arlbergs. Die Geschichte eines Mannes, der den Winter nicht nur befuhr, sondern prägte
Skibusfahrer am Arlberg: Ein Leben auf Schnee und Bergstraßen
Wenn über den Hängen von Warth-Schröcken das erste Licht des Tages aufblitzt, beginnt ein Bild, das sich über sechs Jahrzehnte kaum verändert hat: Ein Bus zieht ruhig seine Spur die Bergstraße hinauf, durch enge Kurven, steile Passagen und frischen Schnee. Hinter dem Lenkrad sitzt mit Herbert Ritter aus dem kleinen Vorarlberger Bergdorf Schröcken ein Mann, der diese Route wie seine Westentasche kennt – und sie wie kaum ein anderer geprägt hat. Im Tal ist er längst als der „Ritter von Schröcken“ bekannt.

Gelassenheit am Steuer: Skibusfahrer Herbert Ritter aus Schröcken prägte über Jahrzehnte den Winterverkehr am Arlberg.
Vom Skirennläufer zum Fahrer des Skibusses in Schröcken
Sein Weg ins Skibusleben beginnt unerwartet: Als junger Skirennläufer bricht er sich das Bein, hilft im Familienbetrieb aus – und findet sich plötzlich hinter dem Steuer eines VW-Busses wieder. Damals war der Skitourismus in Warth-Schröcken noch ein junges Pflänzchen: wenige Lifte, kaum Infrastruktur, eine Bergstraße, die im Winter zum Abenteuer wurde. „Damals hatten wir vorne und hinten Schneeketten drauf“, erinnert sich Ritter. „Sonst wärst du gar nicht weggekommen.“
Ein Chronist der Skigeschichte in Warth-Schröcken
Über die folgenden Jahrzehnte hinweg erlebt Ritter den Wandel einer ganzen Region. Er ist dabei, als die ersten Lifte gebaut werden, bringt Gäste zum Salober, als die Schlepplifte noch im Mai im Schnee stecken, und fährt später die großen Busse, als Warth-Schröcken beginnt, touristisch aufzublühen. Er sieht, wie aus einem stillen Bergtal eine Wintersportdestination wird, wie Jahr für Jahr neue Pisten entstehen und wie die Verbindung ins Lechtal den Radius erweitert.
Vom Bergdorf zur internationalen Skidestination Ski Arlberg
Und er ist dabei, als der Auenfeldjet in der Saison 2013/14 und die Flexenbahn 2016/17 Warth-Schröcken endgültig mit dem Ski Arlberg verbinden – dem heute größten zusammenhängenden Skigebiet Österreichs. Für Ritter ist es „unglaublich, was sich da alles getan hat“, wie er sagt. „Von einem kleinen Gebiet zu einem internationalen Skigebiet – und ich mittendrin.“

Warten auf den Skibus: Für viele Wintersportler gehört der Bus in Warth-Schröcken zum täglichen Weg auf die Piste.
Schneereichstes Skigebiet Europas: Winter in Warth-Schröcken
Dass Warth-Schröcken heute als schneereichstes Skigebiet Europas gilt, wundert ihn nicht. Rund zehn bis elf Meter Naturschnee fallen hier durchschnittlich pro Winter – eine außergewöhnliche Konstanz, begründet durch die Staulage an der Nordseite des Arlbergs „Wenn es drüben in St. Anton schon aufgehört hat, hat’s bei uns weitergeschneit“, erzählt Ritter. Er erinnert sich an Winter, in denen Liftstützen nur noch knapp aus den Schneewänden ragten. An die Frühjahre, als der letzte Schnee erst im Juni schmolz. An Straßen, die in der Hochsaison kaum zu erkennen waren. „Schnee hatten wir immer“, sagt er. „Früher vielleicht gleichmäßiger, heute kommt er manchmal in einem einzigen Schub. Aber gefühlt ist es nicht weniger geworden.“
Der Mensch hinter dem Steuer: Gelassenheit, Vertrauen und Begegnungen
Bei allen Entwicklungen blieb eines konstant: Ritters Gelassenheit. „Wenn du dich aufregst, belastest du nur dich selbst“, sagt er – ein Satz, der wie ein Leitmotiv seiner Arbeit wirkt. Kinder warteten lieber auf „seinen“ Bus, als mit jemand anderem zu fahren. Gäste, die längst in alle Welt hätten reisen können, blieben ihm über Jahre treu. Und manchmal stieg sogar Königliches zu: der Fürst von Liechtenstein, die niederländische Königsfamilie, Prominente aus Sport und Gesellschaft. Aus einer spontanen Begrüßung – „Du bist der Fürst von Liechtenstein, ich bin der Ritter von Schröcken“ – entsteht sein Spitzname, der im Tal bis heute ein Lächeln auslöst. Doch nicht nur Heiteres bleibt hängen. Ritter erzählt auch still von Momenten, die ihn bewegten: von Lawinenabgängen, die nur Minuten hinter ihm in die Tiefe donnerten. Von Kindern, die ihm ihre Geschichten erzählten – schöne und traurige. Von Gästen, die ihn nach 16 Jahren Reisebegleitung wie einen Freund behandelten.
61 Winter im Skibus: Ein Abschied, der Geschichte schreibt
Als Herbert Ritter nach 61 Wintern am Ende der Skisaison 2024/25 beschließt, den Skibus ein letztes Mal zu parken, wird sein Abschied zu einer Szene, die an einen Film erinnert. Musik, Jubel, Tränen – ein ganzer Ort sagt Danke. Der letzte Bus wird zum „Partybus“, die Strecke zur Ehrenrunde. „Das war die Krönung“, sagt er heute. „Da wurde mir bewusst, wie viele Menschen ich in all den Jahren begleitet habe.“
Was bleibt: Ein Leben für den Winter am Arlberg
Heute fährt Herbert Ritter wieder Ski – frei, ohne Fahrplan, ohne Schneeketten, ohne Verantwortung für mehrere Dutzend Menschen hinter ihm. Doch oben an der Talstation am Salober, auf dem Pass zwischen Warth und Schröcken, wo Himmel und Schnee einander zu berühren scheinen, spürt er dieselbe Verbundenheit wie damals. Herbert Ritter ist mehr als ein Skibusfahrer. Er ist ein Zeitzeuge einer Region, die sich vom verschneiten Geheimtipp zur internationalen Skidestination entwickelte. Ein Mann, der mit Gelassenheit, Humor und unzähligen Schneekilometern ein Kapitel Arlberger Skigeschichte mitgeschrieben hat. Ein Mann, der 61 Winter lang dafür sorgte, dass Gäste sicher zum Skifahren kamen – und der dabei selbst zum Teil des Winters wurde.

Winter am Arlberg: Der Skibus schlängelt sich über die Passstraße zwischen Warth und Schröcken durch die verschneite Berglandschaft.




