Winterreise Slowenien: Zwischen Alpen und Adria liegt ein Land, das gerade in der kalten Jahreszeit seine ganze Faszination entfaltet. Von Bled mit seinem märchenhaften See führt die Route an die slowenische Adriaküste nach Piran, Izola und Koper. Schneebedeckte Berge, venezianische Altstädte, leere Gassen, Kaffeehauskultur und mediterranes Licht prägen diese Reise. Slowenien zeigt sich im Winter als ruhige, kulturell dichte Alternative zu klassischen Mittelmeerzielen – schnell erreichbar, überraschend vielfältig und voller Geschichten. Eine Reisereportage …
Von Niederbayern nach Bled – Winterlicher Zwischenstopp zwischen Alpen und Adria
Zwischen den Jahren geht es los – mit dem Auto an die slowenische Adria. Unser Weg führt über das niederbayerische Bad Birnbach, wo wir einen viertägigen Zwischenstopp einlegen, nach Kärnten und schließlich über die Grenze nach Slowenien. Von dort sind es nur rund 30 Kilometer bis nach Bled. Ganze 5000 Einwohner hat der am Bleder See gelegene Luftkurort, aber eine lange Geschichte. Von 1804 bis 1918 gehörte Bled zum habsburgischen Kaisertum Österreich, bis heute ist die Verbindung zu Kärnten auf vielfache Weise eng. Die ehemalige Sommerresidenz des jugoslawischen Königshauses, auch Tito hatte hier eine Villa, ist ein Glanzpunkt des kleinen, kulturell so faszinierenden 2-Millionen-Einwohner-Staates Slowenien.
Der Bleder See und seine Inselkirche – Sloweniens märchenhafter Winterklassiker
Das besondere Wahrzeichen von Bled ist die Marienkirche auf einer kleinen Insel inmitten des fast surreal türkisblauen Sees. Auch im Winter lohnt die Überfahrt mit einer „Pletna“, dem traditionellen hiesigen Holzboot. Die liebliche Schönheit der gesamten Szenerie sucht ihresgleichen. Und so lockt die Burg auf dem Felsen über dem See an diesem strahlenden Neujahrstag viele Touristen. Von hier hat man einen großartigen Blick über die Landschaft und die verschneiten Karawanken, die wir kurz zuvor im Autobahntunnel unterquert hatten. Sogar das Burgmuseum ist im Winter geöffnet. Unbedingt zu empfehlen ist eine Vesper oder Übernachtung im Hotel Stari Farovž mit seinen schlichten, schönen Zimmern im alten Pfarreihaus, einem der ältesten Gebäude der Stadt.

Der Bleder See im Winter: Was für ein Panorama! Von 1804 bis 1918 gehörte Bled zum habsburgischen Kaisertum Österreich. © Foto: Jaka Ivančič
Von den Alpen ans Meer – Die kurze Reise von Bled nach Piran
Am nächsten Morgen: Autoscheiben freikratzen! Es ist nun mal Winter. Aber jetzt geht es gen Süden nach Piran. Ans Meer. Nicht einmal zwei Stunden Fahrt, dann ist aus der alpinen Landschaft eine mediterrane geworden – selbst wenn die schneebedeckte Alpenkette je nach Wetterlage noch zu sehen ist. „Pirano“ ist der italienische Name für Piran. Die kleine Stadt liegt im Grenzgebiet: Italien, aber auch Kroatien sind ganz nah. Amtssprachen in der Gemeinde Piran sind Slowenisch und Italienisch. 18 000 Menschen leben hier, rund 4000 von ihnen im historischen Zentrum. Heute, am 2. Januar, ist die Stadt gut besucht. Viele Italiener und auch Österreicher verbringen ihre Weihnachtsferien hier. Das Wetter mag an diesem Tag nicht so recht mitspielen: Es ist kühl, erst am Nachmittag lässt die Sonne ihre Kraft spüren.
Venezianische Architektur und Geschichte in Piran
Vom 13. bis ins 18. Jahrhundert gehörte Piran genauso wie die Nachbarstädtchen Koper und Izola zur Republik Venedig. Gotische Spitzbögen, kleine Plätze, die farbigen Fassaden, der Markuslöwe ziert so manchen Palast – der venezianische Einfluss ist architektonisch ganz unverkennbar in dieser Stadt, die eine überaus anmutige Lage hat. Der 1980 verstorbene jugoslawische Autor Ciril Kosmač beschreibt sie so: „Wie der Bug eines riesigen Piratenschiffs durchschnitt es das wogende Meer und ich saß auf dem Gipfel des Hügels wie auf einem hohen Mast und fuhr mit.“
Tartini, Altstadt und Kaffeehauskultur
Nicht einmal 47 Kilometer misst der slowenische Küstenstreifen an der Adria. Die Piraner Altstadt presst sich auf eine Landzunge am Golf von Triest. Im 7. Jahrhundert wurde die Stadt erstmals schriftlich erwähnt. Griechen, Römer, Illyrer, die Franken, die Venezianer, kurzzeitig die Franzosen unter General Bonaparte, dann die Habsburger – sie alle haben hier ihre Spuren hinterlassen. Der berühmteste Sohn der Stadt ist der 1692 geborene Geiger, Komponist und Neuerer des Violinspiels Giuseppe Tartini, dessen Denkmal auf dem nach ihm benannten Hauptplatz, dem Tartinijev trg, steht. Von einem der im Winter geöffneten Cafés aus lässt sich die Bronzestatue aus dem späten 19. Jahrhundert bei einem Glas weißen Malvazija oder rotem Refošk herrlich entspannt betrachten.

Piran im Vordergrund, ein Streifen Italien in der Mitte und die schneebedeckten Gipfel der Dolomiten und Karnischen Alpen im Hintergrund. Die Piraner Altstadt presst sich auf eine Landzunge am Golf von Triest. Im 7. Jahrhundert wurde die Stadt erstmals schriftlich erwähnt. © Foto: Jaka Ivančič
Museen und Galerien in Piran – Kunst zwischen Meer und Geschichte
Nur wenige Schritte entfernt steht das Haus, in dem Giuseppe Tartini zur Welt kam. Heute ist in der frisch renovierten Casa Pizagrua ein kleines Museum untergebracht. Auch die Communità Italiana di Pirano hat in dem Palazzo ihren Sitz. Regelmäßig finden hier Kulturveranstaltungen und Konzerte statt. Ein außergewöhnlich schöner Ort für die bildende Kunst ist die Obalne Galerije Piran, die Stadtgalerie, wo derzeit Arbeiten des 1952 in Postojna geborenen Künstlers Aleš Sedmak zu sehen sind, der an der Akademie der Bildenden Künste und Design in Ljubljana studiert hat. In Piran zeigt er Gemälde, Druckgrafiken, Zeichnungen und naturkundliche Illustrationen in verschiedenen Techniken.
Kulinarik in Piran – Fisch, Wein und mediterraner Alltag
Piran beeindruckt durch sein Miteinander alpenländischer und mediterraner Kultur. Kaum ein schönerer Ort am Meer ist aus Süddeutschland und Österreich so schnell zu erreichen. Das kaiserliche Österreich brachte Wohlstand in das Fischernest – unter anderem durch die Wiederbelebung der Salinen von Sečovlje ganz in der Nähe. Die ganze Altstadt ist sehenswert, auch die engen Gassen in zweiter und dritter Reihe, wo wir ein schönes Apartment bei einem ganz und gar sympathischen Vermieter-Paar bezogen haben. In der Nähe gibt es kleine Geschäfte, eine Bäckerei, den traditionellen Gemüsemarkt – man taucht schnell ein, in den Alltag der kleinen Stadt am Meer.
Kirchen, Kloster und Stadtmauer von Piran
Die Höhepunkte in kunsthistorischer Hinsicht sind neben der begehbaren, aussichtsreichen Stadtmauer mit ihren Verteidigungstürmen, den sieben Stadttoren, darunter das gotische Dolfin-Tor, und dem vor einigen Jahren von dem Architekten Boris Podrecca neu gestalteten Tartini-Platz mit seinen repräsentativen Bauten (bis zur Habsburger Zeit befand sich hier noch das alte Hafenbecken, das dann zugeschüttet wurde) natürlich auch die Kirchen: An der Punta, der westlichen Spitze der Landzunge, steht Sveti Klementa, und alles überragend auf dem Hügel die Kathedrale Sveti Jurij, die dem heiligen Georg gewidmete Kirche von 1637. Der derzeit eingerüstete Campanile kommt einem bekannt vor. Ja, natürlich: Er ist dem Markusturm in Venedig sehr ähnlich, wenngleich deutlich kleiner. Seine Spitze ziert die Statue des Stadtpatrons Sankt Georg. In allen Kirchen sind jetzt noch Krippen aufgestellt.
Ein architektonisches Kleinod ist das Minoritenkloster des heiligen Franziskus mit seinem berühmten Kreuzgang, der regelmäßig für musikalische Veranstaltungen genutzt wird. Vom Kreuzgang aus gelangt man in den Sommermonaten in eine Gemäldegalerie mit Werken venezianischer Künstler, im Winter ist diese allerdings geschlossen. Nach so viel Kultur wird es Zeit für einen Kaffee. Diesen trinken wir in der Sonne auf der Terrasse des Caffe Neptun am Anfang der Hafenpromenade mit Blick aufs Meer. Innen ist das „Neptun“ ganz maritim gestaltet: Man wähnt sich an Bord eines Schiffs.
Eine schöne Alternative ist das historische Caffe Teater, integriert in das Tartini-Theater aus dem Jahr 1910, welches von dem Triester Architekten Giacomo Zammattio entworfen wurde und noch heute als Veranstaltungsort dient. Hier kann man auch an stürmischen Tagen schon ab 8 Uhr morgens sehr behaglich sitzen. Zudem hat die Bar bis 24 Uhr geöffnet. Die Terrasse mit Blick auf den Hafen ist großartig: Dort malte der in Grado, auf der anderen Seite des Golfes lebende Jugendstil-Plakatkünstler Josef Maria Auchentaller seine Piran-Bilder, von denen zwei als Reproduktionen im Caffe zu sehen sind – neben anderen Arbeiten zeitgenössischer Künstler und Künstlerinnen.
Wir blicken hinaus auf das aufgewühlte Meer. Heute Morgen pfeift die Bora, die Burja, besonders wild und rüttelt an den Fensterscheiben. Der Fallwind aus den Bergen: Er ist gefährlich. Er zurrt an den Masten und Wanten, fegt heftig über die Terrasse, braust über den Hafen, wo einst Filmgeschichte geschrieben wurde. Der in Böhmen geborene Filmemacher František Čáp, 1972 im nahen Ankaran verstorben und auf dem Piraner Friedhof begraben, drehte 1965 hier seinen Dokumentarfilm „Piran“ und schon einige Jahre zuvor, 1957, den Film „La ragazza della salina“ mit Marcello Mastroianni. Piran und Portorož waren in der Nachkriegszeit ein Zentrum des jugoslawischen Films mit einem eigenen Filmstudio in Fornače. Auch viele internationale Produktionen wurden hier realisiert. Stars und Sternchen waren zu Gast, wovon ein Katalog aus dem Jahr 2014 berichtet, der noch erhältlich ist.
Die nächste Station an diesem windgepeitschten Tag ist das 1954 gegründete Seefahrtsmuseum im klassizistischen Gabrielli-Palast, in dem die lange maritime Geschichte der Stadt anhand von Fotografien, Schiffsmodellen, Ausrüstungsgegenständen und Uniformen dargestellt wird. Auch die Bedeutung der Salzgewinnung für Piran und das Leben der Salinenbauern wird erläutert. Nur einige Schritte weiter stellt die Galerija Herman Pečarič, die zur städtischen Galerie gehört, in einer Dauerausstellung, die jedoch immer wieder neu gehängt wird, das äußerst sehenswerte Werk der 1981 verstorbenen Künstlers Herman Pečarič vor. Vor allem die Stadt Piran, die Umgebung und Istrien waren seine Motive.
Abends kehren wir im traditionsreichen Delfin ein, dem ein bisschen versteckt liegenden Piraner Restaurantklassiker. Gegrillter Fisch und Tintenfisch kommen auf den Tisch, dazu Kartoffeln mit Mangold und der weiße Malvazija, hernach ein Palačinke, Palatschinken, der sich von Österreich aus ins Slawische verbreitet hat. Nur wenige Schritte weiter kann man das Fritolin pri Cantini in schönster Lage am Prvomajski trg, am Platz des 1. Mai, empfehlen, wo auch die kleine, unkompliziert-urige Weinbar Cantina Klet ihre Gäste bewirtet. Die beiden Lokale arbeiten zusammen: Das Essen, vor allem Fisch und Meeresfrüchte, bestellt man am Fenster des Fritolin pri Cantini und kann es draußen auf dem Platz, aber auch in der Cantina Klet verspeisen.

Alles überragend in Izola steht die Kathedrale Sveti Jurij – die dem heiligen Georg gewidmete Kirche von 1637. Im Hintergrund der Golf von Triest. © Foto: Jaka Ivančič
Portorož und die Salinen von Sečovlje – Salz, Wellness und Geschichte
Am nächsten Tag, es ist ein wenig neblig und durchaus kühl, geht es auf eine kleine Radtour nach Portorož. Auch hier blickt man in die Vergangenheit. Das 1910 eröffnete Palace, heute von Kempinski betrieben, ist ein Grandhotel: ein riesiger Bau, das damals zweitgrößte Hotel an der Adria. Wer es sich leisten konnte, fuhr aus dem Kaiserreich nach Opatija oder hierher, nach Portorož, nur wenige Kilometer von Piran entfernt, welche sich auch herrlich zu Fuß auf der Meerespromenade bewältigen lassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg feierte der Ort eine neue Glanzzeit: Die Stars gingen ein und aus, Josip Broz Tito residierte gerne hier, auch Marcello Mastroianni und Sophia Loren waren da. Mittlerweile kann man hier kuren und sich ganz in verschiedenen Wellness- und Saunalandschaften verlieren. Manche Hotels öffnen ihre Wellnessbereiche für externe Gäste, etwa das „Histrion St. Bernardin Resort“ und die LifeClass Hotels & Spa. Sogar winterliches Freiluft-Badevergnügen ist gelegentlich zu beobachten: Es gibt Menschen, die beneidenswert gelassen ins 13 Grad kalte Meer steigen.
Vor allem jetzt im Winter findet man hier an der nördlichen Adria stille Orte voller Erzählungen, voller Geschichten: eine Sehnsuchtslandschaft.
Wir bleiben an Land und radeln am Palace und den vielen anderen Hotels des Rosenhafens, so die Bedeutung des Ortsnamens, und an der Marina vorbei, um die Salinen von Sečovlje, schon ganz nah der kroatischen Grenze, zu besuchen, wo von April bis August Salz abgebaut wird. Schon am Ortsrand von Portorož fallen die großen, historischen Salzlagerhäuser auf – in einem ist jetzt im Winter eine Schlittschuhbahn aufgebaut. Und dann, auf dem Rückweg, passiert es wieder: Die Sonne bricht aus dem Nebel hervor, spiegelt sich in der Adria – und sofort ist es anders. Die Sonne wärmt hier auch bei nur 8 oder 9 Grad. Wir trinken unseren „Bijela Kava“ selbstverständlich draußen, mehr noch, lassen uns ein Mittagessen mit Tintenfisch und Weißwein in der Sonne munden. Eine Empfehlung und von Einheimischen für seinen günstigen Mittagstisch geschätzt, ist die Gostilna Pinela im Ortsteil Lucija nahe des Busbahnhofs.

Das leuchtende Piran – der Abend beginnt: Kaum ein schönerer Ort am Meer ist aus Süddeutschland und Österreich so schnell zu erreichen. © Foto: Jaka Ivančič
Radeln auf der Parenzana – Von Piran nach Izola
Heute geht es wieder auf die Räder. Ziel ist das Städtchen Izola, das man via Portorož auf einem Teilstück der reizvollen Parenzana erreichen kann, dem länderverbindenden „Radweg der Gesundheit und der Freundschaft“. Dieser verläuft auf der ehemaligen Trasse der gleichnamigen Schmalspurbahn vom italienischen Triest bis in kroatische Poreč und führt durch einige Tunnel. Wie ein digitaler Zähler verrät, sind wir erst die Passanten Nummer 14 und 15, die an diesem Vormittag den ersten Tunnel in dieser Richtung durchqueren.
Man kann Izola aber auch zu Fuß erreichen: Wanderwege führen von Piran via Fiesa dorthin, zunächst am Meeressaum entlang, dann auf einem höher gelegenen Küstenpfad, ein kurzes Stück Straße, später durch die Salinen von Strunjan, zuletzt durch Olivenhaine und entlang der Steilküste – teilweise mit großartiger Fernsicht auf den ganzen Golf von Triest, sogar bis Grado hinüber. Unbedingt sollte man sich bei der Touristeninformation über die verschiedenen, gut ausgeschilderten Wanderrouten der Gegend informieren (es gibt ein Faltblatt).
Izola im Winter – Fischerei, Hafen und Altstadt
Kaum Touristen sind in dieser Zeit des Jahres hier in Izola. „Fast gar keine Gäste“, beschwert sich der Wirt – multilingual, wie viele Einheimische, man spricht nicht nur Italienisch und Deutsch, sondern meist auch fließend Englisch – der urgemütlichen Gostilna Ribič, wo man direkt neben dem Kaminofen sitzen kann. Sehr zu empfehlen sind hier die Fischsuppe und der Meeresfrüchte-Risotto. Das Fischerstädtchen mit seinem großen Yachthafen und der hübschen Altstadt lohnt unbedingt einen ausgiebigen Bummel.

Blick auf den Hafen von Koper und den Carpaccio-Platz mit Taverna (zu venezianischer Zeit ein Salzlager und Markthalle). © Foto: Jaka Ivančič
Koper entdecken – Venezianische Paläste und Kaffeehauskultur
Das Gleiche gilt für Koper mit seinem Industriehafen und ebenfalls verwinkelter Altstadt. Von Izola aus kann man mit dem Rad bis Koper weiterfahren – in beide Orte verkehrt aber auch regelmäßig ein sehr günstiger Linienbus von Piran aus. Wir nehmen am nächsten Tag den Bus und stehen schon bald auf dem zentralen Platz, dem Titov trg. Der Tito-Platz bietet kunsthistorisch Bedeutsames, vor allem den Prätorenpalast mit seiner Zinnenkrone und den Loggia-Palast aus dem 15. Jahrhundert, wo schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Kaffeehaus eröffnet wurde. Stilvoller kann man seinen Kaffee in Koper nicht trinken, dachte schon der französische Dichter Stendhal, der hier zu Gast war. Ein anderer, sehr schöner Ort, um die Wintersonne zu genießen, ist das Café am Yachthafen, die Kavarna Cappuccino Kroštola. Die italienische Gemeinde Kopers, die Comunità Italiana Capodistria, betreibt in einem Innenhof ebenfalls ein Café, das eine Einkehr lohnt. Das 1911 gegründete Regionalmuseum Koper ist ganz in der Nähe. Es hat seinen Sitz im Palast Belgramoni Tacco aus dem 17. Jahrhundert und zeigt die Geschichte der Stadt und des slowenischen Istriens.
Winter an der nördlichen Adria – Bora, Licht und Stille
Zurück in Piran gelangen wir durch die Grudnova-Gasse hinauf zu einem Panoramaweg, der einen fantastischen Blick über die Punta und den Hafen gewährt. Es ist später Nachmittag. Die Sonne geht unter, sofort wird es kühl. Es sind solche Gegensätze, die den Winter an der nördlichen Adria so lohnend machen. Am späteren Abend dann wieder hinein in das Altstadtlabyrinth, das sich zum Teil weit den Berg hinaufzieht. Nicht an Größe, aber an Charme kann es das von Zypressen und Pinien, Olivenhainen und Weinbergen umstandene Piran mit Venedig aufnehmen. Der Glanz der noch weihnachtlich illuminierten Stadt am Meer fasziniert immer wieder aufs Neue. Es ist nun ganz dunkel geworden, wir flanieren weiter zum Leuchtturm am Ende der Punta. Die schwarze Adria schlägt glucksend ans Ufer, dieses Meer, „heute teichruhig, morgen ein Ungetüm“, wie der Kärntner Peter Handke in „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ geschrieben hat. Immer wieder war Handke in Piran zu Gast.
Drüben leuchtet Triest, die Stadt des Autoren, Übersetzers und überzeugten Mitteleuropäers Claudio Magris, der die Möglichkeiten dieses Grenzlandes wie kein anderer beschrieben hat: „Ich bin in Triest geboren und aufgewachsen, auf einer Grenze, an einem Ort, der zuweilen ein Juwel ist, weil er Gelegenheit bietet, den vielschichtigen und vermischten Charakter einer jeden Identität zu entdecken“, so Magris. Immer wieder betonte er den „Wert der vermischten und vielschichtigen Welten“.
Fazit: Slowenien im Winter – Sehnsuchtslandschaft zwischen Kulturen
Hier, am Aufeinandertreffen der slawischen, slowenischen, kroatischen, venezianisch-italienischen, österreichisch-deutschen, ungarischen Welt, kann man nationale Grenzen wunderbar schnell hinter sich lassen. Den kroatischen Orten nahe der Grenze haben wir schon einen kurzen Besuch abgestattet, waren mit dem Auto in den Küstenorten Umag und Novigrad und in den Bergdörfern Buje und Grožnjan im Hinterland. Morgen oder übermorgen oder wann auch immer wollen wir mit dem Bus hinüber nach Triest fahren, um einen Kaffee im San Marco zu trinken. In dem 1914 eröffneten Café saßen einst Italo Svevo, James Joyce, Umberto Saba, Giani Stuparich, Giorgio Voghera, auch Fulvio Tomizza und Claudio Magris. Dann vielleicht weiter in den Karst, zu Schloss Miramar, nach Grado. Ma questa è un’altra storia …

Gefrorene Salzfelder in den Salinen von Sečovlje: Das Seefahrtsmuseum in Piran erläutert auch die Bedeutung der Salzgewinnung für Piran und das Leben der Salinenbauern. © Foto: Jaka Ivančič
Zunächst bleiben wir noch in Slowenien und denken über dieses Land nach, das uns nachhaltig beeindruckt. Kaum ein Staat auf der Welt, in dem mehr gelesen, in dem, proportional zur Einwohnerzahl, mehr veröffentlicht wird. „Jeder Felsen, jeder Baum, jeder Strauch, jede Straße, ein jedes birgt seine Erzählung“, schrieb der 1926 verstorbene slowenische Dichter Srečko Kosovel – und die Faszination, sie rührt tatsächlich vor allem aus dem Zusammenfallen der verschiedenen großen Kulturräume in diesem kleinen Land.
Vor allem jetzt im Winter findet man hier an der nördlichen Adria stille Orte voller Erzählungen, voller Geschichten: eine Sehnsuchtslandschaft. Und dafür müssen wir nicht in ein Flugzeug steigen – von Ober- oder Niederbayern sind wir in weniger als fünf Stunden mit dem Auto an der slowenischen Adria-Küste. Es ist eine Gegend, in der Grenzen fluide werden, eine Modellregion, in der die Möglichkeit zu erahnen ist, wie ein Miteinander jenseits des Nationalen doch sein könnte. Der 2017 verstorbene kroatische Schriftsteller Predrag Matvejević, ein großer Vermittler zwischen den Kulturen des adriatischen Raumes, hat die Adria in seinen 1987 erschienenen, leider vergriffenen Buch „Der Mediterran“ einmal als „Meer der intimen Nähe“ beschrieben. Das verbindende Element des Meeres, der Schifffahrt, der Wellen, Wolken und Winde, all das wird auf besondere Weise spürbar – bei dieser winterlichen Reise an die slowenische Adria.
Slovenia – Land of Contrasts
Davorin Tome, Jaka Ivančič
Dieses Buch ist eine Hommage an die atemberaubende Vielfalt Sloweniens – von Alpengipfeln und wilden Flüssen bis hin zu uraltem Wald, dramatischen Küstenlinien und versteckten Pfaden. Neben den Fotos finden Sie hier auch nachdenkliche Texte des Biologen Dr. Davorin Tome, der einen tieferen Einblick in die reichen Ökosysteme und Naturwunder des Landes gewährt.
59,99 €. www.jakaivancic.si
Erste Anlaufstelle für Infos zu Slowenien im Internet ist die Webseite www.slovenia.info
Hoteltipp für Bled:
Hotel Stari Farovž: www.blejskiotok.si/en/hotel-the-old-rectory/
Filmtipps:
Dokumentarfilm „Piran“: www.gov.si/en/news/2022-04-01-piran-tartini-cap/
„La ragazza della salina“: www.youtube.com/watch?v=htBVdzemKjM
Film-Katalog: kinoteka.si/izdelek/piran-v-filmu-koprodukcijski-casi-slovenije/




