DIE FREIHEIT ZUM RISIKO
Hans Kammerlander über Verantwortung am Berg und wo sie endet
Ein Eispickel fällt dir aus der Hand. Du machst einen falschen Schritt und brichst dir das Bein. Dein Schuh geht kaputt. Dein Leben? Wahrscheinlich vorbei. Jeder, der sein Tun dem Extremalpinismus verschreibt, kennt die Gefahren in der Ausgesetztheit der höchsten Berge. Wer so fanatisch ist, den alpinen Wettlauf mitzumachen, wie ich es einmal war, muss damit leben. Es ist ein Grenzgang zwischen Verantwortung und Risiko – und von außen wird dieser oft falsch wahrgenommen oder kritisiert.
Wie oft hört man nach einem extremen Ereignis am Berg: Das ist verantwortungslos! Ich habe mich immer geweigert, eine Vorbildfunktion in dieser Hinsicht zu übernehmen. Kein Extremalpinist empfiehlt, dass Menschen ihn nachahmen. Man kann das mit der Streif in Kitzbühel vergleichen. Wer gewinnt, wird zum Idol. Aber ist er deshalb ein Vorbild? Wohl eher nicht.
Das heißt aber nicht, dass Spitzenalpinisten ohne Verantwortung sind. Vorbereitung ist das erste Gebot. Der Rest? Das eigene, kalkulierte Risiko.
Wo Verantwortung am Berg beginnt
Wer unter Gleichrangigen ein Extremrisiko eingeht, entscheidet für sich. Im Freizeitalpinismus hingegen ist der Grenzgang zwischen Risiko und Verantwortung viel enger gesteckt. Ein Bergführer, der mit Menschen unterwegs ist, trägt eine andere Verantwortung. Und auch wenn bei einer Tour eine Person mehr Erfahrung mitbringt, ändert das die Voraussetzungen.
Nehmen wir die tragische Tour am Großglockner, wo ein erfahrener Alpinist mit seiner Freundin zum Gipfel wollte. Der Einstieg erfolgte viel zu spät, die bald völlig entkräftete Frau trug Snowboardschuhe und obwohl besonders im unteren Teil eine Umkehr möglich gewesen wäre, ist dies trotz der Schwierigkeiten nicht geschehen. Der Partner ließ sie alleine am Berg zurück, um Hilfe zu holen. Das Thema Verantwortung? Ausgeklammert.
Entscheidungen mit Reinhold Messner
Wie geht man mit Situationen am Berg um, die einem alles abverlangen? Ich habe so viele davon erlebt. Mit meinen Seilkameraden habe ich mögliche Risiken immer genau durchgesprochen. Da ging es zwischen Reinhold Messner und mir wie beim Pingpong hin und her.
Wir beobachteten die Wände, sahen Steine herunterfallen, entschieden, ob die Nacht der bessere Zeitpunkt zum Aufbruch wäre, und am Ende stand irgendwann ein gemeinsamer Plan. Es war nicht der Plan, der eine hundertprozentige Sicherheit versprach. Es war, nach dem, was wir wussten, der beste.
Erfahrung verändert den Blick auf die Gefahr
Die Erfahrung spielt bei der Einschätzung von Gefahren eine wesentliche Rolle. Je mehr du davon hast, desto klarer siehst du die gefährlichen Linien, den Eisbruch, wo ein Sérac abgehen könnte.
Das Eis hängt oben am Hang, es ist wie ein Teig, der ganz langsam Richtung Tal fließt. Sobald das Gewicht zu viel wird, bricht ein Stück weg. Wenn du die Gefahr nicht kennst, ist dir das egal. Aber sie zu sehen und es trotzdem zu riskieren – das ist eine andere Dimension.
Everest und Nanga Parbat: Kammerlanders größtes Risiko
Wenn ich danach gefragt werde, welche meiner Aktionen am Berg gemessen an Verantwortung und Risiko am gefährlichsten waren, dann fällt mir die Antwort leicht: meine Skiabfahrten vom Everest und Nanga Parbat.
Wir reden nicht von einer kurzen Strecke, sondern von einer „Abfahrt“ über Stunden. Ist unter dem Pulverschnee eine Felsplatte verborgen, bist du weg. Die Chancen, es heil nach unten zu schaffen, liegen vielleicht bei 50 Prozent.
Ich bin in meinem Leben immer wieder aufgebrochen und habe das Risiko in Kauf genommen. Es war mein Risiko. Dort liegt die entscheidende Grenze:
„Wer für sich entscheidet, darf viel wagen.“
Über den Autor: Hans Kammerlander
Hans Kammerlander ist einer der bekanntesten Extrembergsteiger der Welt. Der Südtiroler hat zahlreiche Achttausender bestiegen und wurde durch Expeditionen mit Reinhold Messner international bekannt. Seine Erfahrungen im Hochgebirge prägen bis heute seine Sicht auf Risiko, Verantwortung und die Grenzen des Machbaren.
Im ALPS Magazin schreibt Hans Kammerlander als Kolumnist über Grenzerfahrungen am Berg, Entscheidungen unter extremen Bedingungen und die Realität jenseits von Heldengeschichten.
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Mehr über den Extrembergsteiger und ALPS-Kolumnisten: Hans Kammerlander im Porträt.
Web: www.kammerlander.com




