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Berge versetzen Glauben: Zwei einsame Gipfel im Karwendel

Die Isar im Hinterautal bei Scharnitz im Morgengrauen, dahinter die Silhouetten der Karwendelberge.

Aufbruch im Morgengrauen: Über der Isar im Hinterautal beginnt ein einsamer Bergtag im Karwendel. © Fotos: Enno Kapitza

Allein aufbrechen, obwohl man Bergtouren sonst zu zweit erlebt. Enno Kapitza macht sich im Karwendel auf den Weg zum Hohen Gleirsch und zur Großen Seekarspitze. Zwei anspruchsvolle Tage führen ihn tief hinein in eine Landschaft aus Geröll, Fels und Stille – und zu Gedanken über Verletzlichkeit, Zuversicht und die besondere Kraft des Unterwegsseins.

Hoher Gleirsch: Allein ins Karwendel

Jemand beobachtet mich. Seit ich den Wanderparkplatz in Scharnitz im beinahe schon kalt zu nennenden Morgengrauen Mitte August auf meinem alten Mountainbike verlassen habe, bin ich niemandem begegnet. Begleitet einzig vom eigenen Schatten, ein mit meiner Bewegung sich über den Boden bewegender Scheinriese, geschaffen vom schrägen Licht der über den Bergen aufgehenden Sonne. Weit unter mir steht mein Fahrrad, versteckt an einer Weggabelung, bei der ich später am Tag meine Runde über den Gipfel wieder schließen möchte. Ebenfalls hinter mir ein kaum erkennbarer Pfad durch lichten Bergwald und Latschenkiefern, auf dem ich, immer steiler gehend, auf den nun weglosen, grasig-schrofigen Hang gekommen bin, der laut Karte von einer Senke namens Blutgraben durchschnitten wird. Über mir der Rücken des Hohen Gleirsch, wo ich sie nun stehen sehe, die Gämsenherde, die mein Tun offenbar seit einiger Zeit betrachtet. Sicherlich haben sie gehört, wie ich mich beim Gehen mit mir selbst unterhalten habe, und sind auf mich aufmerksam geworden. Eine skurrile Angewohnheit, die mir auf meinen seltenen Solotouren lieb geworden ist. Ich murmele der Herde von unten ein leises „Servus“ und etwas lauter noch ein „Griaß eich“ zu, ehe ich sie im Stillen bitte, mein Eindringen in ihr einsames Revier zu entschuldigen.

Etwas später, als ich oben am Anfang des langgezogenen Bergrückens pausierend im ausgetrockneten Gras sitze, waren sie lautlos weitergezogen in das stetig ansteigende Blockgelände, durch das auch ich noch zu dem von hier aus noch nicht sichtbaren Gipfel kraxeln muss. Was ich hier sehe, ist die Nordwand des Berges, die beinahe senkrecht und über eintausend Höhenmeter weit ins Hinterautal hinabführt, in dem sich das Wasser der hier noch jungen Isar eisblau mäandernd auf seinen weiten Weg gen München macht. Gegenüber baut sich die nächste Karwendelkette auf, über der die Große Seekarspitze einer Pyramide gleich thront. Rechts von ihr reihen sich die Gipfel bis zur mächtigen Birkkarspitze, unter der die Isar entspringt. Das Karwendel ist ein wunderbarer Ort, um einsam auf wilde Gipfel zu pilgern. Ein Mountainbike hilft, die teils großen Distanzen zu den Touren zu überwinden.

Die langen Zustiege im Karwendel verkürzt Enno Kapitza mit dem Mountainbike – danach geht es zu Fuß weiter Richtung Gipfel.

Einzelgängern jeglicher Couleur kann man in den Bergen zahlreich begegnen: Fauchenden Gamsböcken, die im Alter ab drei bis vier Jahren ihre Reviere allein durchstreifen. Älteren, unerschrockenen Steinböcken, majestätischen Steinadlern, unermüdlichen Trailrunnern, schweigsamen Bergsteigerinnen und Bergsteigern und heute auch mir.

Wenn die Bergtour zum Pilgerweg wird

Meine Frau und Bergpartnerin Uli hat erst kürzlich einen schweren Unfall erlitten, der ihr linkes Knie zertrümmert hat. Frühestens in einem Jahr kann sie wieder mit mir losziehen. Ein großer Schock für sie, auch für mich. Es fühlt sich seltsam an, meiner Leidenschaft einfach weiterzufrönen. Eine Mischung aus schlechtem Gewissen, dem Wunsch, für sie die Tour mitzuerleben, und tatsächlich aber auch die Gelegenheit, die Rolle eines Pilgers auf Zeit zu spielen. Der mühsame Gang auf den Hohen Gleirsch, den ich schon lange auf meiner Liste hatte, gleicht einer inneren Einkehr, bei der ich die für uns neue, schwierige Situation mit mir und den stummen Bergen reflektieren kann. Es fühlt sich gut an, die Gämsen in meiner Nähe zu wissen. Eine Pilgerreise habe ich noch nie unternommen, fühle jedoch, dass die Einsamkeit auf einer exponierten und anspruchsvollen Bergtour wie das Kondensat mehrerer Tage auf einem Camino sein könnte. Die Blicke in die größer werdende Ferne, wenn weitere Bergketten und Gipfel auftauchen, Menschen im Tal kaum noch sichtbar sind, die Stille greifbar ist und jeder Tritt und Griff sitzen muss. Die Konzentration auf das Steigen ohne Weg, die Orientierung in unbekanntem Gelände, die Freude darüber, einen Weg durch das Gewirr der Felsblöcke und -stufen zu finden. Das Gipfelkreuz, das zum ersten Mal in mein Blickfeld gerät. Immer noch weit entfernt, ein Fixpunkt, der denjenigen, die zu ihm gelangen möchten, einiges abverlangt.

Felswand des Hohen Gleirsch mit dem kleinen Gipfelkreuz vor blauem Himmel.

Noch weit entfernt wird das Gipfelkreuz des Hohen Gleirsch zum Fixpunkt über dem schroffen Fels.

Nur für sich selbst verantwortlich zu sein, wissend, dass man in einer Bergwelt unterwegs ist, die, seitdem ihre Gipfel Namen und Kreuze bekamen, immer noch größtenteils unverändert ist und lange Zeit bleiben wird, nachdem man selbst längst vergessen ist.

Wenige hundert Höhenmeter unter dem Gipfel begegnet mir ein anderer Einzelgänger. Von einem Felsblock herab faucht mich genervt ein Gamsbock an, bevor er mühelos ins Steilgelände verschwindet.

„Die Einsamkeit auf einer exponierten Bergtour kann sich anfühlen wie das Kondensat mehrerer Tage auf einem Camino.“

Drei Menschen treffe ich am großen Kreuz des Hohen Gleirsch. Stumm nickend grüßen wir uns, halten in unserer Gipfelpause schweigend Abstand und blicken jeder für sich in das von einem sommerblauen Himmel eingerahmte Karwendelrund.

Enno Kapitza steht am großen Gipfelkreuz des 2.492 Meter hohen Hohen Gleirsch im Karwendel.

Angekommen auf 2.492 Metern: Am Gipfelkreuz des Hohen Gleirsch wird aus dem einsamen Aufstieg ein Moment der Einkehr.

Lautlos ziehen harmlose Quellwolken über die schroffen Gipfel. Ich lasse mich am Kreuz fotografieren, schicke das Bild an Uli und mache mich auf dem steilen Normalweg ins Tal auf, wo ich beim teils anspruchsvollen Abstieg eine Begegnung mit einer Gämse mache, die mich an Fabelwesen glauben lässt. Wir stehen uns minutenlang in wenigen Metern Entfernung gegenüber, mustern uns und sind beide bewegungslos. Meine Müdigkeit in den Beinen ist danach wie weggeblasen, als ich mich auf den langen Endspurt zum meinem Fahrrad mache.

Tour auf den Hohen Gleirsch – 2.492 Meter

Ausgangspunkt: Scharnitz, Parkplatz P3 Schraffelbrücke oder einer der Parkplätze davor, sollte dieser schon voll sein.

Route: Mit dem Fahrrad die Hinterautalstraße bis zur Abzweigung an der Gleirschhöhe. Dort hinab zur Isar und wieder hoch bis zu einer Kreuzung, von der ein für Fahrradfahrer verbotener Wirtschaftsweg zum Blutsgraben hochführt. Ab da zu Fuß ca. 350 Höhenmeter bis zu einem nicht ausgeschilderten, aber in jeder Karte eingezeichneten Steig rechts des Blutsgraben bis ins weglose Gelände unterhalb des Rückens aufsteigen. Ab dem Rücken diesem immer folgen bis zum Gipfel. Von dort geht ein gekennzeichneter Steig hinab ins Gleirschtal. Dort auf einem breiten Weg zurück zum Fahrrad. 

Gesamtstrecke: 30,5 Kilometer
davon Fahrrad: ca. 12 Kilometer
Höhenmeter: 1.675
Dauer: 7–10 Stunden

Große Seekarspitze: Ein zweiter Pilgertag

Während Uli auch die nächsten Wochen ihr linkes Bein nicht belasten darf, nutze ich den Tag, an dem sich unsere Tochter einen ganzen Sonntag um sie liebevoll kümmert, um mein Bergweh nach einem weiteren Pilgertag im Karwendel zu stillen.

Es ist Ende August, im Hinterautal Richtung Isarursprung ist es vor Sonnenaufgang mittlerweile so kalt, dass ich es bereue, keine Handschuhe eingepackt zu haben und mit kurzen Hosen unterwegs zu sein. Der breite Wirtschaftsweg lässt sich einfach mit dem Mountainbike befahren, die wenigen Auf- und Abstiege sind sanft und ohne Mühe zu bewältigen. Über der Isar, die ich vor zwei Wochen noch aus der Vogelperspektive gesehen habe, steht leichter Nebel, hinter dem sich der Horizont rötlich einfärbt. Ich finde, obwohl völlig absorbiert von der Magie des einsamen Bergmorgens, den Einstieg zum Steig hinauf ins Breitgrieskar, den ich auf keiner Tourenbeschreibung zur Großen Seekarspitze gefunden habe. Das unten noch sehr schmale Kar hatte ich letztens vom Gipfel des Hohen Gleirsch entdeckt und auf meine Liste gesetzt.

Ein Weg, der sich immer wieder verliert

Eine Stunde später überlege ich ernsthaft abzubrechen. Erst musste ich mich mühevoll durch einen von Latschenkiefern überwucherten Steig schlagen, dem ich fälschlicherweise gefolgt war. Als ich dann aus einem Bachbett mühsam eine hohe Felskante hochkraxele, um den hoffentlich besser gangbaren Pfad zu finden, wird mir klar, wie leichtsinnig es ist, alleine auf so eine einsame Tour zu gehen. Meine Bedenken zerstreuen sich, als ich nach weiteren fordernden, aber nicht gefährlichen Steilstufen endlich das sich weit öffnende Kar betrete, das beidseitig von hohen Felswänden eingerahmt ist. Ich fühle mich wie nach einer Mondlandung.

Eine Gämsenherde zieht über eine steile Schutthalde im Breitgrieskar im Karwendel.

Karge Kost: Im einsamen Breitgrieskar beobachtet eine Gämsenherde den Wanderer – und zieht schließlich über die Schutthalden davon.

Schutthalden, Geröllfelder, surreal wirkende Felsen und keine Wegmarkierungen, aber auch keine Absturzgefahr. Die letzten zwei Stunden hatte ich mehr geflucht als mit mir geredet, nun plappere ich einfach über Dinge, die mir einfallen.

Bergsteiger am Gipfelkreuz der 2.677 Meter hohen Großen Seekarspitze im Karwendel.

2.677 Meter: Am Gipfel der Großen Seekarspitze wird der Blick auf das Kreuz für Enno Kapitza zum Gedanken an Dankbarkeit und Zuversicht.

Und wieder werde ich dabei beobachtet. Erneut wundert sich eine Gämsenherde, was dieser Typ hier allein in ihrem Revier macht. Sie haben keine Lust, mich kennenzulernen und hüpfen in einer schwerelosen Leichtigkeit, die mich kurz wirklich glauben lässt, auf dem Mond zu sein, davon. Endlich auf dem breiten Joch der Breitgrieskarscharte angekommen, sehe ich die skurrile Biwakschachtel, die auch eine verlassene Mondstation sein könnte. Selten hatte ich das Gefühl, so fernab jeglichen Alltags zu sein wie hier und heute, obwohl ich jetzt zum ersten Mal am Tag andere Wanderer treffe.

Schroffe graue Felswände und Gipfel im Karwendel unter blauem Himmel und weißen Wolken.

Fern vom Alltag: Im oberen Breitgrieskar bestimmen Fels, Geröll und Stille die Landschaft.

Beim Schlussanstieg zur Großen Seekarspitze feuere ich mich selbst laut gebetsmühlenartig an. Auf dem exponierten Gipfel angekommen, mit viel Wind um die Ohren und weiten Blicken auf die karge Umgebung, spüre ich Dankbarkeit für all die Touren, die ich mit Uli bereits unternehmen durfte. Wenngleich ich nicht religiös bin, lässt mich der Anblick des Gipfelkreuzes hier oben daran denken, dass Berge auch Glauben versetzen können. Ich fasse Zuversicht, dass die langdauernde Heilung von Ulis Knie zu einem guten Abschluss kommen wird.

Blick durch das felsige Breitgrieskar hinauf zur Großen Seekarspitze unter blauem Himmel.

Schutt, Geröll und kaum erkennbare Steige: Über dem Breitgrieskar rückt die Große Seekarspitze ins Blickfeld.

Tour auf die Große Seekarspitze – 2.677 Meter

Ausgangspunkt: Scharnitz, Parkplatz P3 Schraffelbrücke oder einer der Parkplätze davor, sollte dieser schon voll sein.

Route: Mit dem Fahrrad über die erst geteerte, später gekieste Hinterautalstraße links der Isar entlang ca. sieben Kilometer bis zur Brücke über den Breitgrieskarbach. Dort beginnt ein unbeschilderter Steig. Idealerweise hat man sich die Gebietskarte samt eingezeichneten Steigen auf eine Navigations-App (z. B. Outdoor-active, Alpenvereinsaktiv, Komoot u. a.) geladen.

Von dort knapp 1600 Höhenmeter Aufstieg über einen schmalen Steig, der sich immer wieder verliert.
An der Biwakschachtel trifft man auf den Toni-Gaugg-Höhenweg, dem man aber nicht folgt, sondern den rechten Steig Richtung Große Seekarspitze nimmt. Vor dem Gipfel leichte, teils ausgesetzte Kraxelei.

Gesamtstrecke: 27,5 Kilometer
Höhenmeter: 1.805
Dauer: 6–8 Stunden

Hinweis

Für beide Touren sind ausgezeichnete Kondition, Bergerfahrung und Orientierungsfähigkeit nötig. Alleingängern wird dringend empfohlen, ein voll geladenes Handy, eine kleine Powerbank, ausreichend Verpflegung und Getränke sowie ein Notfallset dabeizuhaben.

Außerdem sollte man einer Vertrauensperson mitteilen, wo man unterwegs ist, damit diese, wenn man sich bis zu einer vereinbarten Uhrzeit nicht zurückmeldet, die Bergrettung informiert.